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Ministerpräsident Weil: "Viele junge Leute könnten in Ausbildung glücklicher sein als im Studium"

6. Celler Schloss-Gespräch: Strafzölle und Fachkräftemangel bereiten Wirtschaft Sorgen

14.03.2018 - 15:03 Uhr     Angela Siems    0
Fotos: Peter Müller

CELLE. Gestern Abend fand im Rittersaal des Schlosses zum Thema „Wirtschaftsstandort Niedersachsen – unternehmerische Basis für eine exportstarke Industrie“ die sechste Veranstaltung der Reihe „Celler Schloss-Gespräche“ der Deutschen Management Akademie (DMAN) und NiedersachsenMetall statt. Rund 130 Gäste aus Wirtschaft und Politik waren gekommen, um sich über die aktuelle Stimmung in Niedersachsens Wirtschaftsunternehmen sowie Herausforderungen der Zukunft, insbesondere bezüglich der Aktivitäten auf globalisierten Märkten, zu informieren. Neben hochkarätigen Rednern aus der Wirtschaft war auch der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil im Schloss zu Gast.



„Wir haben nicht gedacht, dass wir mit dem Thema so eng am Puls sind, als wir die Veranstaltung geplant haben“, begrüßte Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer NiedersachsenMetall, die Gäste bezugnehmend auf die kürzlich erfolgte Ankündigung des US-Präsidenten, Strafzölle einzuführen. Diese und die aktuelle Diskussion über Diesel-Fahrverbote hätten die Stimmung in der niedersächsischen Metall- und Elektroindustrie verhagelt. „Beide Themen trüben die Erwartungen ein. Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht in eine Phase längerer Verunsicherung kommen“, so Schmidt.

US-Präsident Donald Trump gebe vor, China treffen zu wollen, schieße aber auf alle anderen mit. Ein großer Standortvorteil Deutschlands sei das Bildungs- und Ausbildungssystem. Dennoch bereite der vorherrschende Fachkräftemangel den Unternehmen große Sorgen. Einerseits gebe es einen „Studienhype“, den man so noch nicht erlebt habe – immer weniger junge Leute wollen eine duale Berufsausbildung machen – andererseits lasse auch die Ausstattung der Berufsschulen in ländlichen Bereichen zu wünschen übrig. „Da ist viel zu tun“, erklärte der Hauptgeschäftsführer NiedersachsenMetall.

Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Institutes der Deutschen Wirtschaft, der gerade aus den USA zurückgekehrt war, berichtete, dass Trumps Anti-Freihandels-Politik selbst bei vielen Republikanern nicht auf Freude stoße. Die deutsche Konjunktur laufe bisher trotz Trump und Brexit linear. Man müsse, was Handelspartnerschaften betreffe, auf jeden Fall am Ball bleiben. „Das CETA-Handelsabkommen zwischen der EU und Kanada muss im Bundestag ratifiziert werden“, betonte Hüther, der anschließend einen Überblick über die wirtschaftliche Lage niedersächsischer Unternehmen gab.

Der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil ließ das Publikum wissen, dass Niedersachsen in seiner 72-jährigen Landesgeschichte noch nie so stark gewesen sei, wie derzeit. „Das beruht auf einer deutlich diversifizierten Wirtschaftsstruktur“, ist Weil überzeugt. Es bestehe Anlass zu einem gesunden Selbstbewusstsein. Dennoch gebe es eine Menge Herausforderungen. „In der Infrastruktur haben wir Nachholbedarf bei Verkehrswegen, Datennetzen und Energienetzen. In den nächsten zehn Jahren wird hier viel passieren“. Die Digitalisierung sei eine ungeheure Herausforderung für alle. Nicht nur in den Städten, sondern auch im ländlichen Raum sei die Entwicklung der Unternehmen in Richtung Wirtschaft 4.0 ein wichtiges Thema.

Wahrscheinlich habe es noch keine Generation gegeben, die einen so grundlegenden Wandel erlebt habe, wie die seine. „Die Karten werden neu gemischt. Künftig müssen wir noch stärker in eine Wissensgesellschaft hineinwachsen“, meinte der Ministerpräsident. Deshalb wolle die Landesregierung besonders in Bildung und Ausbildung investieren. Auch des Fachkräftemangels müsse man sich annehmen. Wenn er Unternehmen besuche und sie frage, was sie von der Politik erwarten, höre er immer wieder: „Sorgen Sie für qualifizierten Nachwuchs“. Er sei überzeugt, dass viele junge Leute in Ausbildungen glücklicher sein könnten, als in einem Studium. Um ihnen klar zu machen, dass man auch andere Karrieren als akademische anstreben könne, müsse die berufliche Orientierung sehr viel stärker promotet werden.

In einem Kurzinterview am Ende der Veranstaltung fragte CelleHeute den Ministerpräsidenten, welche konkreten Maßnahmen zur Beseitigung des Fachkräftemangels geplant seien. „Wir brauchen mehr Praktika während der Schulzeit, damit die Jugendlichen herausfinden können, was sie interessiert“, erläuterte Weil. Natürlich sei dazu auch die entsprechende Bereitschaft von Unternehmen, Praktikumsplätze zur Verfügung zu stellen, nötig – da sei er aber zuversichtlich.

Noch vor zwei Jahren waren viele Unternehmen davon ausgegangen, den Fachkräftemangel mithilfe von Geflüchteten abmindern zu können. Diese Hoffnung hat sich bei den Unternehmen bislang nicht bestätigt, wie die aktuelle Konjunkturumfrage von NiedersachsenMetall zeigt. Hierzu sagte der niedersächsische Landesvater: „Der Weg ist deutlich länger als man gedacht hat. Die Geflüchteten brauchen Sprachkenntnisse – das ist nicht von heute auf morgen zu schaffen“. Hinzu komme, dass sie sich erst an die Gepflogenheiten des deutschen Arbeitsmarktes gewöhnen müssten.

Im Anschluss an die Vorträge diskutierten in einer von Journalistin Jessica Bloem moderierten Gesprächsrunde, neben den Rednern der Celler Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge und Aline Henke, Präsidentin der IHK Lüneburg-Wolfsburg. Auch hier ging es nochmal überwiegend um den Fachkräftemangel sowie um die vonseiten der USA geplanten Strafzölle. Es gebe viel anzupacken, aber auch viel Zuversicht, fasste Bloem den Abend am Ende zusammen. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Jazz-Sängerin Oxana Voytenko und ihre Band.

 

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