“Haack – das ist doch der, der immer….” Gern unterbreche ich Sätze wie diese und frage: “Kennen Sie ihn persönlich?” Meist wird diese mit “Nein, nur aus der Zeitung” beantwortet, gefolgt mit einem “aber der will doch nur…”. Ja, was will er denn nur bzw. was wollte er? Konkrete Antworten Fehlanzeige. Und auch Monate nach Ende seiner aktiven Ratsarbeit wird im zitierten Medium weiter gegen ihn Stimmung gemacht. Der Westerceller bleibt gelassen und lernt offenbar, “das Leben nach der aktiven Politik” mehr und mehr zu schätzen – was so wohl nicht ganz stimmt. Denn nach dem “CDU-Liebesentzug” hat er bei den “Unabhängigen – Bürger für Celle” eine neue Heimat gefunden. Immerhin prägte der gebürtige Thüringer 35 Jahre das politische Geschehen in Celle und hält damit wohl bundesweit den Rekord nach 1945. Grund genug für uns, mit etwas Abstand zur medialen Schlammschlacht auf ein Wort nachzufragen: “Ja, was woll(t)en Sie denn eigentlich nur?”
“Gegen öffentliche Hetzkampagnen war ich wehrlos”
Dr. Wulf Haack:
“Als ich 1976 erstmals in den Stadtrat gewählt wurde, ging es um einen geplanten zentralen Friedhof in Lachtehausen, den wir Westerceller nicht wollten. Und der Einsatz für unseren eigenen Westerceller Friedhof war im Ergebnis erfolgreich. Was aber keiner ahnen konnte – die Parteispitze hätte im Übrigen schon damals meine Kandidatur gern verhindert – war die Tatsache, dass mich die Wähler erst nach 35 Jahren aus der Ratsarbeit wieder entlassen und in den politischen Ruhestand schicken würden. Für einen nun 71-Jährigen ist dieser demokratische Schlussstrich unter ein auch im ehrenamtlichen Bereich erfolgreiches Leben in Ordnung – wie gut, dass es alle fünf Jahre Wahlen gibt.”
CelleHeute.de: “Spaltpilz, Machtmensch, Quertreiber”… So richtig freundlich waren die einst monopolistisch geprägten Schlagzeilen Ihnen gegenüber nie. Wo vermuten Sie die Gründe?
Dr. Wulf Haack:
Ab 1981 endeten meine Wahlbriefe immer mit folgendem Schlusssatz: „Ich bin nicht immer ein ganz bequemer Vertreter der Bürgerinnen und Bürger im Rat. Und daran wird sich in meiner Person auch in Zukunft nichts ändern“. Das war ein Versprechen und Programm zugleich. Denn ein stromlinienförmig angepasstes Verhalten ist und war nie meine Sache. Ich war kein „Parteisoldat“, der so abgestimmt und geredet hat, wie es die Parteizentrale gerade wollte, auch nicht in der weit über 10-jährigen Funktion als Vorsitzender des aktiven CDU-Ortsverbands Westercelle.
Das Beste in dieser Zeit als Parteivorsitzender, in gemeinsamer Führung mit meinem Freund Heinz Brandes, soll das
alljährliche Grünkohlessen bei Wietfeldt in Bennebostel gewesen sein, wie mir vor kurzem versichert wurde. Eine aus meiner Sicht schlimme Verbindung zwischen meinen Partei-Oberen und der hiesigen Tagespresse haben mir in den
letzten sieben Jahren stark zugesetzt. Gegen diese mit der ECE-Diskussion beginnende diffamierende und verunglimpfende Berichterstattung und öffentliche Hetzkampagnen war ich wehrlos. Und wie Parteien mit Mitgliedern umgehen, wenn sie nicht der jeweiligen Parteilinie sondern dem eigenen Gewissen folgen, ist inzwischen bundesweit unübersehbar. Jüngstens hat die Diskussion um den sogenannten Rettungsschirm mit beängstigender Deutlichkeit gezeigt, wie weit diese Verrohung im politischen Umgang bereits gediehen ist.
CelleHeute.de:
Die Taktik von Christian Wulffs Hintermännern ist, durch langes Aussitzen die Schuld am Ende den Medien zuzuschieben – Sie selbst sind sich keiner bewusst?
Dr. Wulf Haack:
Es darf nicht sein, dass eine höchstpersönliche Gewissensentscheidung, die nicht der Parteilinie entspricht, auch
mit den Mitteln des Rufmords verunglimpft wird. Rufmord erweist sich als Krebsschaden innerhalb eines demokratischen Gemeinwesens. Die Trennung zwischen der Celler CDU und mir nach über 40-jähriger Mitgliedschaft bekundet den natürlichen Schlusspunkt unter den unschönen Ärgernissen der letzten Jahre. Auslöser war der Versuch, mir von der Parteizentrale vorzuschreiben, wie ich im Rat über das Einkaufszentrum abzustimmen habe. Und dem habe ich mich widersetzt und meiner persönlichen Meinung folgend, gegen das Einkaufszentrum argumentiert und gestimmt.
CelleHeute.de:
Aber Sie haben nicht nur Feinde, hoffe ich?
Dr. Wulf Haack:
Ich habe in der seinerzeitigen DDR erlebt, wie der Freiheitsverlust die Menschen knechtet. Als junger Mensch floh ich in Deutschlands demokratischen Westen, um als freier Mann in einem freien Land leben zu können. Und ich hatte viel Glück, weil sich die Westerceller Helmut und Irmgard Thiele meiner angenommen haben und zu meinen Vizeeltern geworden sind. Praktizierte Nächstenliebe und Menschlichkeit – das war das, was ich als Fremder in dieser großen und hoch angesehenen Familie erleben durfte. Die Eheleute Thiele gaben einem Fremden vor nunmehr 50 Jahren ein zu Hause und mir in Westercelle eine neue Heimat.
Hotel statt “Rathäuschen”
CelleHeute.de:
Worauf blicken Sie in den 35 Jahren Ihrer politischen Karriere gern zurück?
Dr. Wulf Haack:
Meine beruflich erfolgreiche Arbeit wurde in der knapp bemessenen Freizeit von meiner ehrenamtlichen Ratstätigkeit begleitet. Ich bin ein wenig stolz darauf, dass ich Ende der 80er Jahre – mit einem Trick – gegen eine große Ratsmehrheit den Baubeginn für ein Rathaus am Nordwall zeitlich so verzögern konnte, dass nach der Wiedervereinigung die 77-er Kaserne zum Neuen Rathaus umgebaut und auf das „Rathäuschen“ am Nordwall verzichtet werden konnte. Auf dem ursprünglich für das „Rathäuschen“ vorgesehenen Gelände des ehemaligen Hermann-Billung-Gymnasiums am Nordwall steht heute ein Hotel. Für mich war es dann ein besonderes Vergnügen, als Vorsitzender des Bauausschusses den Umbau der 77er-Kaserne zum Rathaus und die Planung des Kasernengeländes zu einem neuen Stück Stadt begleiten zu dürfen. Die den Baubeginn am Nordwall erfolgreich verzögernden Ausgrabungen der alten Festungsanlage förderten eine kleine mittelalterliche Marienfigur aus Sandstein zu Tage. Einen Abguss dieser Figur habe ich hoch oben über der Rathausuhr am Haupteingang des Neuen Rathauses einmauern lassen – die heimliche Schutzpatronin unseres neuen, schönen Rathauses im alten Gemäuer.
“Ich habe in meinem sehr erfolgreichen und recht abwechslungsreichen Leben nie den steinigen Weg der Pflicht gemieden, um den fröhlichen Weg der Anerkennung zu beschreiten. So hat es mein preußischer Vater beim Verlassen des Elternhauses in Apolda/Thüringen dem damals 14 Jährigen (Augustiner Kloster Erfurt, Internatsoberschule Gotha, Flucht in die BRD) mit auf den Weg gegeben – und es war mir ein guter Ratschlag. Ob ein solcher Ratschlag in unserer „alle – sind – meine – guten Freunde – Zeit“ noch besonders empfehlenswert ist, sei dahingestellt.”
Und noch etwas freut mich von Herzen: Ich habe es verhindern können, dass die vom damaligen Oberbürgermeister durchgesetzte Schließung des Westerceller Freibades tatsächlich vollzogen wurde. Die unter meinem Weihnachtsbaum vor zehn Jahren „aus dem Stand“ gegründete „Bürgerinitiative Freibad Westercelle“ hat in allerletzter Minute tatkräftige Männer und Frauen zusammengeführt, die dieses schöne Freibad erhalten haben. Und mit den inzwischen stadtweit anerkannten jährlichen Festlichkeiten ist dieses Freibad darüber hinaus zu einem neuen Mittelpunkt für gelebte und erlebte Nachbarschaft für alle Westerceller geworden.
Diese große und erfolgreiche Bürgerinitiative durch eine fördernde Mitgliedschaft zu unterstützen, sollte für jeden Celler Ehrensache sein. Auch die Sanierung des Sportheims Westercelle durch die Stadt habe ich gegen viele Widerstände durchgesetzt. Es war auch gut für die Mieter der Celler Wohnungs-baugesellschaft (WBG) und für die Stadt, dass dieses wertvolle Celler Tafelsilber von der Stadt nicht verscherbelt werden konnte. Hier machte ich dem damaligen Oberbürgermeister einen dicken Strich durch die Rechnung.
Ganz entscheidend für Celles Zukunft: Ich habe mich erfolgreich gegen den wiederholten Versuch zur Wehr gesetzt, mit Einkaufzentren – erst ECE und dann Gedo – die Celler Innenstadt existentiell zu gefährden.
CelleHeute.de:
Als Tenor kommt aber schon durch, dass Sie Dinge verhindert haben – immer ganz selbstlos?
Es geht mir um die Stadt, nicht um mich. Rückblickend würde ich diesen beschwerlichen Weg immer wieder gehen – unserer Stadt zuliebe. Ein ganz persönliches Anliegen war mir der Aufbau des Haesler-Museums, das europaweit einmalig eine originale Arbeiter-Bauhauswohnung zeigen kann. Celle als die „Stadt zwischen Fachwerk und Bauhaus“ in das Bewusstsein der touristischen und heimischen Welt zu tragen, ist meine Freizeitarbeit für unsere interessante Stadt.
“Krasse Fehlentscheidung wird sicher korrigiert”
CelleHeute.de: In den letzten Monaten Ihres politischen Lebens mussten Sie aber auch Niederlagen einstecken. Der Verlust des Ratsvorsitzes, der Rauswurf aus der CDU…
Ja, vor allem eine bittere Niederlage. Es ist nicht gelungen, die Umbenennung des Helmuth-Hörstmann-Wegs zu verhindern. Für mich und viele Celler Bürger war es ein zutiefst beschämendes Ereignis, dass gegen den legendären Oberbürgermeister Dr. Helmuth Hörstmann eine bösartige Kampagne vom Zaun gebrochen wurde. Es wurde behauptet, Hörstmann habe wegen seiner Tätigkeit in NS-Zeiten Flecken auf seiner politischen Weste. Der Kommission, die die Umbenennung empfohlen hat, wurden wichtige Archivunterlagen vorenthalten, die die Persönlichkeit von Dr. Hörstmann als Menschen kennzeichnen, der vielen, auch jüdischen Mitbürgern, in Zeiten schwerer Verfolgung und Todesgefahr geholfen hat. Diese Archivunterlagen, insbesondere die Aussagen von Zeitzeugen, ergeben eindeutig, dass Dr. Helmuth Hörstmann in Wort, Auftreten und Handeln kein Träger, Unterstützer oder auch nur Nutznießer, sondern ein Kritiker des nationalsozialistischen Unrechtssystems war.
Ich bin sicher, dass eines Tages diese krasse Fehlentscheidung des Rates korrigiert wird. Auf alle Fälle wird unser Volksbürgermeister „Ami“ Hörstmann weiter in den Herzen der Celler Bürger leben, weil er liebenswert, redlich und wahrhaft honorig war.
CelleHeute.de: Was läuft aus Ihrer Sicht gut in Celle?
Als ich Anfang der 70er Jahre in der Gemeinde mit vielen anderen Bürgern Unterschriften gegen die drohende Eingemeindung gesammelt habe, glaubten wir an keine gute Zukunft in der damals noch kreisfreien Stadt Celle. Denn schließlich waren wir unter Führung von Bürgermeister Willy Hasselmann und dem tüchtigen Gemeindedirektor Günter Schulze eine gut geführte und finanzstarke Gemeinde. Aber die Befürchtungen haben sich als unberechtigt erwiesen. Wir haben eine gute Infrastruktur, bis hin zu einer Reservefläche für unsere tatkräftige Feuerwehr auf dem Gelände des ehem. Landgestüts zwischen Hannoverscher Straße und Triftweg. Diese Fläche konnte Anfang der 90er Jahre in Aufnahme einer Anregung des damaligen Ortsbrandmeisters Bernhard Busche für Feuerwehrzwecke vorsorglich reserviert und damit für die Zukunft gesichert werden.
Wir haben einen aktiven Ortsrat, ein funktionierendes Vereinswesen – es macht Freude, in Westercelle wohnen und leben zu dürfen. Es war trotz aller Widrigkeiten in der letzten Ratsperiode eine schöne Aufgabe, für unseren Ortsteil und unsere Stadt 35 Jahre Verantwortung tragen zu dürfen.
Jetzt sind Jüngere gefordert, und ich bin sicher, dass mit den nunmehr in der Verantwortung stehenden Männern und Frauen auch in Zukunft eine gute Entwicklung für unseren Ortsteil und unsere Stadt gesichert ist, wofür ich allen Mandatsträgern Erfolg, gute Ideen, Stehvermögen und vor allem Gottes Segen wünsche.

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