HEUTE: „Beim Nachbarn knallt‘s – Was tun?“ Hilfe und Rat beim Infotag
Das so genannte Gewaltschutzgesetz feiert sein 10jähriges Bestehen – wenn man bei dieser Thematik vom Feiern reden darf. Wer sich jedoch an die „Rechte“ der Frauen vor dieser Zeit erinnert, dann ist das sehr wohl ein großer Schritt nach vorn. HEUTE ab 13 Uhr findet dazu im Rahmen des Internationalen Tages “Keine Gewalt gegen Frauen” ein Infonachmittag statt.
Amei Wiegel vom Frauenhaus Celle weiß: „Eine Frau, die Gewalt erlebt und die Polizei ruft, kann sofort Hilfe erwarten. Die Polizei kann den Täter der gemeinsamen Wohnung verweisen und weitere Sanktionen androhen, wenn er sich nicht daran hält. Der Platzverweis dient auch dazu, dass die Frau genug Zeit hat, auf diese Gewalt zu reagieren. Das war noch 2001 nicht möglich.“ Experten hofften mit dem Gesetz auch, dass auf längere Sicht damit Frauenhäuser überflüssig würden. „Das hat sich aber leider nicht bewahrheitet, im Gegenteil“, bestätigt Claudia Schwering vom Haus der Familie. Aber die Klientel habe sich geändert: „Jetzt kommen andere Frauen als damals in die Frauenhäuser.“
Jede vierte Frau erfahre mindestens ein Mal im Leben Gewalt, sagt die Statistik. 45000 von ihnen landen pro Jahr in rund vierhundert Frauenhäusern bundesweit. In Celle sind es bis zu 80 im Jahr, davon die Hälfte Kinder. Die Dunkelziffer bleibt hoch, denn „viele Frauen haben Angst, dass sie wirtschaftlich nicht zurecht kommen – ein beliebtes Druckmittel der Männer“, so Brigitte Fischer, die als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Celle gemeinsam mit dem „Runden Tisch gegen häusliche Gewalt“ diesen Infotag in der Alten Exerzierhalle ausrichtet.
„Auch wenn es offiziell Fachtagung heißt, laden wir ganz bewusst nicht nur Experten, sondern den Nachbarn, den Freund, Bekannte und Angehörige ein, die in ihrem Umfeld Gewalt vermuten. Ihnen wollen wir helfen, sich nicht nur richtig zu informieren, sondern auch in der Not gekonnt zu helfen. Betroffene selbst werden wohl nicht zu dem Tag kommen, umso wichtiger ist die Zivilcourage im Umfeld der Opfer.
Uwe Geyler, Präventionsbeauftragter der Polizei Celle, bedauert: „Viele Strafverfahren gehen den Bach runter, weil manche Frauen irgendwann einknicken. Darum ist s wichtig, dass es Zeugen gibt und den Täter entsprechend zur Verantwortung ziehen – denn für Gewalt gibt es keine Rechtfertigung.
Auch Täter selbst können sich Hilfe holen. Viele sind über sich selbst erschrocken, z.B. wenn Alkohol ihre Gewaltbereitschaft erhöht. „Das Celler Interventions Projekt (CIP) richtet sich an schlagende Männer. Sie müssen einmal die Woche diesen Kurs besuchen und lernen, was es bedeutet, wenn Frauen Gewalt erfahren“, so Sabine Oswald von der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Stadt Celle.
Es sei nicht selbstverständlich, ein 24-Stunden-Notruftelefon anbieten zu können – in Celle gibt es gleich zwei davon: 05141/6633 und 05141/25788. Ein Gesetz für eine bundesweit einheitliche Notrufnummer sei bereits auf dem Weg, versichert Amei Wiegel. 2013 könne diese starten. Katharina Sander, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises: „Woanders landen Frauen oft auf einem Anrufbeantworter oder werden auf Öffnungszeiten verwiesen. Das ist fatal – vor allem, weil Gewalt meist abends oder nachts stattfindet.“
Wie dringend eine Notrufnummer ist, wird bereits während des Pressegespräches deutlich: In der halben Stunde klingelte das dazugehörige Mobiltelefon zwei Mal.
Hintergrund
Runder Tisch gegen häusliche Gewalt – Gegen MännerGewalt in der Familie
Der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt in Celle ist ein Zusammenschluss von Fachleuten, die in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich mit dem Thema Häusliche Gewalt konfrontiert sind. Vertreten sind die Polizei, die Jugendämter von Stadt und Landkreis Celle, die BISS-Stelle in Celle, die beiden Frauenschutzeinrichtungen, das Linerhaus/JuMP, die Staatsanwaltschaft, das Familiengericht, der Kinderschutzbund, der Weiße Ring, die Opferhilfe Niedersachsen und natürlich die Gleichstellungsbeauftragten der Stadt und des Landkreises Celle.
Ziel des Runden Tisches ist es, durch eine gute Vernetzung, öffentlichkeitswirksame Aktionen und Qualifikation aller am Thema Beteiligten die Situation zugunsten der Opfer von Gewalt zu verbessern.
Der Runde Tisch tagt vier bis fünf Mal jährlich. Die Treffen werden im Wechsel von der Polizei und den beiden Jugendämtern von Stadt und Landkreis Celle organisiert und geleitet. Der Runde Tisch führt regelmäßig Veranstaltungen zum Thema „Häusliche Gewalt“ durch. Die Gleichstellungsbeauftragten der Stadt und des Landkreises sind jeweils im Wechsel verantwortlich für die begleitende Öffentlichkeitsarbeit.
Das Notfallmerkblatt “Häusliche Gewalt” finden Sie hier.
Onlinehilfe bei häuslicher Gewalt
Wer Häusliche Gewalt erleidet, kann sich auch im Internet Hilfe holen. Die neue Website www.gewaltschutz.info ermöglicht Opfern häuslicher Gewalt, sich zu informieren, eine Trennung überlegt vorzubereiten und die bei der Trennung nötigen „Ämtergänge“ zu verstehen. Auch allen anderen Interessierten, MultiplikatorInnen oder Fachleuten bietet diese Website Informationen, um Opfer zu unterstützen. Die Themen sind verständlich und übersichtlich aufbereitet. Insbesondere die Linksammlung bietet eine Übersicht für weitere Hilfsangebote, auch für Gewaltausübende.
Hilfsleitfaden Zwangsheirat/Gewalt im Namen der Ehre
Erstmalig steht für die Arbeit mit von Zwangsheirat/Gewalt im Namen der Ehre betroffenen Mädchen und Frauen ein sehr empfehlenswerter Hilfsleitfaden zur Verfügung. Sie können den Hilfsleitfaden auf der Homepage von TERRE DES FEMMES, der Menschenrechtsorganisation für Frauen, unter www.frauenrechte.de herunter laden. Leider können Sie keine gedruckte Fassung bestellen.
Die interaktive PDF-Datei hat ca. 80 Seiten. Sie enthält z.B. auch Informationen über Themen wie „Kostenübernahme bei Flucht von minderjährigen Mädchen durch das Jugendamt“ oder „eigenständiges Aufenthaltsrecht für minderjährige Mädchen“, aber auch Informationen zu Ehe- und Familienrecht. Das „Wichtigste in Kürze“ ist in jedem Kapitel noch einmal zusammengefasst, so dass sich schnell lein Überblick verschaffen lässt.
Über den Autor
Verwandte Artikel
Schreibe einen neuen Kommentar
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.

