900 Kerzen für die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer

Von Redaktion | am Do., 23.04.2015 - 11:16

Rund 100 Menschen nahmen gestern Abend an einer Mahnwache vor der Celler Stadtkirche teil. Mit 900 Kerzen gedachten sie aus Anlass der kürzlich verstorbenen Flüchtlingen auf dem Weg nach Italien allen Opfern insgesamt. Eine Schweigeminute, Gebete, Musikbeiträge von Maike Fritze und Maike Jensen und eine Botschaft von Pastor Uwe-Schmidt Leffers umrahmten die von Jürgen Gessner (Stiftunglife) initiierte Veranstaltung. Die Botschaft in voller Länge hier:


Fotos: Peter Müller

"Am 4. Oktober 2013 kentert vor der Insel italienischen Insel Lampedusa ein Flüchtlingsboot - das Entsetzen ist groß. Vermutlich ertrinken mehr als 300 Flüchtlinge aus Afrika.

UN-Sonderberichterstatter Crépeau kritisiert die europäische Flüchtlingspolitik scharf.

Papst Franziskus, erst wenige Monate zuvor zum Papst gewählt, spricht von einem "Tag der Tränen". Sichtlich bewegt verurteilt er "die Gleichgültigkeit gegenüber jenen, welche die Sklaverei, den Hunger fliehen, um die Freiheit zu suchen, doch stattdessen den Tod finden, wie in Lampedusa".

Bundespräsident Joachim Gauck appelliert an die EU, Flüchtlingen einen besseren Schutz angedeihen zu lassen. Leben zu schützen und Flüchtlingen Gehör zu gewähren, seien wesentliche Grundlagen der Rechts- und Werteordnung, sagte Gauck. "Zuflucht Suchende sind Menschen - und die Tragödie von Lampedusa zeigt das - besonders verletzliche Menschen. Sie bedürfen des Schutzes. Wegzuschauen und sie hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte", so der Bundespräsident.

Am vergangenen Wochenende ertrinken 900 Menschen bei dem Versuch, in seeuntauglichen und überfüllten Booten von Libyen aus Europa zu erreichen. Manche Quellen sprechen von nur 700 Toten. „Nur“ 700 Tote im Mittelmeer?

Was denken wir, wenn uns solche Nachrichten erreichen?
Was sagen wir, wenn wir über das hundertfache, tausendfache Sterben im Mittelmeer oder im Atlantik vor den Kanarischen Inseln sprechen?

Nach diesem Wochenende, finden wir, und finden Sie, die Sie heute zu der Gedenkstunden für die ertrunkenen Frauen und Männer und Kinder gekommen sind, dürfen wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Wir müssen innehalten und öffentlich zeigen, dass wir uns an das massenhafte Sterben in den Meeren vor Europa nicht gewönnen dürfen und nicht gewöhnen wollen.
„Ich möchte 900 Kerzen für die Toten entzünden“, hat mir vor zwei Tagen Jürgen Gessner aus Celle am Telefon gesagt – und gefragt, wie das gehen könne. Und Heiko Wundram von den Grünen hat gesagt: „Wir müssen unsere Stimme erheben“ – und viele andere haben gefunden, dass wir zeigen müssen, dass es uns nicht egal ist, was vor unserer Haustür geschieht.

Darum sind wir hier. Zum Gedenken. Zum Beklagen so vieler Toter, nicht nur am vergangenen Wochenende.
Zum Ermutigen, dass wir nicht allein sind in dem Wunsch, dass sich unsere europäische Politik ändern möge – und nicht mehr Tausend, Zehntausende sterben müssen auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben.

Menschen sterben täglich vor der Tür unseres gemeinsamen Hauses Europa. 52.000 in den vergangenen sieben Jahren. Lasst uns angesichts dieses Schrecken innhalten und schweigen.

Ansprache

Tausend Menschen besteigen seit vielen Jahren seeuntaugliche und überfüllte Boote – und haben nur den einen Traum: Europa zu erreichen und für sich selbst und ihre Familien ein gutes Leben zu führen.

Weg vom Krieg.
Weg vom Hunger.
Weg von der Perspektivlosigkeit.
Ja, weg vom Tod.

Ich kann mir niemanden unter uns vorstellen, der in einer vergleichbaren Lage nicht genauso handeln würde – wie die Menschen, die in Syrien leben, in Eritrea, in Afghanistan oder in den zerfallenden afrikanischen Staaten.

Ich würde mit meinen Kindern auf die Flucht gehen, wenn sich herausstellen sollte, dass in meiner Heimat der sichere Tod oder ein menschenunwürdiges Leben auf sie wartet.

Unser Land haben Millionen von Menschen verlassen und eine neue Heimat gesucht. Sie sind ausgewandert, sie sind vor der Not geflüchtet: nach Nordamerika und nach Südamerika. Heute geben 50 Millionen Amerikaner an, dass sie deutsche Vorfahren haben.

Millionen von Menschen sind in den letzten Kriegsmonaten des Zweiten Weltkrieges in den Westen geflohen – oder sie sind später verrieben worden.

Die Rückbesinnung auf unsere eigene Geschichte kann uns lehren, dass es kein Verbrechen ist, wenn Menschen sich auf die Flucht begeben und eine bessere Zukunft suchen. Das haben auch unsere Vorfahren gemacht, millionenfach.

„Was haben wir mit den Toten im Mittelmeer zu tun?“, hören wir immer wieder Stimmen laut werden.
„Was wir damit zu tun haben?“

In einer globalisierten Welt, in der wir unsere Waren in die hintersten Winkeln der Welt verkaufen und in der wir überall nach Rohstoffen für unsere Wirtschaft suchen – hängt alles mit allem zusammen.

In einer globalisierten Welt leben wir in einer Verantwortungsgemeinschaft, die keine Grenzen mehr kennen kann, weil alles mit allem zusammenhängt.

Unsere Landwirtschaftspolitik in Europa führt dazu, dass spanisches, italienisches oder portugisisches Gemüse nur halb so viel kostet wie die heimischen Produkte in Afrika.
Der Verkauf von gebrauchter Kleidung der Industrienationen zerstört die Textilindustrie in Afrika.

20% der Menschen verbrauchen 75 % der weltweiten Ressourcen.

Die Entwicklungsländer müssen doppelt so viele Schuldzinsen zahlen wie sie überhaupt an Entwicklungshilfe erhalten. Für jeden Euro Entwicklungshilfe
bekommen die reichen Länder des Nordens mindestens das Doppelte zurück. Was für eine Hilfe ist das?

In Westafrika fängt die europäische Hochseeflotte die Meere leer, so dass die heimischen Fischer vor dem Ruin stehen.

Kriege und Bürgerkriege sind nur möglich, weil wir an dem Verkauf von Waffen verdienen.

Diese Liste an schlimmen Folgen unserer Wirtschaftspolitik für die Länder Afrikas und des Süden ließe sich leider beliebig fortsetzen.

Aber auch so ist deutlich, dass wir mitverantwortlich sind für die Not und das Leid der Menschen jenseits unserer Grenzen. Und darum gehen uns eben auch die 900 Menschen an, die am vergangenen Wochenende gestorben sind und für die wir heute Kerzen entzünden.

In der Bibel, ganz am Anfang, fragt Gott: „Kain, wo ist dein Bruder“. Wir wissen es, Kain hat ihn erschlagen. Und dieser antwortet Unwissenheit vorheuchelnd: „Soll ich meines Bruder Hüter sein?“

Die Frage Gottes an uns: „Wo ist dein Bruder?“ und die abwehrende Gegenfrage: „Soll ich meines Bruder Hüter sein?“ beschäftig uns noch heute.

Ich sage: Ja, wir sind die Hüter derer, die in Not sind.
Ihr sagt: Ja, wir sind die Hüter derer, die in Not sind.
Diese Botschaft unserer kleinen Demonstration hier in Celle möge gehört werden, und sie möge nicht die einzige bleiben.

Nicht ohne Grund haben die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes auch die unterlassene Hilfeleistung unter Strafe gestellt. Nicht nur das, was wir tun, kann uns schuldig werden lassen, sondern auch das, was wir nicht tun.

Auch das Nichtstun und Nichthandeln lassen uns schuldig werden.

Die Diskussion um Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsimmigranten, um Asylsuchende und Migrationsströme lässt sich nicht einfach nur moralisch beantworten.
Die europäischen Nationen haben das Recht zu fragen, wie es gelingen kann, Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren:

Wir müssen für humanere Asyl-Gesetze streiten,
es gibt verschieden Vorstellungen
zur Zeit ist das Dublin III Abkommen der große Streitpunkt,
warum die Kirchenasyle so zugenommen haben;

Außer Frage sollte aber stehen, dass dieses Massensterben auf den Meeren vor Europa ein zum Himmel schreiender Skandal ist. Was antworten wir, wenn wir gefragt werden. „Wo ist dein Bruder?“

Wie hat es der Bundepräsident vor knapp zwei Jahren gesagt:

„Zuflucht Suchende sind Menschen - besonders verletzliche Menschen. Sie bedürfen des Schutzes. Wegzuschauen und sie hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte."

Kurze Musik

Zwei Gesprächsbeiträge (Jürgen Gessner und Heiko Wundram)

Musik Gesang

Und nun möchten wir Sie und euch bitten mitzuhelfen, die 900 Kerzen schweigend zu entzünden. Seien Sie vorsichtig, geben Sei aufeinander acht.

Meditation

Wir denken an die Frauen, Männer und Kinder,
die keinen sehnlicheren Wunsch hatten,
als ein Leben in Frieden und Sicherheit zu führen –
und die diesen Wunsch mit dem Leben bezahlt haben.

Wir denken an die Frauen, Männer und Kinder,
die ihre Heimat verlassen haben –
und auf dem gefährlichen Weg in eine bessere Zukunft
zu Tode kamen.

Wir denken an die Frauen und Männer,
an die Kinder und die Alten,
die niemand gerettet hat,
obwohl die Verantwortlichen wissen mussten,
dass Menschen in den Tod fahren.

Wir denken an uns,
die wir uns oft so ohnmächtig fühlen –
und doch eine große Macht haben könnten,
wenn wir zusammenstehen und sagen: So nicht!

Gott gibt den Toten ihren Frieden,
den sie in unserer Ländern nicht finden konnten.

Gott gib uns geschärfte Gewissen und den Mut,
auch für unsere fernsten Menschenschwestern und Menschenbrüdern einzustehen.