“Mein Freund, der Baum” – dieses Lied haben derzeit wohl einige im Ohr, wenn es um das Thema “Sichtachse und bedrohte Baumarten” geht. Aber wer dieses Lied ausgerechnet jetzt angestimmt hat und warum – ein Schweigen im Wald. Alle Jahre wieder werden Stimmen aus der politischen Hinterbank laut: “Die Bäume vorm Schloss müssen weg.”, allen voran die Wählergemeinschaft – Rückenwind gibt nun ein Leser einer “Zeitung”, der sich samt Foto im Lokalteil ebenfalls dafür stark macht. Er ist sicher: Sie stehen einer so genannten “Sichtachse” im Weg. Was genau ist eine Sichtachse und vor allem: Wer definiert diese? Auch darüber herrscht Unklarheit – sogar Wikipedia hilft in diesem konkreten Fall nicht wirklich weiter.
Klarheit hingegen schafften am Morgen Mitglieder des Arbeitskreises Bürger für Celle (ABCe). Mit Schildern wie „Ich möchte nicht der Sichtachse zum Opfer fallen“ wollen sie die, von wem auch immer bedrohten, Bäume schützen. Ute Reich vom ABCe ist überzeugt: “Jeder Tourist hat das Schloss gefunden.“ Nach den Erfahrungen vor einigen Jahren, als quasi in einer Nacht- und Nebelaktion die Bäume vor der Stadtkirche gefällt wurden, will man dieses Mal Unkenrufe ernst nehmen.
Von offizieller Seite droht jedenfalls keine Gefahr: Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende hat das Fällen der Bäume nicht auf seiner Agenda. Im Gegenteil: “Der Wechsel von Sommer zu Winter mit der Möglichkeit, das Schloss zu sehen oder eben vorübergehend den Blick durch Bäume verdeckt zu haben, finde ich ganz angenehm.”, so Mende. ”Ich finde es gut, dass man im Winter das Schloss von der Stadt aus sieht, und ich finde es auch gut, dass dort im Sommer belaubte Bäume Schatten spenden. Überlegungen, daran etwas zu ändern, überlasse ich der Politik.“
Aber genau von dort droht Gefahr, glauben die Umweltschützer. Auf Nachfrage von CelleHeute wurden allerdings nur die Grünen und die WG konkret. Joachim Falkenhagen von der FDP weiß zwar nichts von der ABCe-Aktion, hat aber eine Erklärung parat: “Wahrscheinlich machen die Grünen eine Aktion, um ihr Profil zu verdeutlichen und um ihre Anhänger zu beeindrucken.”
Jens Rejmann von der SPD findet, dass “einiges dafür spricht, die historische Sichtachse wieder herzustellen – auch und gerade aus touristischen Gründen. Es bleibt eine Frage gesellschaftlicher Akzeptanz. Wir werden den Sachverhalt in unserer Fraktion erneut diskutieren.”
Heiko Gevers von der CDU sieht das ähnlich, aber: “Die Fraktion hat sich mit der Thematik noch nicht befasst. Damit liegt natürlich auch noch keine Aussage des zuständigen Fachausschusses vor, dessen Vorsitzender ich bin”. Aus privater Sicht könne er sich eine Sichtachse zwischen Stechbahn und Schloss gut vorstellen. Wenn dort Bäume gefällt werden, müssten sie an anderer Stelle wieder aufgeforstet werden.”
Stichhaltige Argumente liefern derzeit nur die Wählergemeinschaft (sie hat den Antrag zum Abholzen bereits 2007 in den Rat eingebracht) und die Grünen, die konträrer kaum sein können. Zur Erinnerung der Wortlaut des Antrages:
Der Rat der Stadt Celle wird gebeten zu beschließen, dass
c) 2-4 Bäume vor dem Schloss unter Hinzuziehung von Gartenexperten so gestaltet werden, dass die Sicht auf das Schloss von Frühling bis Herbst nicht länger verstellt wird.
Begründung
Bei den Bäumen am Schloss sehen wir dies ähnlich: Jeder einzelne ist uns lieb und wichtig – aber wenn sie wichtigeren städtebaulichen bzw. touristikwirtschaftlichen Zielen im Wege stehen– so wie die 2-4 Bäume, die den Blick auf das Schloss regelmäßig mehr als die halbe Zeit eines Jahres verstellen – dann sollte hier ausgedünnt oder entfernt werden. Gleichzeitig müsste ggf. für kleinwüchsigeren Ersatz gesorgt werden.
In einer derart sensiblen Frage sollten Experten aus den Fachbereichen Landschaftsplanung, Gartenbau- und Gartenbauhistorik hinzugezogen werden, damit die positive Optik und Ausgestaltung und Ausstrahlung des Schlossvorplatzes durch diesen Eingriff in die Struktur der Anlage keinesfalls Schaden nimmt.
WG-Vorsitzender Torsten Schoeps versichert: “Es geht uns nicht um historische Sichtachsen – es geht uns darum, Natur – also die Bäume im Schlosspark- und das Gesamterscheinungsbild unserer Stadt in Einklang zu bringen – zum Wohle aller Bürgerinnen und Bürger bzw. Besucherinnen und Besucher unserer Innenstadt.
Bleibt die Frage nach der Definition eines Gesamterscheinungsbildes und ob mit weniger Grün “das Wohlergehen aller Bürger” tatsächlich gesteigert wird – findet auch Grünen-Vorsitzender Bernd Zobel: “Wir möchten die Bäume in dieser von Laves vor 200 Jahren entworfenen Parklandschaft erhalten. Die Stadt braucht ihr Grün; bereits das Abholzen der Stechbahnlinden war überflüssig. Zu hinterfragen ist auch der Begriff Sichtachse. Von der Stechbahn ist z.B. im Winter nur ein Flügel des Schlosses zu sehen.
Wer wirklich das Schloss in der Totale betrachten will, muss dann entweder auch das Bomann-Museum abreißen, denn es versperrt ebenfalls den ungehinderten Blick auf das Schloss, oder er muss zur Schlossbrücke gehen, dort ein Foto schießen, um dann zum Schloss zu schreiten. Diesen Weg finden immer mehr Besucher der Stadt, wie die Schlossführungen zeigen. Also: Hände und Sägen weg von den Bäumen.”
Nicht einmal über den so oft bemühte Geschichtswert herrscht Klarheit. Das Schloss sei, anders als in Karlsruhe oder Brüssel, kein Teil einer geplanten historischen Sichtachse, sondern sei für sich eine Einheit, die bereits früher durch hohe Wälle und später durch Bäume von der Stadt abgegrenzt gewesen sei. Außerdem ist eine Sichtachse immer eine Frage des Standpunktes. Unsere Fotos verdeutlichen, was noch alles die Sicht auf’s Schloss verhindert.
Immerhin: Vom Schloss sind aus vielen Perspektiven weiterhin Fotos und Betrachtungen in Gänze möglich. Dem neuen Rathaus, einst mit einem beeindruckenden Park und freier Sicht zur 77er-Straße – heute mit Häusern und Wohnanlagen umstellt, bleibt diese Möglichkeit bis auf weiteres verwehrt.
“Wir sitzen nicht auf Thronen. Uns schmeichelt nur der Wind.
Wir haben dennoch Kronen, die schöner als eure sind.






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Meines Erachtens leiden Sehenswürdigkeiten zunehmend gerade darunter, dass man sie Besuchern ZEIGEN will – sei es durch Beleuchtung, die einen Anblick postkartengerecht machen soll, sei es durch Schilder oder nun eben durch ‘Sichtachsen’. Werkzeuge einer Kultur – hierzu zählen auch Schlösser – haben immer schon eine Gestalt, die die ihnen zugedachte Rolle erkennbar macht (und machen soll). Zusätzliche Hinweise aus der Umgebung sind, verglichen mit dieser Funktion von Standardgestalten, häufig zu aufdringlich. Die Fachwerkfakes, die neuen Fenster mit Sprossen (oder Sprossenimitaten?) und ähnliche Versuche, ein ‘historisches Stadtbild’ zu erhalten und gerade dadurch zu schaffen (und gar zu erfinden?), tragen schon dazu bei, die Innenstadt zur Kulisse zu machen. Der Vorschlag der WG zeugt in dieser Hinsicht von wenig Sensibilität.
Ich habe noch nie jemanden gehört, sei es ein Tourist oder Einheimischer, das ihn die Bäume stören bei der Sicht zu Schloss… Und das jemand das Schloss nicht findet, weil Bäume im Weg sind finde ich noch viel lustiger, das es ja nun wirklich genug Schilder gibt….
Bewahrt das Stadtgrün und seid wachsam, wenn jemand unser Celler Stadtgrün mit dem Argument der Schaffung von vermeintlich wichtigen Sichtachsen opfern will!
Aber vielleicht lenkt das verspätete Celler Sommerloch-Zeitungs-Theater um die Schloss-Sichtachse nur ab? Denn viel konkreter droht leider in Celle anderes Ungemach durch Abholzung bedeutender Bäume:
Am Alten Bremer Weg 27, der ehemaligen Brauereibesitzer-Villa Schilling, steht im Park eine Vielzahl von ganz besonders angepflanzten, exotischen Bäumen, unter anderem der einzige Celler Mammutbaum; ein Riesenexemplar. (Ist das, Herr Fehlhaber, der oben neben Ihrem Artikel feinsinnig angebildete ‚Lebensbaum’?)
Ich wohne in der Nähe und vor Ort pfeiffen es die Spatzen von den Dächern, dass die Celler Makler Geßner & Raap dort ein Neubauprojekt entwickeln werden: Dazu soll der gesamte Park – mit dem Mammutbaum – abgeholzt werden, um einer zusätzlichen Stadtvilla Platz zu machen. Man hört auch gepfiffen, dass der Bauantrag längst gestellt sei und das arglose(?) städtische Bauamt die Baugenehmigung in den nächsten Tagen erteilen will.
Wie wäre es, wenn sich mehrere Celler dort an die Bäume ketten, um den drohenden Kahlschlag-Frevel zu verhindern? … fragt sich Chr. Handel. Ich wäre dabei.
Celle, 06.09.2010
Alles wird einmal historisch, auch das was wir heute bauen.
100 Jahre weiter und die Menschen staunen was wir 2010 zu Wege gebracht haben.
Mein Vorschlag:
Rings um das Schloß jeden 2. Baum fällen,
dann kann aus allen Richtungen das Schloß gesehen werden.
Für jeden gefällten Baum wird ein neuer junger Baum eingepflanzt.
Schattenplätze bleiben weiter erhalten.
Die Laubsammler haben nur noch die halbe Arbeit.
Seit wann interessiert sich jemand in Celle für SICHTachsen? Wo war die Sichtachsen-Lobby, als die Insel an der Ratsmühle mit einem der hässlichsten Gebäude Celles (der weiße Versicherungspappkasten) zugebaut wurde? Oder als der Blick auf die Aller mit dem immer größer werdenden Arztehaus-Koloss verstellt wurde? (“Celle – Stadt an der Aller! – Wo ist die denn?”) Wer hat gegen das Verbauen der Sichtachse Ernst-Meyer-Allee/Hölty-Straße zum Lauensteinplatz mit diesem völlig überdimensionierten Baukörper (wieder ein Ärztehaus) protestiert?
Und nun sollen wieder Bäume aus der Innenstadt verschwinden? Hört das denn niemals auf? Wann wird denn nun endlich der Graue/Große Plan mit Grün verschönert? Die Verantwortlichen sollten lieber über Anpflanzen statt Abholzen nachdenken! Wie wäre es mal mit einer “Nacht-und-Nebel-Pflanzaktion”?