*Aktualisiert*Domkapitular: “Es wird keinen Einsatz von schuldig gewordenen Priestern mehr geben”
NEUE FASSUNG: JETZT MIT TON-INTERVIEW MIT DOMKAPITULAR HEINZ-GÜNTER BONGARTZ AM SCHLUSS DES BEITRAGES
Bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung war die Pfarrgemeinde St. Johannes bis auf den letzten Platz gefüllt – etliche Besucher mussten stehen. Rund 150 Gläubige und sicher auch Neugierige fanden den Weg in die Gemeinde in Vorwerk. Das Wetter passte zur Stimmung: Draußen Wetterleuchten im Sekundentakt – innen donnerte es zeitweise gewaltig durch zwar wenige, aber emotionsgeladene teils aggressive Wutausbrüche. Die Mehrheit belohnte jedoch das Bemühen der Kirchenleitung, an diesem Abend endlich Tacheles zu reden, mehrfach mit Applaus.
Domkapitular Heinz-Günter Bongartz kam zusammen mit dem bischöflichen Pressesprecher Dr. Michael Lukas aus dem Bistum Hildesheim nach Celle. Bongartz ist der bischöfliche Beauftragte für Fragen sexuellen Missbrauchs durch Geistliche im Bistum Hildesheim. Außerdem nahm der Celler Dechant Pater Andreas Tenerowicz teil. Auch er musste in den vergangenen Tagen heftige Vorwürfe in der Tagespresse einstecken.
Soweit die subjektive Wahrnehmung. Nun die chronologische Wiedergabe des Abends, nach den gesprochenen Worten so ausführlich wie möglich notiert und wie gewohnt in CelleHeute unkommentiert.
Bongartz: „Es ist wahr, dass Dechant Spicker 1995 in Ostdeutschland ein Missbrauchsverbrechen begangen hat. Es war eine befreundete Familie, bei der er übernachte hatte. Dabei kam es zu einem Übergriff gegen einen 12-jährigen Jungen. Acht Jahre später hat sich die Familie an den Ortsbischof gewandt. Die Familie wünschte ausdrücklich in Gesprächen mit der Bistumsleitung keine strafrechtliche Verfolgung des Falls und wünschte Verschwiegenheit. Das Bistum hat sehr deutlich mit Herrn Spicker gesprochen. Daraufhin ist ein psychologisches Gutachten erstellt worden, dass der Übergriff nicht aus einer pädophilen Neigung heraus geschehen sei.
Es ist außerdem bescheinigt worden, dass ein weiterer Einsatz in der Pfarrgemeinde ausdrücklich ohne Auflage möglich ist. Die deutsche Bischofkonferenz hat 2002 vier der besten Forensiker benannt, um die Kirche zu beraten und Gutachten zu erstellen. Heute sagen wir, dass diese Gutachten wahrscheinlich nicht in der Weise helfen, wie wir ihnen damals vertraut haben.
2003 ist von den damals Verantwortlichen entschieden worden, dass Hermann Spicker in der Gemeinde verbleibt. Die Versetzung vorher nach Celle spielte keine Rolle, weil damals niemand von dem Vorfall gewusst hat. Heute würden wir eine solche Entscheidung mit Sicherheit nicht mehr treffen.
Ich schäme mich bis auf die Knochen.
2006 kam es in Celle zu Vorwürfen und Gerüchten rund um Hermann Spickers angeblichen pädophilen Neigungen. Ich selbst bin im November 2006 in den Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand gegangen und habe anschließend Herrn Spicker beurlaubt. Untersuchungen bis Anfang 2007 haben allerdings ergeben, dass es aus unserer Sicht keinen Missbrauchsfall mehr gegeben hat.
Nach der Befragung des Bischofs in allen Gemeinden des Bistums hat es keine Vorwürfe gegenüber Hermann Spicker gegeben. Es gibt bis heute keinen Beweise, dass es in Celle einen Missbrauchsfall gegeben hat.
Sie dürfen trotzdem davon ausgehen, dass ich mich bis auf die Knochen schäme. Es gibt keinen Wunsch, etwas schön zu reden. Jeder Missbrauch ist einer zu viel. Aber, es ist darauf zu achten, dass die Darstellungen der Realität entsprechen
Ich war an der Entscheidung 2003 nicht beteiligt. Es hat keine neuen Fälle gegeben, darum gilt für mich, dass ein weitere Einsatz denkbar ist.
Einwand aus dem Publikum: „Das ist in keiner Firma möglich. Woanders wäre man sofort rausgeflogen, und die Kirche hält an solche Leuten fest.“
Auf dem Laptop gab es keine verbotenen Fotos
„Ob ich alles richtig gemacht hab, darüber können wir gerne reden – aber es hat 1995 nachweislich keinen erneuten Missbrauchsfall gegeben. Auch auf dem seinerzeit beschlagnahmten Laptop gab es kein strafrechtlich relevantes Bildmaterial. Im Gegensatz zu allen Unkenrufen haben wir sofort mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet und wurden für unsere Kooperation auch gelobt. 2009 wurde Spicker zu einer Bewährungsstrafe und 2000 Euro verurteilt.“
Auf Nachfrage eines Juristen im Publikum, dass er sich nicht vorstellen könne, nur wegen einer so weit zurückliegenden Tat eine solche Strafe zu erhalten, betonte der Domkapitular:
Viele mir bekannten Experten hat das Strafmaß überrascht. In der Höhe könnten es viele nicht nachvollziehen. Es ist aber nur um diesen einen Fall gegangen. Dafür hebe ich die Hand.
Es gibt einen Opfer- und Täterschutz
„Danach haben wir Herman Spicker aus dem Dienst genommen. Es gibt einen Opfer- aber auch einen Täterschutz. Darum haben wir die Strafe nicht kommuniziert. Danach ist Herman Spicker erkrankt und wir haben ihn in den Ruhestand versetzt. Hätte ich damals die ganze Wahrheit gesagt, dann wäre ein Einsatz nicht möglich gewesen. Heute würde ich so nicht mehr handeln. Hermann Spicker hat sich bei der Familie entschuldigt. Außerdem hat er eine Therapie gemacht.
An diese Stelle platzte Dieter Prause, ehemals aus Lachendorf, jetzt bei Höxter lebend, der Kragen. Aggressiv und laut („seid gefälligst ruhig, jetzt rede ich“) knallte er einen Aktenordner mit vermeintlichen Beweisen für ein Fehlverhalten seitens der katholischen Kirche auf den Tisch der Redner. Er fühlte sich von der katholischen Kirche gemobbt, als er die vermeintlichen sexuellen Übergriffe seitens Spickers öffentlich machen wollte. Als ehemaliger Jugendarbeiter sei ihm nur der Wegzug aus Celle möglich gewesen – so äußert er sich jedenfalls in der Celleschen Zeitung. Im allgemeinen Tumult konnten seine Vorhaltungen an dieser Stelle nicht tiefer gehend behandelt werden – wohl auch, weil die eindeutige Mehrzahl der Anwesenden an einer sachlichen Wahrheitsfindung mehr gelegen war als an lauten Verbalattacken.
Frage aus dem Publikum: „Kann man das Gutachten einsehen?“
Bongartz: „Wir sollten nicht den gläsernen Menschen produzieren. Bildhaftes Beispiel zur Erklärung des Gutachtens: Wenn ein 50-jähriger Mann auf dem Marcusplatz in Venedig ein 13-jähriges Mädchen sieht und dabei Gefühle bekommt, ist es erst mal keine grundsätzliche pädophile Neigung. Sogar wenn er das Mädchen anfasst, dann ist das in den Augen der Psychologen noch keine Pädophilie.“
Bestätigende Ergänzung aus dem Publikum: „Nicht jeder der klaut, ist ein Kleptomane.“
Wir wollten Pfarrer Spicker nicht loswerden.
Einwand aus dem Publikum: „Der Teppich konnte gar nicht hoch genug sein, unter den Sie in der Vergangenheit gekehrt haben. Wenn Sie uns gesagt hätten, was mit ihm ist, hätten wir vielleicht versucht, ihm zu helfen. Wir wollten Pfarrer Spicker nicht loswerden.“
„Ich möchte mich in aller Ausdrücklichkeit bei ihnen entschuldigen.
Ich habe erlebt, dass es in dieser Gemeinde eine große Wertschätzung gegenüber Herrn Spicker gibt. Sie müssen mir bitte abnehmen – hätte ich das damals kommuniziert, wäre es das Ende gewesen. In einem Fall in Wolfsburg haben wir so gehandelt wie Sie es anregen. Ich muss jetzt damit leben, dass die Pfarrgemeinde die Rehabilitierung des Pfarrers wünscht. Das ist der Spagat, in dem wir uns befinden.
Es wird keinen Einsatz von schuldig gewordenen Priestern mehr geben können
Einwand aus dem Publikum: „Entschuldigungen schön und gut – aber es müssen Konsequenzen folgen. Wenn wir Straftäter in den Ruhestand schicken bei vollen Bezügen, hat es immer noch einen Beigeschmack.“
Bongartz: „Es wird keinen Einsatz von schuldig gewordenen Priestern mehr geben können. Punkt. Das heißt, es ist im Vorfeld auch nicht mehr darüber zu informieren. Die Kirche schaut sehr wohl und auf die Höhe des Strafmaßes und entscheidet im Einzelfall. Das Verhältnis zwischen Bischof und Priestern ist anders als von Dienstgeber zu Dienstnehmer. Durch die Weihe entsteht auch ein familiäres Verhältnis. Der Bischof ist für den Priester ein Vater. Er verspricht Gehorsam.“
Einwand aus dem Publikum: „Dann muss sich daran was ändern.“
Missbrauch ist kein katholisches Problem
Bongartz: „Für mich sind Täter nicht automatisch „Persona non grata“. Ich finde es nicht richtig, dass wir jedem ein Schild umhängen, was er falsch gemacht hat. Der NDR hat einen vermeintlichen Fall in Göttingen „aufgedeckt“, der längst öffentlich und bekannt war. Ein 2001 schuldig gewordener Priester arbeitete als Krankenhausseelsorger, ohne wieder schuldig geworden zu sein. Durch die vermeintliche journalistische Aufdeckung fast zehn Jahre später ist er nun am Ende. Ich will damit meine Zerrissenheit deutlich machen. Das einfachste für mich und die Kirche wäre zu sagen: „Raus und tschüss und Feierabend. Aber das eigentliche Problem geben wir damit an die Gesellschaft zurück. In jedem Beruf, der sich um Kinder und Jugendliche kümmert, gibt es eine Anziehung für solche Menschen. Darum wird das Thema immer ein Thema in der Kirche sein, weil in der Kirche Menschen arbeiten. Man muss sich nichts vormachen. Missbrauch ist kein katholisches Problem. Ich formuliere vorsichtig: Ein Kind wächst behüteter neben einem Pfarrhaus als in einem Einfamilienhaus. Missbrauch findet meist innerhalb der Familie statt. Das ist keine Entschuldigung, aber ich will deutlich machen, dass wir in der Gesellschaft ein Problem haben.
Vertrauensverlust wie nach dem 11. September
Wir haben einen Vertrauensverlust ungeahnten Ausmaßes wie beim Einsturz des World Trade Centers. Die letzten 30-40 Jahre hat das Wort Scham in der katholischen Kirche keine Rolle gespielt. In den letzten Wochen beherrscht das Wort Kirche und Medien. Wir müssen neu lernen, darüber zu reden, glaubwürdig zu werden und uns neu zu orientieren und es der Gesellschaft beweisen. Ich hoffe und bete darum, dass wir uns erneuern und einen neuen Weg gehen, indem Vertrauen wieder wachsen kann. Darum bin ich heute hier.“
Es gibt auch falsche Anschuldigungen
Zum Fall Herbert Höbbel, der laut Cellescher Zeitung in den 50er Jahren Kinder missbraucht haben soll, erklärt der Domkapitular:
„Es gibt in diesem Fall keine „harte Faktenlage“ – kein Vorwurf konnte bestätigt werden. Es gibt auch nicht selten falsche Beschuldigungen! Ich habe die Aufgabe, nach der Wahrheit zu suchen. Das ist nciht immer einfach, aber auch hier gilt die Unschuldsvermutung: Im Zweifel für den Angeklagten.
Frage aus dem Publikum: „Wenn ihm nichts weiter nachgewiesen werden kann, warum wurde er dann versetzt?“
Bongartz: “Die Auseinandersetzung mit Familie Prause hat Spicker nicht verkraftet. Er selbst hat eine Versetzung gewünscht.“
Die Cellesche Zeitung hatte in einem ausführlichen Bericht erhebliche Vorwürfe seitens der Familie veröffentlicht, es nach Aussagen des bischöflichen Pressestelle aber versäumt, das Bistum um eine Stellungnahme zu bitten. Auch die Gemeinde in Vorwerk sei von der Zeitung zu diesem Fall nicht angefragt worden. Nun scheint es gar eine Kehrtwendung zu geben – Spicker soll nach Aussagen des in dem Fall informierten Anwaltes aufgedeckt haben, dass Familie Prause Gelder „nicht sinngemäß eingesetzt habe“. Dieter und Sabine Prause wohnten der Veranstaltung übrigens mit ihrer kleinen Tochter, geschätzte fünf Jahre, bei. CelleHeute fragt: Wann beginnt Missbrauch?
Interview mit Domkapitular Bongartz
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Lesen Sie Karfreitag ein Interview mit Dechant Pater Andreas Tenerowic.
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Kommentare (2)
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ebook-blog
Es ist schade, dass krichliche Institutionen bei Missbrauch von Abhängigen durch ihre Mitarbeiter, dies nicht offensiv verfolgen. Auch bei anderen Institutionen, wie Schulen usw. erfolgt auch keine offensive Verfolgung. Wenn ich beim Aldi eine Tüte Milch klaue und dabei erwischt werde, dann sind gleich 2 Staatsanwälter hinter mir her. Nun ja mal schauen, wie sich unsere Gesellschaft weiter entwickelt.
Dr. Michael Lukas
Ein schöner Text, der den Lauf der Diskussion gut darstellt. Im Fall Herbert Höbbel möchte ich als Bischöflicher Pressesprecher aber ergänzen, dass es zwar keine harte Faktenlage im Sinne eines Geständnisses gab, sich beim Bistum aber verschiedene Personen gemeldet haben, die gleich lautende Vorwürfe gegen den ehemaligen Celler Dechanten vorbrachten, so dass die Beschuldigungen gegen Höbbel wahrscheinlich zutreffen.
Das Bistum Hildesheim hat dazu am 22. Februar 2010 eine Pressemitteilung veröffentlicht unter dem Titel “Vorwürfe glaubhaft” (www.bistum-hildesheim.de).
Dr. Michael Lukas
Bischöflicher Pressesprecher Hildesheim