Massentierhaltung als neue Menschheitsgeißel?

Im Celler Land und in vielen deutschen Orten bahnt sich eine Auseinandersetzung an, die in Charakter und Ausmaß ähnliche Züge aufweist wie der Grundsatzstreit um die Nutzung der Kernenergie, denn nur vordergründig geht es um die Frage, ob die Nutztierhaltung in Deutschland und in der Welt weiter industrialisiert werden soll. Dahinter steht vielmehr die Sorge, dass die gegenwärtige Tendenz der Intensiv- und der Massentierhaltung an unseren Lebensgrundlagen rüttelt, oder biblisch gesprochen, dass der Mensch die Aufgabe, seine Mitgeschöpfe zu achten und die Erde sorgsam zu verwalten, nicht mehr ernst nimm (siehe dazu auch unser Gespräch mit Landesbischof Meister). CelleHeute.de berichtet seit Monaten über verschiedene Standpunkte verschiedener Organisationen und Politiker. Erstmals in der Celler Presselandschaft versucht Dr. Fritz Riege eine Zusammenfassung aller Argumente – bei uns wie gewohnt ungekürzt und unkommentiert. Uns sei an dieser Stelle noch der Hinweis erlaubt, dass die Firma Rothkötter in der gesamten Diskussion bisher auf keine Bitten um Stellungnahmen reagiert hat.

Bei allem Verständnis dafür, dass Agrarökonomen Mastställe mit weniger als 30 000 Hähnchen oder 2000 Mastschweinen und Schlachthöfe mit Kapazitäten unter 100 Millionen Schlachtungen nicht mehr für wirtschaftlich halten, oder dass sie die Eigenerzeugung von Tierfutter als nicht mehr zeitgemäß betrachten, müssen doch vor allem die Folgen einer agrarindustriellen Entwicklung bedacht werden.

Deutliche Warnsignale gehen in diesem Zusammenhang von den diversen Futtermittelskandalen der letzten Jahre aus. Ähnliches gilt von der relativ schnellen Ausbreitung von sonstigen Tierseuchen gegenüber früheren Infektionen in kleineren Tierställen, die man eher abgrenzen konnte. Auch die nicht abreißenden Gammelfleischskandale gäbe es in diesem Umfang nicht, würde nicht der Verdrängungswettbewerb der Fleischkonzerne zu einer immer schnelleren Überproduktion bei der Massentiermast führen.

Eine weitere Warnung gibt es gegen die übermäßige Anwendung von Tierarzneien, denn dabei geht es in der Regel nicht um die Behandlung von Tierkrankheiten, sondern um die massenweise Vergabe von Pharmaka aller Art zur Mastbeschleunigung, zur Beruhigung und zur Immunstärkung der Tiere. Beim Verzehr eines so behandelten Fleisches können sich für uns Menschen aber Resistenzen z.B. gegen Antibiotika ergeben, die eine Verordnung dieser Mittel bei der menschlichen Krankenbehandlung ausschließen.

Leider bleibt auch bei der gegenwärtigen Massentierhaltung der Tierschutz auf der Strecke, wenn bis zu 25 Hähnchen auf nur einem Quadratmeter Platz finden müssen und wenn eine unangemessene, einseitige Brustfleischzüchtung erlaubt bleibt. Wir essen nur die Brustfilets und exportieren den Rest! Die negativen Folgen unserer „Restfleisch- Billigexporte in Entwicklungsländer“ für deren Landwirtschaft sind dabei noch gar nicht thematisiert.

Schließlich sind die Folgen eines hohen Wasserverbrauchs und einer starken Wasserverunreinigung ebenso zu bedenken wie die Boden- und Luftbelastungen, die von Megaeinrichtungen der Nutztierhaltung ausgehen.
Der Trend zu Megaeinheiten in der Tierhaltung mit steigender Tendenz ist daneben unverkennbar. Er ist Ausdruck des marktwirtschaftlich- kapitalistischen Geschehens, das ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Faktoren die Verbilligung der Ware durch eine immer stärkere Konzentration anstrebt. Schon längst sind auch nicht mehr die Landwirte die entscheidenden Akteure auf dem Fleischmarkt sondern die nationalen und internationalen Fleischkonzerne mit ihren Futtermittelfabriken, Brütereien, Vertragsaufzuchten und Vertragsmästereien, Schlachthöfen und Marketingabteilungen.

Sie arbeiten abgekoppelt vom Ernährungsbedarf der Menschen unter dem Gesetz des „Wachse oder Weiche“ und stehen untereinander in einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb. So antwortet zum Beispiel der Rothkötter- Konkurrent Wiesenhof auf dessen im Bau befindlichen Megaschlachthof in Wietze, Landkreis Celle, nicht mit einer Verkleinerung seiner Produktion, sondern mit einer Erweiterung seines Schlachthofes in Wietzen, Landkreis Nienburg, mit einer Investitionssumme von 40 Mio € und damit auch mit einer Aufstockung seiner Mastplätze. Mastplatz- Aufstockungen für Geflügel werden u.a. aus dem Landkreis Emsland und für Rinder aus dem Landkreis Diepholz gemeldet. Nicht der wachsende Fleischbedarf ist also die Triebkraft der Investitionen sondern ein Größenwachstum der Schlacht- und Mastbetriebe, das zu immer geringeren Stückkosten führt und damit den Konkurrenten aus dem Feld schlagen soll.

Eine grundlegende Reform des Rechts der Nutztierhaltung

ist daher notwendig. Vor allem muss die Bindung der Mastplätze an die Eigenerzeugung von Futtermitteln verstärkt, die Futtermittelerzeugung insgesamt regionalisiert und eine Positivliste für Futtermittel EU-weit erstellt werden. Die Bestimmungen über den Herkunftsnachweis von Futtermitteln müssen verschärft und die Stallkontrollen sowie die Kapazitäten der Untersuchungsämter müssen ausgeweitet werden. Der Gebrauch von Zusatzmitteln und Chemie (z.B. bei Aromen) ist weiter einzuschränken.

Dass der Respekt vor unseren Mitgeschöpfen, den Tieren, erheblich mehr Anstrengungen der Politik zur Weiterentwicklung des Tierschutzes verlangt, hat sich inzwischen bis zur niedersächsischen Landesregierung herumgesprochen. Ihre Absichtserklärungen zeigen, dass sie bereit ist, die entsprechenden Vorschläge der Oppositionsfraktionen im Landtag zumindest teilweise aufzunehmen.

Umweltverträglichkeitsprüfungen muss es für alle Mastställe geben, wie überhaupt die Genehmigungsverfahren so zu gestalten sind, dass inhaltliche und wirtschaftliche Zusammenhänge wie die von Schlachthofgrößen und Mastplätzen nicht außer Acht bleiben. Die bäuerliche Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft hat nur dann eine Zukunft, wenn die Landwirte wieder zu überschaubaren Stallgrößen mit genügendem Licht und Auslauf kommen und sich von den Vorgaben der Fleischindustrie unabhängig machen. Höchstbestandsverordnungen für den Einzelbetrieb und Raumordnungsverfahren gegen eine zu hohe Stalldichte in einer Region sind daher anzustreben. Megaprojekte hingegen führen in die Irre; und eine EU- Subventionspolitik, die das auch noch fördert, gehört abgeschafft.

Im gleichen Zuge gilt es, die vom Land Niedersachsen stark benachteiligte Verbraucherberatung wieder voll funktionsfähig zu machen, eine Verbraucherbildung zu installieren und die Fähigkeit der Verbraucher zu erhöhen, neben preisbewussten auch qualitätsbewusste Kaufentscheidungen zu treffen. Das bedeutet, dass eine verantwortungsbewusst betriebene Tierhaltung höher zu bewerten und zu bezahlen ist, als eine seelenlose Massenproduktion. Mit den oben genannten Maßnahmen könnte es gelingen, zu einer bäuerlich geprägten, nachhaltigen Landwirtschaft im Bereich der Nutztierhaltung zurückzukehren.

Text: Dr. Fritz Riege
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4 Kommentare

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  1. Hofnarr2011 sagt:

    Massentierhaltung und der Umgang mit Lebensmitteln schreit gen Himmel !

    Wenn ich bedenke, dass rund 50% der Lebensmittel für den Müll produziert werden, damit die Regale für uns Kunden im Supermarkt immer prall gefüllt sind, wird mir echt übel !

    Wir alle müssen unser Konsumverhalten grundlegend neu überdenken und diesem Treiben ein schnelles Ende bereiten !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  2. MeteoCell sagt:

    Wir haben es in der Hand. Von mir bekommen diese Verbrecher schon lange keinen einzigen Cent mehr. Der Kunde kann mit seinem Konsumverhalten zeigen, was er nicht will. Leider sind sich die Menschen in diesem Land nur sehr selten bewusst, wie ihr Schnitzel/Würstchen/Steak aus dem Supermarkt produziert wurde. Man muss die Leute darüber aufklären und das ungeschönt. Meine Erfahrung ist, dass die Leute dann durchaus bereit sind, anders einzukaufen/auch mal zu verzichten. Doch unsere Landwirtschaftsministerin ist nichts weiter, als eine Marionette der Fleischwirtschaft geworden. Was spricht dagegen bei Fleischprodukten verbindlich auf die Tierhaltung und Schlachtmethoden hinzuweisen? Ja, genau. Der sinkende Umsatz…

  3. Guenter Papenbusch sagt:

    ” Leider sind sich die Menschen in diesem Land nur sehr selten bewusst, wie ihr Schnitzel/Würstchen/Steak aus dem Supermarkt produziert wurde ” – das ist doch Quatsch mit Soße ! Der Verbraucher weiß doch nach endlosen Berichten in allen Medien ziemlich genau unter welchen Umständen seine tierischen Lebensmittel produziert werden. Er will jedoch quantitativ auf nix verzichten ( schauen Sie sich die Heerscharen von Dicken an ) und das Ganze will er möglichst billig haben. Niemand zwingt ihn schließlich sich das ganze Zeug rein zu stopfen. Über Ethik und Verzicht wird zwar gerne weinselig diskutiert, die Realität auf den Kassenbändern der Supermärkte sieht aber ganz anders aus. Und genau dort wird über das Schicksal der gequälten Kreatur entschieden und sonst nirgendwo.

  4. Hofnarr2011 sagt:

    …und das Schlimme ist, dass zum Vegetarier mutierte Menschen nun auch noch Probleme mit Massengemüse bekommen. Erst die Gurken, dann die Tomaten, Salat, Lauch und nun die Soja-Sprossen !

    Jetzt verstehe ich auch, warum immer mehr Menschen zum Alkohol und damit “flüssigem Brot” greifen.
    Er tötet (vielleicht) einige Erreger ab und man säuft sich die Welt schön gesund (?)

    Demnächst kommt bestimmt kontaminiertes Trinkwasser in Umlauf.

    Und was folgt dann für ein Super-Gau ?

    Von wegen, wir leben immer gesünder und werden immer älter…träumt man Alle schön weiter !

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