100 Jahre KOLLER in Celle

Von Redaktion | am Mo., 26.11.2012 - 00:34

Zur Handvoll wirklicher Pioniere der deutschen Erdölindustrie und der heute rings um Celle konzentrierten Erdölservicebranche darf man Ferdinand Koller (1881-1941) zählen. 1912 legte er den Grundstein für das heutige Dreispartenunternehmen KOLLER. Hundert Jahre später profitieren über 300 Mitarbeiter an den Standorten Altencelle, Nienhagen und Zistersdorf/Österreich noch immer vom Wagemut und Weitblick der Gründergeneration. „Koller musste sich immer wieder neu erfinden“, sagt Geschäftsführer Wilhelm Linnewedel mit Blick auf bevorstehende Jubiläumsfeiern, „unsere Branche war und ist ein Barometer der Weltwirtschaft, es ging rauf und runter - und Erdöl bleibt wohl noch länger das Schmiermittel unseres Wohlstandes“.

Eine Tellerwäscher-Karriere vor dem Ersten Weltkrieg

Ferdinand Koller wird 1881 hineingeboren ins aufziehende Erdöl-Zeitalter, das 1859 mit den legendären Bohrungen von Titusville/Pennsylvania und Wietze/Südheide beginnt und den Aufstieg Amerikas zur Weltmacht beflügelt. Er wächst in Celle in bescheidenen Verhältnissen auf und absolviert zunächst eine Schlosserlehre. Früh erkennt man sein unternehmerisches Talent. Eine kaufmännische Ausbildung schließt sich an. Bald wird er Buchhalter und Handelsreisender bei der Ratsmühle und einer Celler Branntweinbrennerei. 1907 kommt der junge Ferdinand mit der Erdölbranche in Berührung. „Boomtown“ Wietze steht im Zenit, Celle ist administrative Drehscheibe. Koller wird Betriebsleiter der Gewerkschaft „Rebekka“. Als das dortige Feld „von selber läuft“, schlägt der Jungmanager die Übersiedlung in das noch jungfräuliche Gebiet im Dreieck Hänigsen-Wathlingen-Nienhagen vor. Doch der Aufsichtsrat sperrt sich. Ihm ist das zu risikoreich. Erst als Koller damit kokettiert, dort auf eigene Faust zu bohren, darf er loslegen und ist auf Anhieb erfolgreich. Als Betriebsleiter der Erdölwerke Dannhorst wird er zum Wegbereiter des Öldorfes Nienhagen, das Wietze nach 1930 überholt und eine Epoche lang gut drei Viertel der deutschen Erdölförderung beisteuert.
Doch gemessen an der Marktstellung Amerikas ist die deutsche Ölbranche immer noch ein Zwerg. „Herrlichen Zeiten führe ich euch entgegen“, hatte Kaiser Wilhelm II. seinem Volk zur Wende zum 20. Jahrhundert versprochen – und damit den Zeitgeist getroffen, der von einem immensen Fortschrittsglauben gekennzeichnet ist. Durch staatliche Interventionen kommt es zu einer Fusionswelle. Sie zwingt kleine Gesellschaften zu Kooperationen. DEA wird schnell zum Marktführer. Man umwirbt das Talent Ferdinand Koller, macht ihm gute Angebote. Aber der folgt seinem Bauchgefühl und gründet 1912 kurzerhand die „Erdölwerke Wathlingen“. Mutungsverträge mit Grundeigentümern werden abgeschlossen, ein Jahr später beginnt er mit eigenem Bohrgerät am Rande des Wathlinger Salzstockes. Während des 1. Weltkrieges und in den nicht minder schwierigen Nachkriegsjahren werden unter extremen Bedingungen 13 Bohrungen niedergebracht. Geophysikalische Erkundungstechniken stecken in Deutschland noch in den Kinderschuhen, Wünschelrutengänger sind gefragt. Trotz wissenschaftlicher Beratung bleiben Erfolge aus.

Zwischen Hoffen und Bangen: Die 1920er Jahre

Aber der durchsetzungsstarke Koller steckt den Kopf nicht in den Heidesand. 1921 übernimmt er in der Celler Schuhstraße 15, am Rande der historischen Altstadt, eine alteingesessene Maschinenschlosserei, die bereits auf die Produktion von Bohrgeräten und Werkzeugen für Tiefbohrzwecke spezialisiert ist. Damit kann er sich aus der Abhängigkeit von Fremdanbietern befreien und zugleich ein zweites Standbein im Spezialmaschinenbau entwickeln – der bis heute tragenden Unternehmenssäule. 1928/29 treffen Kollers Leute bei Bohrungen in Papenhorst auf Leitfossilien. Sie sind für die beratenden Wissenschaftler untrügliches Signal: „Weitermachen!“ Doch nach dem berüchtigten „Schwarzen Freitag“ an der New Yorker Börse zeigt die Weltwirtschaftskrise 1930-32 in Deutschland existenzielle Verwerfungen unvorstellbaren Ausmaßes. Die Bohrtätigkeit kommt völlig zum Erliegen. Wirtschaftliche Not wird zum Nährboden des Nationalsozialismus.

Die 1930er Jahre: Expansion durch das Reichsbohrprogramm

Noch immer deckt die Inlandsförderung kaum zehn Prozent des deutschen Ölbedarfs. Zentraler Baustein der neuen Machthaber im Rahmen wachsender Autarkie-Bestrebungen wird das „Reichsbohrprogramm“ von 1934. Koller geht Kooperationen ein und exploriert neue Ölfelder in Schleswig-Holstein, im Emsland und besonders erfolgreich in Österreich. Das staatliche Förderprogramm zeigt 1936/37 schließlich auch im heimischen Nienhagen seine Wirkungen: Im „Hellesbruch“ gelingt Ferdinand Koller nach zwei Jahrzehnten des Hoffens, Bangens und zähen Durchhaltens der große Durchbruch. Weitere Erfolge stellen sich ein, auch im Wiener Becken. Wirtschaftliche Risiken werden über Konsortien – unter anderem mit der Wintershall AG – auf breitere Schultern gelegt.

1933 steigt Sohn Hans Koller nach Beendigung seines Studiums an der TH Hannover als Teilhaber ins väterliche Unternehmen ein, 1939 wird daraus die offene Handelsgesellschaft Ferdinand Koller & Sohn. Doch die Kräfte des Seniors sind im Lebenskampf verbraucht. Ferdinand stirbt 1941 kurz vor seinem 60. Geburtstag. Solidität im Handeln, unternehmerischer Mut zur rechten Zeit und persönliche Bescheidenheit, so beschreiben Weggefährten diesen Pionier der deutschen Erdölszene.

Mühsames Überleben nach 1945

Die vernichtende Wirkung des von Hitler angezettelten 2. Weltkrieges trifft auch Koller mit voller Wucht. Die vier wertvollen Rotary-Bohranlagen in Österreich werden von den Sowjets enteignet. Auch in Celle werden alle betrieblichen Vermögenswerte von der Militärregierung konfisziert. Als Konsequenz muss die Belegschaft stark zurückgefahren werden. Hans Koller setzt nach 1945 im besonderen Maße auf den Ausbau der Maschinenfabrik. Man baut Komponenten für die Bohr- und Ölindustrie, aber auch für den allgemeinen Maschinenbau. Ersten kleinen Serienfertigungen schon vor dem 2. Weltkrieg folgt nun eine ungemein erfolgreiche Produktlinie von Paket- und Palettenwagen für Post und Bundesbahn, die erst in jüngster Zeit von Deutschlands Bahnsteigen verschwunden sind. Das alles spielt sich noch in der Fachwerk- und Hinterhofkulisse der Altstadt ab – mit unüberhörbarem Lärm, aber trotzdem in guter Nachbarschaft.
Hans Koller ist der Sohn des Vaters – und bringt den Bohrbetrieb wieder zur Geltung. 1954 bohrt man für DEA in Holstein, bald aber auch in eigener Regie in ganz Deutschland mit Bohrungen bis zu 2.500 Meter Teufe. Doch die Fünfziger Jahre stehen auch für einen Umbruch. Tiefe Erdgasbohrungen lösen unwirtschaftliche Öllagerstätten ab. Das Risiko für den Mittelstand wächst. 1959 steigt Hans Koller aus dem Kerngeschäft „Bohren“ aus und etabliert mit Erfolg einen Windenservice als Dienstleister für Mobil Oil, später auch für DEA, Elwerath und Wintershall. Schnell entwickelt sich daraus ein stabiles Standbein zur Maschinenbausparte.

Ölpreisschwankungen prägen sechziger und siebziger Jahre

In den 1960er Jahren verursacht der Wegfall der Einfuhr-Schutzzölle einen Preisverfall beim Rohöl von 160 DM auf 40 DM pro Tonne. Die Branche liegt am Boden und reagiert mit einer Rationalisierungswelle. Hans Koller verlagert erneut Schwerpunkte. Und er tritt in einer schwierigen Phase die Flucht nach vorn an: 1969 erfolgt der schon vor Jahrzehnten geplante Umzug der Maschinenfabrik aus den abenteuerlich engen Altstadt-Räumen in großzügige Neubauten im prosperierenden Industriegebiet Altencelle. Doch die Früchte seiner weitsichtigen Entscheidungen, die Erholung der Erdölservicebranche, erlebt Hans Koller nicht mehr. Er stirbt 1972; seine Frau Ursula führt sein Werk zusammen mit dem langjährigen Prokuristen Reinert Stedeler fort. Als die Rohölpreise 1973 im Gefolge der ersten „Ölkrise“ kräftig anziehen, kann auch Koller wieder aufatmen. Ab 1975 bekommt der Windenservice Hochkonjunktur. Er wird zügig modernisiert mit US-Importen. Im Spitzenjahr 1985 sind 13 Winden im Einsatz.

Die Achtziger und Neunziger: Branche steht unmittelbar vor Zusammenbruch

Doch dann kommt es 1986 am Weltmarkt zu einem erneuten dramatischen Ölpreisverfall. Branchenkenner sind sich heute einig: Wäre der Preis damals unter 10 Dollar gerutscht, gäbe es heute keine Erdöl-Serviceindustrie mehr rings um Celle, dem „Houston Europas“! Unternehmerischer Weitblick bewährt sich auch in dieser kritischen Phase: Der Windenbetrieb wird nicht auf Null zurückgefahren. Und während sich Weltunternehmen wie Christensen aus Celle zurückziehen, schmiedet die Koller-Führung neue Allianzen, darunter ein erfolgreiches Zusammenspiel mit Cedima bei der Serienfertigung von Spezialfugenschneidern mit Diamantwerkzeugen.
Auf den Fall von Mauern und Grenzen in Europa nach 1989, auf die wachsende Globalisierung und auf immer höhere Anforderungen an Onshore- und Offshore-Komponenten reagiert Koller frühzeitig mit einer Qualitätsoffensive. Das Unternehmen wird konsequent auf neue Märkte ausgerichtet. Die Produktionsräume am Bruchkampweg in Altencelle werden erheblich erweitert.

Koller heute: Dreispartenhaus mit internationaler Ausrichtung

Seit 2008 ist KOLLER Mitglied der MB Holding Company mit Sitz im Oman und auf dem besten Weg vom regionalen Akteur, vom Lohnfertiger und Sondermaschinenbauer hin zum "Global Player" in Premium-Segmenten des Stahlbaues mit Dokumentation und Testreihen auf Weltniveau. Die weltweiten Geschäftsverbindungen der MB-Unternehmensgruppe haben KOLLER stark beflügelt. Sie schaffen ganz neue Spielräume für Innovationen und Zukunftsinvestitionen. Das kommt dem Standort Celle sehr zugute.
Heute konzentrieren sich die Aktivitäten der KOLLER Group unter dem großen MB-Dach auf drei Sparten:

KMA - Koller Maschinen- und Anlagenbau

Hier bringt der Bereich Well Servicing Products seine mittlerweile hundertjährigen Erfahrungen von den Öl- und Gasfeldern dieser Welt ein. Wireline Units für extreme Einsatzbedingungen in Wüstenregionen oder sibirischer Kälte zu konstruieren, gehört zu den Kernkompetenzen. "Stallgeruch" und Praxisblick für die notwendigen Details sind in der Branche legendär. Dabei sichert eine große Fertigungstiefe "made in Celle" Qualitäten, die sich häufig erst unter härtesten Einsatzbedingungen zeigen. Die Sparte Special Maschines hat sich immer mehr zum Maßschneider entwickelt. Mit höchster Flexibilität und Full Service liegt hier ein Schwerpunkt auf Anlagen, Werkzeugen und Ausrüstung zur Gewinnung fossiler Rohstoffe. Extrem wachsende Qualitätsanforderungen im Offshore-Einsatz spiegeln sich im Stahlbau des Hauses Koller. Nicht nur hier wird längst auf Weltniveau gearbeitet. Sind Maschinen und Anlagen beim Kunden, werden sie durch den After Sales Service weltweit kompetent begleitet. Mit rund 200 Mitarbeitern ist der Bereich Maschinenbau heute tragende Unternehmenssäule.

KWD - Koller Workover and Drilling

In einer Epoche knapper fossiler Rohstoffe müssen bestehende Öl- und Gasfelder sorgsam gepflegt werden. Dabei hat sich KWD als Dienstleister seit 1959 am Markt etabliert in Deutschland und Österreich. Ihre Winden und das Equipment arbeiten auf höchsten technischem Niveau, auch Dank erheblicher Zukunftsinvestitionen in jüngster Zeit. Ausgeführt werden sämtliche Arbeiten zur Erhaltung der Produktivität von Öl- und Gasbohrungen. Insgesamt sind zwölf Winden im Einsatz - betreut von rund 100 Mitarbeitern im Dreischichtbetrieb.

Rellok Cutting Solutions

Der Bereich Diamant-Technik etablierte sich seit 2010 unter dem eigenen Label RELLOK. Aus langjähriger Entwicklungskompetenz bietet RELLOK Komplettlösungen rund um das Thema Beton- und Asphaltschneidwerkzeuge. Auch RELLOK ist darauf fixiert, spezielle Kundenwünsche in höchster Präzision umzusetzen und im engen Kundenkontakt Pionieranwendungen wie beim MicroTrenching zum Durchbruch zu verhelfen. Cutting solutions made in Celle: Ein Mitarbeiterstamm von 30 Spezialisten ist von der Konstruktion bis zur Just-in-Time-Lagerhaltung im Einsatz.

Geschäftssführer Marijan Grahovac bringt die Ausgangslage im Jubiläumsjahr auf den Punkt: "Koller steht für eine bunte Mischung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Altersklassen - Erfahrung paart sich mit jugendlichem Elan. Unser Unternehmen ist geprägt von einer offenen Unternehmenskultur - hier wird der einzelne Mitarbeiter respektiert, hier gibt es viele Spielräume. So hat Koller die letzten 100 Jahre erfolgreich gemeistert und in diesem Geiste entwickeln wir das Unternehmen stetig weiter. Das ist unser Anspruch für die Zukunft. Wir sind hungrig auf Erfolg – Erfolg im internationalen Geschäft."