Über Schwarzmarschierer und Schwarzseher

p1070091Vor gut drei Wochen veröffentlichte eine „Zeitung“ ein persönliches Schreiben von Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende an die CDU-Abgeordneten Thomas Adasch, Karl-Heinrich Langspecht und Henning Otte in Auszügen. Der stark gekürzte Inhalt bewog jene „Zeitung“, die Angelegenheit zu einer Posse zu erklären. Seitdem veröffentlicht das Blatt nahezu täglich Leserbriefe, die mit jenen „Journalisten“ gemeinsam den Oberbürgermeister „als Sau durchs Dorf treibt“, wie es im Volksmund heißt. Für uns Anlass genug, da mal genauer nachzuforschen.

Was soll passiert sein? Laut “Zeitung” habe Mende den drei Abgeordneten „zur Last gelegt, sich ungefragt und uneingeladen in den Trachtenumzug beim Tag der Niedersachsen eingereiht zu haben.“ „Kleinkariert und peinlich“ entgegneten die Abgeordneten, und der „Chefredakteur“ pflichtete den „Schwarzmarschierern“ uneingeschränkt bei.

Die Frage ist sicher erlaubt, ob ein Oberbürgermeister nicht andere Sorgen hätte, als sich über „Mitläufer“ in einem fröhlichen Umzug zu ärgern. So auch der Tenor der meisten Leserbriefschreiber, manche spielen sich als Richter auf oder wollen durch dieses Verhalten gar „das wahre Gesicht“ Mendes ausgemacht haben. Mit dem OB gesprochen hat erwartungsgemäß niemand – aber wir. Und es bestätigt sich wie eh und je: Jede Geschichte hat ihre zwei Seiten.

Auf Nachfrage erklärte Mende: „Ich habe den Brief absichtlich nicht der Presse gegeben, weil ich gar kein grosses Aufsehen machen wollte. Mir geht es ja nicht darum, irgend jemanden außen vor zu lassen. Aber wenn eingeladen wird, dann muss es gerecht zugehen und alle die gleiche Chance haben. Und es ist nun mal so: Alle Aktiven sind vom Landestrachtenverband angeschrieben und zur Teilnahme eingeladen worden.“

In der Tat, weder Adasch, noch Langspecht oder Otte befanden sich auf der Teilnehmerliste. Sie hatten die Einladung auf eigenem Wunsch mündlich eingeholt. Die Celler SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann beispielsweise hat sich an das Protokoll gehalten und den Umzug als Zuschauerin verfolgt.

Mende betont, dass es nicht um seine persönliche Meinung geht, sondern um Grundsatzfragen. „Ich habe darauf zu achten, dass überparteiliche Veranstaltungen nicht parteipolitisch missbraucht werden. Veranstaltungen der Stadt müssen neutral verlaufen.“, so der Oberbürgermeister. Schließlich sei dieses aufdrängende Verhalten, wie uns von anderer Stelle zugetragen wird, im Vorfeld der Kommunalwahl nicht das erste Mal vorgekommen.

Die Frage scheint immer noch erlaubt, ob man bei solchen Anlässen nicht einmal ein Auge zudrücken könne – doch dann drängen sich gleich mehrere Gegenfragen auf:

  • Wozu gibt es Regeln, wozu Absprachen, warum mussten sich die Politiker gar selbst einladen und: was ist tatsächlich verwerflich und was ist Doppelmoral? Denn:

Man muss nicht lange zurückschauen, um daran zu erinnern, dass beispielsweise im Vorfeld der Oberbürgermeisterwahl den CDU-Gegenkandidaten Besuche bei überparteilichen Terminen verwehrt wurde. Auch gibt es nach internen Auskünften „etliche ähnliche Briefe“ vom ehemaligen Oberbürgermeister Dr. Biermann an Politiker der anderen Parteien.

Interessant ist vor allem die Frage, wie ein persönliches Schreiben an die Presse gelangen konnte – noch dazu zielgerichtet nur an ein Organ. Auf Nachfrage erklärte einer der Abgeordneten, doch “selber die Presse zu fragen”. Ein anderer ließ über seinen „Pressesprecher“ erklären: „Da wir uns mehr auf Zukunftsfragen konzentrieren möchten, werden wir diesen Vorfall nicht weiter kommentieren.“ Der Dritte antwortete gar nicht.

Insofern wirft auch dieser Artikel mehr Fragen auf als er Antworten geben kann. Wir können Sie als Leser nur ermuntern: Glauben Sie nicht alles, was geschrieben steht – schon gar nicht in gekürzter Form. Fallen Sie nicht auf Parteienklüngel und Medien-Machtmissbrauch herein. Konsequent zu Ende gedacht: Glauben Sie auch uns nicht ungeprüft – wir können nur das wiedergeben, was andere uns zutragen. Manchmal ist dann auch unsere Berichterstattung zwangsweise einseitig – aber wenn die jeweils andere Seite trotz Einladung zur Gegendarstellung bereits im Vorfeld ihre Chance nicht wahrnimmt, ist das nicht unsere Verantwortung.

Wie „kleinkariert“ diese Angelegenheit tatsächlich ist, können wir alle bei den bevorstehenden Schützenfesten selbst testen: Reihen Sie sich doch einfach ungefragt in die Umzüge mit ein.

P.S. Der letzte Satz ist natürlich durch und durch ironisch gemeint und soll nur zum Nachdenken anregen – Die Schützen sollen diese “Posse”, die sie nun tatsächlich geworden ist, nicht ausbaden müssen.

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4 Kommentare

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  1. Claus Schlaberg sagt:

    Dieser Artikel beschreibt etwas, das beispielhaft für ‘die’ Misere der Celler Kommunalpolitik und die Rolle der ZEITUNG steht – Absatz für Absatz. (Die Bemerkung “Glauben Sie auch uns nicht ungeprüft – wir können nur das wiedergeben, was andere uns zutragen” macht es nur sympathischer.)

  2. Moritz Heitland sagt:

    Aber gab es nicht beim Bürgermeisterwahlkampf auch einen Stadtempfang an dem Herr Mende nicht eingeladen war und dann als “Begleitung” von Herrn Rejmann an der Veranstaltung teil nahm? Ich glaube das Beste wäre, einfach mal das Machen, was die Bürger von Politikern erwarten dürfen und zwar was zu tun was ihnen dient!

  3. Dirk Weißenborn sagt:

    Wie kann man nur vergessen drei wichtige “Schwarzpolitiker” zum Marsch einzuladen?

    Es ist doch geradezu eine Majestätsbeleidigung, diejenigen, die sich als Eigentümer des Landkreises Celle fühlen, nicht bei einem solchen Ereignis mitmarschieren zu lassen?

    Das Volk hat die Möglichkeit, diese Politiker bei den nächsten Wahlen nach Hause zu schicken. Dann können sie zum letzten Mal “in Schwarz” marschieren.

  4. Claus Schlaberg sagt:

    Ich glaube nicht, dass es durch eine politische Ver-Lager-ung besser wird. Vielmehr wünsche ich mir eine interesselose Berichterstattung, die sich u. a. in einer Trennung zwischen Bericht und Kommentar äußert, wie sie die ZEITUNG offenbar nicht einmal beansprucht.

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