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Was hat Otto Haesler mit Grammatik zu tun? Über Haeslers Beitrag zur modernen Architektur in Celle (Teil 3)

Teil 1

Teil 2

Foto: Wikipedia

Der Philosoph Rudolf Carnap, Mitglied des Wiener Kreises, schrieb 1928 im Vorwort seines ersten Hauptwerks “Der logische Aufbau der Welt”: “Wir spüren eine innere Verwandtschaft der Haltung, die unserer philosophischen Arbeit zugrundeliegt, mit der geistigen Haltung, die sich gegenwärtig auf ganz anderen Lebensgebieten auswirkt; wir spüren diese Haltung in Strömungen der Kunst, besonders der Architektur, und in den Bewegungen, die sich um eine sinnvolle Gestaltung des menschlichen Lebens bemühen” (Carnap: XV). Eine Gesinnung welcher Art mag z. B. Architekten und Philosophen einen derart, dass Carnap hier eine Haltung ausmacht? Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass (zwischen 1926 und 1928) der (in einigen Aspekten dem Wiener Kreis zeitweise nahe stehende) Philosoph Ludwig Wittgenstein zusammen mit dem Loos-Schüler Paul Engelmann seiner Schwester ein Haus entwarf, das durchaus typische Züge der Moderne trägt – das Stonboroughsche Haus in Wien:

http://www.haus-wittgenstein.at/ver20/hist_bilder1.htm

Was Otto Haesler betrifft, kann nun ganz klar auf eine Ähnlichkeit seines Planens mit Methoden des ‘Logischen Positivismus’, zu dem auch Carnap gezählt wird, hingewiesen werden. Zuerst ein kurzer Exkurs in die Schulgrammatik: In dem Satz Gerda holt Brötchen ist Brötchen ein Satzglied (hier: ein Akkusativobjekt), das aus einer Nominalphrase besteht. Diese Nominalphrase kann, sofern man bestimmte Regeln einhält, beliebig zu größeren Nominalphrasen erweitert werden:
Gerda holt frische Brötchen
Gerda holt die frischen Brötchen
Gerda holt die frischen Brötchen, die noch warm sind

Im Prinzip kann die Nominalphrase unendlich lang werden. In jedem Fall einer derartigen Erweiterung wird aus einem ‘grammatisch wohlgeformten’ Ausdruck der deutschen Sprache wieder ein ‘grammatisch wohlgeformter’ Ausdruck derselben Kategorie – in diesem Fall: der Kategorien “Nominalphrase” und “Akkusativ”. Dass Ausdrücke derselben Kategorie durch regelgemäße Veränderung unendlich lang werden können, ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass wir eine Sprache nicht nur durch Auswendiglernen von Ausdrücken erlernen, sondern auch dadurch, dass wir Regeln dieser Sprache kennen und anwenden lernen, die es ermöglichen, unendlich viele (und ggf. neue) Ausdrücke zu bilden, die man gar nicht alle auswendig gelernt haben kann. (Dies ist die Generativität einer Syntax, mit deren Entdeckung oft der Name des Linguisten Noam Chomsky verbunden wird.)

Mit diesem Phänomen sind die natürlichen Sprachen wie z. B. das Deutsche das natürliche Vorbild für künstliche Sprachen, so genannte Kalküle. Ein Kalkül besteht im Wesentlichen aus zwei Komponenten: Grundfiguren zum einen und Regeln, nach denen aus Figuren des Kalküls wiederum Figuren des Kalküls gebildet werden können, zum anderen. Ein Beispiel: Grundfiguren seien 7 und /. Eine Regel sei: Wenn X eine Figur ist, ist auch X7 eine Figur. Wendet man die Regel auf die Grundfiguren an, ergeben sich 77 und /7 als weitere Figuren. Wendet man die Regel auch auf diese Figuren an, ergeben sich 777 und /77 usw. So kann man in dem Kalkül beweisen, dass z. B. auch 77777777 eine Figur des Kalküls ist. Dies ist noch ein sehr einfaches Beispiel. Doch kompliziertere Kalküle lassen sich nutzen, um mit ihrer Hilfe etwas Brauchbares zu errechnen. Beispielsweise lassen sich bestimmte logische Schlüsse beweisen, wenn man Prämissen dieser Schlüsse in die Sprache eines Kalküls übersetzt, für den auch Regeln der korrekten Umformung formuliert sind. “korrekt” heißt hier: Lässt sich aus den Prämissen A und B nach einer Regel R die Konklusion C ableiten, ist diese Ableitung korrekt, sofern C aus A und B logisch folgt. Philosophen wie Rudolf Carnap haben eine ihrer Aufgaben darin gesehen, solche Kalküle zu entwickeln, in denen sich logische Schlüsse mit Hilfe bloßer Umformungsregeln (man sagt: rein syntaktisch) beweisen lassen.

Das setzt freilich voraus, dass Bedingungen des logischen Folgens von C aus A, B, … angegeben werden – eine kompliziertere Angelegenheit, auf die hier nicht weiter eingegangen wird. Auf diese Weise lässt sich zum Beispiel beweisen, dass aus
Alle Griechen sind Menschen und
Sokrates ist ein Grieche
logisch folgt: Sokrates ist ein Mensch,
indem man diese deutschen Sätze in Sätze eines Kalküls übersetzt (und zwar in Sätze eines so genannten prädikatenlogischen Kalküls). Das setzt immer voraus, dass der betreffende Kalkül sowohl in syntaktischer Hinsicht (die Wohlgeformtheit eines Ausdrucks betreffend) als auch in semantischer Hinsicht (die Bedeutungen der Ausdrücke betreffend) hinreichend charakterisiert ist. Das logische Folgen der Konklusion aus den Prämissen hängt von der so genannten Semantik der betreffenden Sprache ab. In dem Beweis, dass C aus A, B, … logisch folgt, wenn C aus A, B, … (syntaktisch) ableitbar ist, besteht ein Nutzen eines Kalküls.

Nun wieder zu Haesler:
Haesler war nicht in dem Maße ein ‘Intellektueller’ wie etwa Rudolf Carnap. Eher war er wohl ein ‘praktischer’ Mensch – und gerade das hat sicher zur Qualität seines Wohnungsbaus beigetragen. Aber wer die deutsche Sprache spricht, wendet – meistens ohne dies zu wissen – Züge eines Kalküls an. Und natürlich wird man nicht jeden Sprecher des Deutschen einen ‘Intellektuellen’ nennen. Weil ich als Sprecher des Deutschen Vokabeln und die grammatischen Regeln, anhand derer sich komplexere Ausdrücke bilden lassen, kenne, kann ich unendlich viele verschiedene wohlgeformte deutsche Ausdrücke – Nominalphrasen, Verbalphrasen, Sätze, … – bilden. Dieses Kennen ist jedoch selten ein explizites Wissen, d. h. ich kann diese Regeln allenfalls zu einem kleinen Teil oder nur sehr schlecht ausdrücklich formulieren. Man kann ja Deutsch sprechen, ohne ein ‘Intellektueller’ zu sein. Wie oben angedeutet, weist die deutsche Sprache nun einige Merkmale auf, mit denen sie sich einem Kalkül nähert:
Brötchen
frische Brötchen
frische, warme Brötchen
frische, warme Brötchen, die schmecken
frische, warme Brötchen, die nach Zahnpasta schmecken
frische, warme Brötchen, die nach billiger Zahnpasta schmecken

Auf diese Weise kann ein Sprecher des Deutschen immer neue Bedeutungen ‘transportieren’ und durch regelgemäße Erweiterung von Ausdrücken auch regelgemäß erweiterte Bedeutungen zu verstehen geben – womöglich ohne je von Grammatik gehört zu haben. Grammatik beschreibt das, was er kann, erst im Nachhinein!
Ähnlich verhält es sich mit Haesler: Haesler griff eine Grundrissidee des Architekten Ludwig Hilberseimer (noch bevor dieser am Bauhaus in Dessau tätig wurde) auf, um den für ihn typischen Kabinengrundriss zu entwickeln (vgl. Schumacher: 188). Um die Darstellung hier auf das Wesentliche konzentrieren zu können, sei er idealisiert folgendermaßen beschrieben:
Man geht aus von einer Art ‚Minimalwohnung’ (W) aus Küche, Bad, Wohnraum und Schlafraum (und einem Stichflur):

Diese Minimalwohnung ist eine Kleinstwohnung für wenigstens eine Person. Für die meisten Menschen um 1900 war sie ein Luxus!
Es gelte nun folgende Regel: Wird in Wohnung W ein Schlafzimmer im Süden angefügt und das Wohnzimmer ‚entsprechend’ verlängert, dann entsteht wiederum eine Wohnung: W’.
Das Ergebnis der Anwendung auf die Minimalwohnung:

W’ :

 

Erneute Anwendung derselben Regel auf W’ ergibt:

W’’:

Der Nutzen des ‘Kalküls’ ist klar:
Wenn Wohnung W für n Personen geeignet ist, ist W’ für n+m Personen geeignet, W’’ für n+m+m Personen, W’’’ für n+m+m+m Personen, … geeignet.

Natürlich sind der Anwendung dieses ‘Kalküls’ praktische Grenzen gesetzt. Man wird den Wohnraum nicht unbegrenzt schlauchförmiger werden lassen. Aber die Vorteile sind enorm: Reiht man die so – je nach Bedarf – schematisch planbaren Wohnungen aneinander, dann ergibt sich eine Zeile. Ist eine Zeile von Norden nach Süden ausgerichtet, dann erreicht jede Küche und jedes Schlafzimmer am Vormittag direkt Sonne von Osten und jeden Wohnraum das Licht der Nachmittagssonne. Daher werden die Zeilen parallel angeordnet, und wieder zeigen sich Grundfigur und Regel eines weiteren ‘Kalküls’:

Haesler hatte keine Skrupel, diesen Vorteil des ‘Kalküls’ zu nutzen – seine beiden in Celle verwirklichten Zeilensiedlungen liefern nur einen kleinen Einblick in das, was hätte verwirklicht werden können. Das mag manchem Unbehagen bereiten. Hier sei jedoch zu bedenken gegeben: Es ist der Job des Wohnungsarchitekten, einen möglichst günstigen Rahmen zu bieten für die individuelle Ausgestaltung durch den jeweiligen Bewohner. Dieser Aufgabe wurde Haesler vorbildlich gerecht. Aus meiner Sicht – hier wird noch einmal auf Frage 2) Bezug genommen – ist die Lösung des Problems, den individuellen Wünschen des Bauherrn eines Einfamilienhauses gerecht zu werden, nicht die Lösung eines gesellschaftlich relevanten Problems. Daher ist der Teil, der mit der Siedlung Georgsgarten in Celle seinen Auftakt nahm, die bedeutendste Komponente des Haeslerschen Werks und charakterisiert Kenneth Frampton Haesler gleich zu Beginn seines Abschnitts über Haesler in “Architektur der Moderne.

Eine kritische Baugeschichte” als “Pionier des Zeilenbaus” (Frampton: 124). Das, was manchem heute Unbehagen bereitet, die ‘Serialität’ seiner Zeilensiedlungen, ist gerade Haeslers wichtigster Beitrag zu modernen Architektur. Und auffällig ist, wie sehr sich Haesler mit diesem Beitrag als Teil einer ‘Gesinnung’, von der der Philosoph Carnap 1928 recht pathetisch sprach, erweist: “Es ist die Gesinnung, die überall auf Klarheit geht und doch dabei die nie ganz durchschaubare Verflechtung des Lebens anerkennt, die auf Sorgfalt in der Einzelgestaltung geht und zugleich auf Großlinigkeit im Ganzen, auf Verbundenheit der Menschen und zugleich auf freie Entfaltung des Einzelnen” (Carnap: XVI).
Erwähnt sei noch, dass, wenn hier in Bezug auf Haesler die Rede von einer Art ‘Kalkülisierung’ des Entwerfens ist, nicht schon bloße Symmetriephänomene, wie sie selbstverständlich die Architektur von jeher prägten, darunter fallen. Vielmehr wird hier ein ‘Kalkül’ genutzt, ähnlich wie es z. B. Philosophen und Logiker seit dem Wiener Kreis in der Entwicklung von Logikkalkülen bei der Formalisierung des logischen Schließens taten: Jeder syntaktisch korrekten Umformung, z. B. von

W

zu

W’

entspricht ein Unterschied in der vorgesehenen Eignung der betreffenden Wohnung: W ist für etwa eine Person (oder ein Paar), W’ für zwei oder drei Personen (Eltern und Kind), W’’ für … geeignet. Die Parallele ist deutlich, vor allem wenn man bedenkt, dass Haesler sich dieses Aspekts seiner Planung keineswegs so bewusst gewesen sein muss wie diejenigen, die sein Planen im Kontext der Zeit analysieren.

Von Anfang an war es ein Anliegen Haeslers, den Abstand zwischen zwei benachbarten Zeilen so groß zu halten, dass jede Zeile im Westen noch von der Abendsonne erreicht wird. Auch Gropius berücksichtigt diese Eigenschaft, wenn er die Vorteile verschiedener Zeilenhöhen miteinander vergleicht (Gropius: 135ff) – ein Anliegen, das nach Frampton auf Theodor Fischer zurückgeht (Frampton: 125). Damit geht ein weiterer Vorteil einher: Zwischen zwei Zeilen ist Platz genug für Grünflächen, die jedoch nicht groß genug sind, um bebaut zu werden. Deshalb sind seine Zeilensiedlungen zum Teil grüne und ruhige Oasen geblieben, während heutige Wohnungsbauten mehr oder weniger von Parkplatz- und armseligen Bodendecker- und Kirschlorbeerwüsten umgeben sind, die Flora und Fauna nicht viel zu bieten haben. In Haeslers letzter Celler Siedlung, dem Blumläger Feld, von der heute noch der zweite Bauabschnitt erhalten ist (nördlich der Straße “Galgenberg”, angrenzend an das Schulzentrum), ist dieser Vorteil besonders augenfällig, da hier jeder Wohnung genau ein Garten zugeordnet ist und die Gärten in den Grünflächen zwischen den Wohnzeilen untergebracht sind.

Der Verfasser bewohnt selbst eine der Wohnungen dieses verbliebenen Abschnitts. Vor allem ältere Mieter haben diese Gärten meistens sehr geschätzt, und wer sich heute in einem Gang durch den verbliebenen zweiten Bauabschnitt des Blumläger Feldes einen Eindruck von dieser Architektur zum Wohnen und Gärtnern verschaffen will, möge auf die hier beschriebenen Planungsprinzipien des Architekten zum einen und darauf, wie langjährige Mieter (einige der heutigen Mieter haben hier schon als Kind zu Beginn der 30er Jahre gewohnt) dies individuell zu nutzen wissen, zum anderen achten. Bauwerke können sich in Details verändern, ohne ihr ‘Gesicht’ zu verlieren – ich behaupte mal, dass dieses ‘Gesicht’ u. a. in der hier beschriebenen ‘Grammatik’ liegt. Auch einige Details, die hier nicht genannt wurden, tragen dazu bei; so verrät die Siedlung nach wie vor den Einfluss der modernen Bildenden Kunst. Das typische Fensterband des Neuen Bauens, das seine Ursprünge schon im Jugendstil hat, prägt auch die Zeilen am Vogelsang und am Rosenhagen und ist Ausdruck einer Freude an optischen ‘Rhythmen’, wie sie beispielsweise schon Charles Rennie Mackintoshs Werk verrät.


Charles Rennie Mackintosh: Salon de Luxe in the Willow Tea Rooms, 1903
aus:
http://designmuseum.org/__entry/4349?style=design_image_popup
Zugriff am 15.04.11
(Siehe auch http://www.mackintosh-moebel.com/picture_viewer/index.html)

Das sind Details, wie sie am besten vor Ort sichtbar werden, z. B. an der Eingangstür des Haesler-Museums:


(Foto: Roland Posner, Arbeitsstelle für Semiotik, TU Berlin)

Was hier allerdings auch verdeutlicht werden sollte, ist: Entfernt man sich wenigstens vorübergehend von kunstgeschichtlicher Detailtreue und Quellenarbeit, indem man disziplinübergreifend Phänomene verschiedener kultureller Praktiken wie Architektur, Philosophie, Mathematik, Sprache überblickt, dann stößt man gelegentlich auf etwas, das kulturtheoretisch von Interesse ist und anders nicht in den Blick kommt. Die starre Entgegensetzung z. B. von ‚Musischem’ und ‚Mathematisch-Naturwissenschaftlichem’, die die Schule nach wie vor prägt, lässt grammatische Phänomene etwa in der Architektur nicht erahnen.(Fotos: Roland Posner, Arbeitsstelle für Semiotik, TU Berlin)

Literatur
Carnap, Rudolf (1928), Der logische Aufbau der Welt. Wien. Nachdruck der
ersten Auflage 1998. Hamburg: Meiner.
Frampton, Kenneth (2010), Die Architektur der Moderne. Eine kritische Baugeschichte. München: Deutsche Verlags-Anstalt.
Gropius, Walter (1987), Ausgewählte Schriften. Berlin: VEB Verlag für Bauwesen.
Hettwer, Carsten und Monika Markgraf: Beilage zur Ausstellung „Die Siedlungen von Otto Haesler in Celle. Modelle Sozialen Wohnens“ in der Stadtbibliothek Celle 16.02. – 07.03.1987.
Oelker, Simone (2002), Otto Haesler: Eine Architektenkarriere in der Weimarer Republik. München: Dölling und Galitz.
Schumacher, Angela (1982), Otto Haesler und der Wohnungsbau in der Weimarer Republik. Marburg: Jonas Verlag. (Einen systematischen Überblick über Grundrisstypen des Neuen Bauens liefern v. a. die Seiten 184 – 200.)

Texte, Fotos, alle Rechte: Claus Schlaberg, Celle

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