Erfolgreiche Behindertenarbeit aber keine Inklusion: Werk- und Lebensgemeinschaft Dalle feiert 40-jähriges Bestehen

Gesellschaft Von Redaktion | am So., 08.09.2019 - 12:00

DALLE. Von der gewohnten dörflichen Ruhe konnte gestern in Dalle keine Rede sein. Viel Prominenz und zahlreiche geladene Gäste fanden sich zum Festakt anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Werk- und Lebensgemeinschaft Dalle (WLG) ein. Nachmittags stand der Tag der offenen Tür auf dem Programm, der trotz Regen viele Besucher anlockte, die die Werkstätten besichtigten und keinesfalls die Musikdarbietung der geistig behinderten und seelenpflegebedürftigen Bewohner in der früheren Schule verpassen wollten.
Die Bundestagsabgeordneten Kirsten Lühmann und Henning Otte, Bürgermeister Günter Berg sowie etliche andere Funktionsträger würdigten die Arbeit des Vereins, der 1979 auf Initiative von Eltern behinderter Jugendlicher gegründet wurde. Leitsatz war zu Beginn die anthroposophische Lehre von Rudolf Steiner. „Dieser Ansatz hat sich mit der Zeit verloren“, erläutert Reinhard Klein, der die Arbeit der WLG über einige Jahre als Vorstandsmitglied begleitete und zu den geladenen Gästen gehörte. Als kleine Oase bezeichnet der langjährige Geschäftsführer der „Lebenshilfe“ die Gemeinschaft von derzeit 43 Bewohnern, die verteilt über den gesamten Ort in Wohngruppen zu fünft leben und die Wahl zwischen der Arbeit in unterschiedlichen Werkstätten wie Töpferei, Weberei oder Tischlerei haben. Auch eine Gärtnerei wird betrieben.

Vor 40 Jahren standen zahlreiche Immobilien im Dorf leer, darunter der Gasthof. Die engagierten Eltern erwarben die Häuser und etablierten die besondere Lebensform für die beeinträchtigen jungen Leute. „Es wurde zunächst zu wenig transparent vorgegangen“, sagt Klein, „die Daller Bürger wurden nicht mitgenommen. Aber dieses Problem hat sich durch größere Offenheit gelöst.“ Es gebe keine Vorbehalte mehr von Seiten der Daller Einwohner, betont auch der Vorstandsvorsitzende Friedrich P. Busch, die Behinderten würden so akzeptiert, wie sie sind.

Exemplarisch für die Arbeit der Werk- und Lebensgemeinschaft ist die Beteiligung der Bewohner am Festakt: Gisela Kalberlah unterstützt Pastorin Franziska Baden bei der Segnung der Veranstaltung, Sabrina verliest einen Brief der Landessozialministerin Carola Reimann, sogar über eine Frauenbeauftragte verfügen die betreuten Menschen, in dieser Eigenschaft begrüßt Bettina Haacke die Gäste. „Die Arbeit hier ist immer offener und besser geworden, sie hat jetzt einen Standard erreicht, der oberhalb des Üblichen liegt“, sagt Reinhard Klein, als gelebte Inklusion bezeichnet er die Gemeinschaft indes nicht. Es gebe zu wenig Berührungspunkte mit nicht behinderten Menschen.

Neue Projekte wie ein Café oder die Kooperation mit der Celler Paul Klee Schule stehen für stete Innovation. „Wir haben durchaus Probleme, Nachwuchs zu finden“, berichtet der Vorstandsvorsitzende Friedrich P. Busch. Von den 48 zur Verfügung stehenden Plätzen sind derzeit fünf unbesetzt. Der am Samstag offiziell eingeweihte „Daller Außentag“ der Celler Förderschule unter Leitung von Uwe Kirchner soll ein Mittel sein, hier Abhilfe zu schaffen. Für einige Absolventen der Einrichtung könnte der Wechsel nach Dalle eine berufliche Perspektive bieten. Wer möchte, kann einmal in der Woche hinausfahren aufs Land, sich in den Werkstätten umschauen oder im nahe gelegenen Wald Natur hautnah erleben, für diesen Zweck wurde eigens ein Bauwagen aufgestellt. Ein anderes Problem spricht Reinhard Klein an: „Personal hierher zu bekommen ist ebenfalls nicht einfach.“

Womöglich hat der Tag der offenen Tür, der ein umfangreiches Rahmenprogramm bereithielt und mit einer Disco für Bewohner und Gäste am Abend ausklang, den einen oder anderen Besucher vom Fach davon überzeugt, dass es sich in diesem Kleinod gut leben und arbeiten lässt.