Preisgekrönte cineastische Perle – 25 Jahre Programmkino „achteinhalb“

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Fr., 14.02.2020 - 13:00

CELLE. Grauer Asphalt, Graffiti-Wände links und rechts, eine schmucklose Außentreppe – das Gelände ist unscheinbar. Nichts deutet darauf hin, dass die stählernen Stufen zu einem Kleinod führen, das deutschlandweit Beachtung findet. Fällt die Tür hinter dem Besucher ins Schloss, wird der Alltag ausgesperrt, die imaginäre Welt des Films übernimmt die Regie: Rote gemütliche Sessel, Plakate, die dem gewöhnlichen Kinogänger wenig sagen, und gleich am Eingang ein Utensil, das die zweite wichtige Säule in diesem von zwölf Ehrenamtlichen betriebenen Lichtspielhaus symbolisiert: eine Theke ohne Popcorn und Nachos, dafür mit Eukalyptus-Bonbons, Brillen-Putztüchern und Keksen, die gratis verteilt werden.

Getränke stehen selbstverständlich bereit, sind sie doch ein Bestandteil des kommunikativen Elementes, das für dieses unabhängige, gemeinnützige Kulturprojekt so typisch ist. Kino und Kommunikation gehen im „achteinhalb“ Hand in Hand. In der Pause und nach dem Film kommen Publikum, Betreiber und nicht selten auch geladene Filmschaffende ins Gespräch. Schaut man heute auf dieses Paradies für Cineasten, scheint die Aussage eines Mitbegründers kaum zu glauben: „Das hätte auch etwas anderes als Film sein können, Hauptsache Kultur, es gab hier nichts. Wir wussten nicht, wo wir ausgehen sollten. Das Kulturangebot in Celle war viel schmaler als heute“, blickt Stefan Eichardt zurück auf die Anfänge im Jahr 1995. Nicht im Traum hätten die damaligen acht Initiatoren daran gedacht, ein Vierteljahrhundert zu bestehen und Jubiläum zu feiern.

Man wählte ganz bewusst einen Namen, der nichts besagt. Wer – von ausgewiesenen Fans und Experten einmal abgesehen – kannte schon den Film „Otto e mezzo“ (achteinhalb) von Federico Fellini. Der Meister befand sich in einer Schaffenskrise, bannte die Entstehung eines Werkes auf Leinwand und wurde so zum Inspirator für Celles Kulturszene. Der Charakter des offenen Endes, das Improvisatorische passte zum Vorhaben der acht Aktivisten. „Es gab nichts, wir hatten kein Konzept“, erzählen die Gründer. Sicherheit verlieh ein Bauchgefühl: „Da war eine Lücke, die gefüllt werden musste.“ Widerstand formierte sich, etablierte Kleinstädter befürchteten, die ambitionierten jungen Leute wollten etwas besser machen. Aber darum ging es nicht. Anders sollte es sein, nicht das Kommerzielle sollte im Vordergrund stehen, sondern ein kommunikativer Ort mit Einladungscharakter. 

Bis heute werden weder Werbung noch Vorschauen gezeigt. Gleiches gilt für die Website, keine Werbung lenkt ab vom Programmüberblick. Die Filme werden nicht undifferenziert angepriesen, sondern es werden, und auch dies ist einmalig in Deutschland – sowohl positive wie negative Kritiken veröffentlicht. „Nirgendwo wird man so gut informiert über Filme wie bei uns“, sagt Eichardt und ergänzt: „Wir zeigen Filme, die de facto kein Mensch gesehen hat, die sonst nirgendwo laufen.“

Wer meint, dies sei ein Garant für leere Sessel, irrt. Der kleine gemütliche Saal ist regelmäßig gut gefüllt. Sind Streifen angekündigt, die in der öffentlichen Wahrnehmung etwas weiter vorne liegen, muss reserviert werden. „Euer Programm zeichnet sich weniger aus durch die Filme, die Ihr zeigt, als die, die Ihr nicht zeigt“, äußerte eine Filmverleiherin vor kurzem. Mehr als einmal erlangte das „achteinhalb“ bundesweit Aufmerksamkeit und wurde geehrt für herausragende Kinoarbeit. „Mittlerweile sind wir everybody’s darling, landes- und bundesweit anerkannt und lokal beliebt“, berichtet Eichardt. 

Doch der Weg dahin war steinig. Die Antworten auf Herausforderungen wie die Installation von Brandschutz, die Umstellung vom surrenden Projektor hinter Glas auf lautlose, zweckmäßige Digitaltechnik oder zeitweises Agieren am Abgrund zur Pleite lauteten Kooperation mit allen Akteuren der Stadt, Flexibilität, Einfallsreichtum und nicht zuletzt Zusammenhalt. „Es gab Momente, wo wir schließen wollten, das Gefühl hatten, es geht nicht mehr weiter. Das mobilisierte Kräfte“, erinnert sich Stefan Eichardt und setzt lachend nach: „Man könnte auch sagen, wir haben nicht geschafft, es zu beenden.“

Fürsprecher mit einem Herz für Kultur halfen beim Überleben und vielleicht auch ein Grundsatz, den der Vereinsvorsitzende von „Kino und Kultur e.V.“ von seinem Vater übernommen hat. „Am Geld dürfen keine wichtigen Dinge scheitern“. Bedeutsam wurde die Gemeinschaftsproduktion und statt zu scheitern, fand sie ihren festen Platz in der Stadtgesellschaft.
Wer der Entstehung und Entwicklung dieses Celler Kulturprojektes nachspürt, ist versucht, den Begriff „Erfolgsgeschichte“ zu verwenden. Aber er passt nicht, gehört er doch in die Gegenwart, wo das „achteinhalb“ nicht durchgehend zu verorten ist. Es verkörpert den Zeitgeist einer anderen Ära. „Wir sind ein bisschen aus der Zeit gefallen“, merkt Eichardt an. Nicht einmal das Jahrzehnt des Beginns lassen die Initiatoren gelten: „Wir sind nicht 90er, wir sind 80er.“ Allerdings mit künstlerischen Inhalten, die die heutige Gesellschaft reflektieren.

Ist die Auswahl der Filme nicht das Entscheidende für die Resonanz, die ein Kino in jeder Hinsicht erfährt? Wie lauten die Kriterien, welches ist das gemeinsame Element? Stefan Eichardts Antwort ist so außergewöhnlich wie das großstädtisch anmutende Kleinstadtkino „achteinhalb“ insgesamt: „Wir haben ein durchdachtes Programmkonzept, das sich den Menschen aber auf den ersten Blick nicht ohne weiteres mitteilt.“