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Was hat Otto Haesler mit Grammatik zu tun? Über Haeslers Beitrag zur modernen Architektur in Celle (Teil 1)

Die Ausstellungseröffnung über die Architektur Otto Haeslers (CelleHeute.de berichtete) wollen wir zum Anlass nehmen, sein Wirken mal aus einer ganz anderen Perspektive zu beleuchten. Claus Schlaberg fragt sich z.B. auch, was der berühmte Architekt mit der deutschen Grammatik zu tun hat. In loser Folge seine Antwort:

Wir sind es vor allem aus der Schule gewohnt, Architektur unter kunstgeschichtlichen und vielleicht auch unter stilgeschichtlichen Aspekten zu betrachten. „Geschichtlich“ bedeutet meist zu fragen: Wann wurde x geboren? Wer und was hat x beeinflusst? Was im Einzelnen gehört ins Werkverzeichnis von x? Und heute sehr beliebt: Welches Werk von x hat die Nachwelt, natürlich zu unrecht, vergessen? Derartige Fragen zielen auf individuelle Ereignisse ab, weniger darauf, wie ein historischer Prozess zu bewerten ist. Stattdessen soll hier im Vordergrund stehen, weshalb bestimmte Werke Haeslers so bedeutend in der Architekturgeschichte sind – weshalb, d h. auch: aufgrund welcher besonderen Eigenschaften, die ein Werk als Bauwerk interessant machen. Was ist so bemerkenswert an den in Celle doch eher ungeliebten Blöcken am St.-Georg-Garten oder am Galgenberg?

Die Kriterien, an denen Werke Haeslers hier gemessen werden sollen, sind (y steht im Folgenden für ein beliebiges Werk Haeslers):
Wofür ist Haesler mit dem Werk y exemplarisch, d. h. wofür ist Haeslers Werk y besonders typisch und insofern geschichtlich von Interesse?
Zur Lösung welcher gesellschaftlich relevanten Probleme hat Haesler mit dem Werk y beigetragen?
Worin besteht Haeslers besonders spezifischer Beitrag mit dem Werk y zur ‚Klassischen Moderne’ in der Architektur?

1) ist leicht zu beantworten (einen Überblick über Haeslers Werk bietet Oelker): Mit denjenigen Werken, die Haesler architekturgeschichtlich bedeutend machen, ist Haesler ein typischer Vertreter des so genannten Neuen Bauens. Dabei war er keineswegs ein besonders früher Vertreter oder gar ein Vorläufer. Hiermit verhält es sich etwas verwickelt: Recht plötzlich nahm er eine von anderen entwickelte ‚moderne Formensprache’ an; und worin er früh war, ist deren Verwendung im Siedlungsbau. Diese ‚Formensprache’ wurde beispielsweise von Vertretern des Deutschen Werkbundes, in Holland von der Gruppe De Stijl und von Frank Lloyd Wright in den USA entwickelt, wobei etwa Walter Gropius schon vor dem Ersten Weltkrieg wesentliche Merkmale dieser Tendenzen in einigen Werken vereinigte.

Walter Gropius: Faguswerke, Alfeld 1911 (Foto: Mike Reiss)

Worin ging es in jenem ‚Neuen Bauen’? Kurz (vgl. Frampton, Gropius): Schon im 19. Jahrhundert drückten einige Künstler und Architekten ihren Unmut darüber aus, dass in industriellen Fertigungsweisen äußere Formen für Produkte übernommen wurden, die eigentlich immer auch Ausdruck handwerklicher Sorgfalt gewesen waren. Eben deshalb mutet ein industriell gefertigtes Rokokoornament nahezu ‚widersprüchlich’ an. Gerade derartige ‚Widersprüche’ waren jedoch in der Zeit des Historismus der Gründerzeit, in dem Stile früherer Zeiten zum Teil sehr phantasievoll, doch aus mancher Sicht auch ein wenig ‚künstlich’ übernommen und miteinander verbunden wurden, gang und gäbe.
(Ein berühmtes Beispiel ist das Pariser Opernhaus im Neobarock, vgl.
http://www.innenarchitekten-in-berlin.de/architektur/historismus-architektur.htm.)

Mitglieder des Deutschen Werkbundes beispielsweise setzten sich zum Ziel, Formen für industrielle Produkte zu finden, die zum einen keine Handwerklichkeit vortäuschten und zum anderen zu den ggf. neu verwendeten Materialien und Konstruktionen (z. B. Stahlkonstruktion) ‚passten’. Weniger von einer Rückkehr zum Handwerk war also die Rede als von neuen Formen, die der industriellen Fertigung ‚gerecht’ werden. Dieses Programm wurde dann am Bauhaus, staatliche Hochschule für Gestaltung von 1919 bis 1933, fortgeführt. Das Industriedesign im heutigen Sinne und als architekturgeschichtliche Epoche die ‚Klassische Moderne’ sowie der International Style waren damit geboren, und in der Weimarer Republik war das Neue Bauen die wichtigste Variante der Klassischen Moderne. Besonders typische und augenfällige Merkmale seiner Ästhetik waren

– das Fensterband
– der weiße Putz und
– das flache Dach

Altstädter Schule (Foto: Hans Jörg Schlaberg)

Was diese Merkmale angeht, sind Haeslers Altstädter Schule sowie das ehemalige Direktorenhaus in der Magnusstraße (heute: Galerie im Haesler Haus) besonders typisch und insofern „Vorzeigestücke“’:

Weitere Fotos hier (bitte klicken).

Fortsetzung folgt.

 

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Kommentare (3)

  • janhendrikx

    Sehr geehrter Herr Schlaberg,
    Vielen Dank. Ich finde diesen Bericht sehr interessant und bin begeistert von den hervorragenden Fotos.
    Celle ist eine Fachwerkstadt. Das stimmt. Aber das Celle eine so bedeutende Bauhaus Architektur aufweist, werden viele Celler und Cellenser nicht wissen.
    Vielleicht sollte man auch noch einmal auf das Haesler Museum hier in Celle hinweisen:
    haesler-museum
    wohnen und leben in bauhausarchitektur
    Rauterbergweg 1
    29221 Celle
    Auch das ist ein Besuch wert.
    Jan Hendrikx

  • Claus Schlaberg

    Danke! In einem Punkt möchte ich allerdings darlegen, inwiefern ich von der Wertschätzung eines ‚Bauhausstils’ abweiche. In der Fortsetzung von Teil 1 werde ich übrigens darauf hinweisen, dass gerade Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses, den ‚Bauhausstil’ ausdrücklich ablehnte. Das betrifft auch verwandte Phänomene wie die Stromlinienmode. Und 1988 traf ich einmal die Architektin der Frankfurter Küche, Margarete Schütte-Lihotzky, in Radstadt, und sie betonte mir gegenüber, dass sie die Stahlrohrmöbel persönlich nicht schätzte, mit denen der Bauhausmeister Marcel Breuer etwas geschaffen hatte, das (pars pro toto) heute für das Bauhaus steht. Sie empfand sie als ‚kalt’ und zog beispielsweise Ferdinand Kramers Frankfurter Holzmöbel vor.
    „Bauhausstil“ – damit meint man seit Langem eine Gestaltungsweise, die von ganz äußerlich ästhetischen Eigenschaften wie dem rechten Winkel, dem Flachdach und dem Stahlrohr geprägt ist. Und man verbindet mit ihr etwas, das wohl das typisch Moderne ausmacht: die Eigenschaft, nicht gealtert zu sein. Rostig darf ein Stahlrohrstuhl nicht sein; das passt nicht. Der bekannte Jugendkult erfasste einmal die Architekten und das Design und ist seit einigen Jahren auch dort wieder populär, unter anderem in Gestalt von Einfamilienhäusern ‚im Bauhausstil’.
    Was ich mir nun wünsche, ist zum einen eine Wertschätzung derjenigen Eigenschaften der modernen Werke Haeslers, die mit ihrem Altern gut verträglich sind! Welche Eigenschaften das sind, soll in der Fortsetzung hier erläutert werden: Haeslers Zeilensiedlungen sind Produkte einer wohl ‚typisch modernen’ Art zu planen. Zum anderen wünsche ich mir eine Art ‚postmodernen Blick’ auf Haeslers moderne Architektur: Wir haben längst Einsichten darüber gewonnen (vgl. zum Beispiel Literatur von Werner Durth und von Niels Gutschow), wie die Klassische Moderne – nicht nur in Italien – mit den Totalitarismen des 20. Jh. verträglich war und in mancherlei Hinsicht sogar gut mit ihnen harmonierte. Das Neue Bauen hatte Licht- und Schattenseiten. Haeslers Siedlungen der 20er Jahre, zum Beispiel in Celle, gehören für mich zu den helleren Seiten. Heute sind sie alt, und ich meine, dass man es ihnen ansehen darf. (Übrigens habe ich noch nie so wenig Nebenkosten gehabt wie heute im noch bestehenden 2. Bauabschnitt des Blumläger Feldes – diese Wohnungen sind aufgrund ihres Grundrisses schnell beheizbar und schnell zu lüften.) Leider sehen viele geradezu mit einem Abscheu vor dem Alten auf die Zeilen und Gärten. Zurzeit werden 80 Jahre alte (nicht abgestorbene) Hecken und Pfosten im Blumläger Feld herausgerissen, weil sie alt oder rostig sind, obwohl sie ihre Funktion erfüllen!
    Zu den Schattenseiten gehört der ‚Machbarkeits- und Ordnungswahn’, der sich im NS einfach fortsetzte und günstige Bedingungen fand. Es ist vielleicht nicht ganz zufällig, dass einer der Architekten des Auschwitzer KZ’s ein Bauhaus-Absolvent war (Fritz Ertl)!
    Hier Zusammenhänge zu erforschen – dafür bietet Haeslers für das Neue Bauen so bedeutsamer Zeilenbau einen idealen Ausgangspunkt. In Celle ein Zentrum der Moderne-Forschung, ohne dass man den Gegenstand seiner Forschung (wie es viele Biografen merkwürdigerweise tun) in jeglicher Hinsicht in Schutz nimmt – wäre das nicht großartig? Ich hoffe, ich konnte auf die Fortsetzung (in der ich übrigens auf die NS-Zeit nicht eingehe, jedoch umso mehr auf eine Art ‚Zeitgeist’, der auch für den NS eine Voraussetzung gewesen sein mag) neugierig machen.

  • Claus Schlaberg

    Die angekündigte Antwort auf die Frage, was Otto Haeslers Siedlungsarchitektur mit Grammatik zu tun hat, liegt seit Längerem vor – für Interessierte schon jetzt der Hinweis: Eine Fassung meiner Antwort für eine kunstgeschichtliche Zeitschrift findet sich in
    http://www.kunstgeschichte-ejournal.net/182/1/Schlaberg_Otto_Haesler.pdf

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