HANNOVER. Häuser, Wohnungen oder Gewerbeflächen: Bei Neu- oder auch Umbauvorhaben in Niedersachsen musste vergangenes Jahr alte Munition bei 266 Einsätzen vor Ort gesprengt werden (2015: 130 Einsätze). Insgesamt wurden in Niedersachsen bei knapp 1.000 Einsätzen Kampfmittel mit einem Gesamtgewicht von rund 93 Tonnen geborgen und entsorgt (2015: 45 Tonnen). Das geht aus dem jetzt vorliegenden Jahresbericht des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landes Niedersachsen (KBD) für das Jahr 2016 hervor. „Wir wissen, dass im niedersächsischen Boden noch immer zahlreiche Blindgänger verborgen sind. Sie kommen meistens dann zum Vorschein, wenn irgendwo neu oder umgebaut wird“, so Niedersachsens Minister für Inneres und Sport, Boris Pistorius. „Die hervorragende Arbeit beim Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Niedersachsen beruhigt mich aber ungemein, allen Beteiligten sage ich herzlichen Dank. Ihrem Können ist es zu verdanken, dass es vergangenes Jahr keinen einzigen Unfall gegeben hat und weder Bürgerinnen und Bürger noch Kampfmittelexperten verletzt wurden.“

Auch 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges stoßen Bevölkerung und Bauarbeiter noch regelmäßig auf alte Munition. Dabei wurden in der niedersächsischen Nordsee insbesondere durch den Bau von Offshore-Windparks und den Ausbau von Kabeltrassen gut neun Tonnen Weltkriegsmunition entdeckt, darunter drei Ankertauminen, eine Treibmine, eine Seemine und verschiedenste Sprenggranaten. Pistorius: „Dank sagen möchte ich auch den Kommunen, die als zuständige Gefahrenabwehrbehörden für diesen Aufgabenbereich dafür Sorge tragen, möglichen Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Und ganz besonders danke ich den Niedersachsen selbst, die ruhig bleiben und viel Verständnis zeigen, wenn in ihrer Nachbarschaft Blindgänger entschärft werden müssen und wenn dafür – wie vergangenes Wochenende in Hannover – sogar zehntausende Menschen vorübergehend ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssen.“

Alte Munition wird im Laufe der Zeit nicht ungefährlicher, im Gegenteil: Alterungsprozesse und Korrosionseinwirkungen erhöhen oft sogar die Gefahr einer plötzlichen Explosion. Gefunden wird die Munition häufig durch Auswertung von Luftbildern oder zufällig, etwa bei Bauarbeiten. Dabei sind immer wieder Kinder, Sammler und Schatzsucher gefährdet, aber auch das Personal aus Land- und Forstwirtschaft sowie von Tiefbau- und Metallrecyclingfirmen. Sorgen bereitet dem KBD, dass die Anzahl der Munitionsfunde durch Schatzsucher und Geocacher, die auch auf ehemaligen Sprengplätzen und Munitionsanstalten mit Hilfe von GPS-Geräten und Sonden unterwegs sind, trotz ausdrücklicher Warnungen weiterhin ansteigt.

Verstetigt hat sich das hohe Niveau der auf Kampfmittelfreiheit überprüften Bauvorhaben. Gut 3.100 Anträge wurden im vergangenen Jahr ausgewertet. 43 Bombenblindgänger mit einem Gewicht von über 50 Kilogramm konnten auf dem Festland in 2016 lokalisiert, durch gewerbliche Kampfmittelräumfirmen untersucht und schließlich durch den KBD geborgen werden.

Seit Jahresbeginn 2012 gehört der KBD zum Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) und ist der Regionaldirektion Hameln-Hannover angegliedert – mit derzeit 44 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, davon 22 im Außendienst.

Seit gut zwei Jahren laufen die Vorbereitungen zur Entwicklung einer umfassenden Anwendungssoftware für den KBD, die zur digitalen Bearbeitung aller wesentlichen Geschäftsprozesse, insbesondere zur Auswertung von Kriegsluftbildern, und der Ergebnisdokumentation in einem Geographischen Informationssystem (GIS) sowie einer Antragsverwaltung dienen soll. Hierdurch sollen auch die Voraussetzungen für eine Ausweitung der systematischen Luftbildauswertung geschaffen werden. Die Software soll ab Ende 2017 einsatzbereit sein.

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