HÖFER. Freitag Standesamt, Sonnabend Kirche, Sonntag Fußball. Marie-Luise und Manfred Höntsch aus Höfer erinnern sich noch ganz genau an das Hochzeitswochenende vor 70 Jahren. Das fällt auch nicht sonderlich schwer, denn Sonntags war der Ehemann nicht mit seiner Frau, sondern mit dem Fußball verheiratet. Offenbar tat dies ihrer Beziehung keinen Abbruch: Eine Gnadenhochzeit erleben nur wenige. „Das ist erst die zweite, die ich im Amt erlebe und die erste, die in einer Kirche gefeiert wird,“ weiß Pastor Heinz-Georg Gottschalk aus Beedenbostel.

Neben ihm habe sich zum Ehrentag auch der Bürgermeister angemeldet, aber das Ehepaar ist nicht gern im Mittelpunkt und führt ein bodenständiges und bescheidenes Leben. Dabei haben die beiden guten Grund, auf vieles stolz zurückzublicken. Manfred wurde am 10.10.1927 in Reichenbach in Schlesien geboren und musste noch im November 1944 mit 17 Jahren in den Krieg ziehen. Er folgte seinem Vater, der fünf Jahre zuvor eingezogen wurde. Seitdem war er von seiner Mutter und Geschwistern getrennt und hatte nichts mehr von seiner Familie gehört.

„Sie war einfach das schönste Mädchen Habighorsts“

Nach der Kriegsgefangenschaft führten verschiedene Umstände und Zufälle die Familie im September 1945 wieder zusammen. Sie fand in den Baracken der Habighorster Höhe zusammen. Marie-Luise Knoll, in ihrer Familie nur als „Marlies“ bekannt, war „schon da“ – sie wurde am 15.12.1929 in Habighorst geboren. Beim Sport und Tanzen im Dorfkrug kam man sich näher. Schon bald fand der damalige Waldarbeiter eine Anstellung im Kalischacht Mariaglück.

„Sie war einfach das schönste Mädchen Habighorsts“, erinnert sich der Hobbygärtner, während er seine Frau mit „Charakter und einfach dem ganzen Wesen“ überzeugte. „Vati war aber auch ein hübscher Mann“, stellt Tochter Ulrike klar. Doch bis der Funke übersprang, musste sich Manfred in Geduld üben. „Ich hatte 1947 einen Unfall im Schacht und hatte gehofft, dass sie mich da schon besuchen kommt. Aber das dauerte noch ein bisschen, bis sie meine Liebe erwiderte“, erinnert sich der Bergbau-Ingenieur.

Zur Hochzeit hatte sich seine Braut, na klar, richtig schöne Schuhe ausgesucht – damals eine echte Mangelware. Ihr Mann tauschte Rüben- und Kartoffelschnaps gegen gebrauchte Schuhe ein – und zog damit den Zorn seines Vaters auf sich, während sich sein Sohn nichts aus Alkohol machte. Aber diese Brautschuhe und… diese hohen Absätze! Mit ihnen war sie größer als ihr Anvertrauter, das konnte natürlich nicht sein. Also mussten flache Leinenschuhe aus Celle her, während dem Bräutigam der Anzug des im Krieg gefallenen Bruders von Marlies perfekt passte.

„Wenn ein Urenkel kommt, kann Opa mit 90 plötzlich wieder Fußball spielen“

Zur Feier selbst wurde aber nicht gespart: Wein von Bornhöft und ein Schwein für alle im eigenen Haus in Habighorst. Drei Mädchen und drei Jungen brachte das Ehepaar Höntsch zur Welt. Ein Sohn starb bereits im Alter von nicht einmal zwei Jahren an einer Herzmuskelentzündung.

Die Familie war das gesamte Leben bis heute für die Höferaner das Ein und Alles. „Es ist immer am schönsten, wenn alle zusammenkommen“, freuen sich beide und planen bereits jetzt ein großes Fest zum 90. Geburtstag von Marlies Ende nächsten Jahres. Wenn jemand „kann ich vorbeikommen?“ fragt, werde man niemals ein Nein hören. Dieses Haus ist immer offen. „Und wir freuen uns jedes Mal“, versichert das Paar.

Sie geraten regelrecht ins Schwärmen, wenn sie sich an die Zeit mit ihren Enkeln Arne und Philipp in direkter Nachbarschaft erinnern, die „13 Jahre lang nach der Schule immer zu uns zum Mittag kamen und erst danach nach Hause gingen“. Inzwischen haben sie sieben Enkel und elf Urenkel. „Wenn ein Urenkel kommt, kann Opa mit 90 plötzlich wieder Fußball und Mundharmonika spielen und auf dem Wohnzimmerboden krabbeln“, staunen seine Enkel.

Der Sport hat ihn nicht nur bis ins hohe Alter fit gehalten – noch mit 80 spielte er Tennis – der Nimmermüde hat ihn in der Region auch geprägt: 1946 war er Mitbegründer vom TuS Höfer und 1981 des Tennisvereins Lachendorf. Auch Faustball stand auf dem Programm. „Er war mehr auf dem Sportplatz als zu Hause“, wissen Ehefrau und Kinder. Dennoch blieb Zeit für gemeinsame Hobbys, allen voran Vögel – sie versorgen Spechte und Meisen im heimischen Garten.

„Ich würde meinen Mann heute wieder heiraten“

Und siehe da: Hobbys können auch ansteckend sein. „Wir können mit Mutti nicht mehr in Ruhe Rommé spielen – sie ruft immer rüber ins Wohnzimmer, um zu wissen, wie der Spielstand ist“, wissen die Töchter. Sie Bayern-Fan, er HSV – diese Ehe kann offenbar nichts erschüttern. Das Rezept für 70 Jahre Verbundenheit? „Man darf nicht zu schnell aufgeben“, ist die leidenschaftliche Köchin überzeugt. „Und wenn man abends ins Bett geht, muss alles wieder gut sein“, ergänzt der Familienmensch. Kein Wunder, dass Marlies‘ Fazit nicht schwerfällt: „Ich würde meinen Mann heute wieder heiraten.“

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