Abschiebung als "Rückfall in den Geist der Jahre 1933 - 1945?"

Leserbeiträge Von Extern | am Mi., 21.07.2021 - 16:06

Marita Blessing äußert sich zu der am 1. Juli erfolgten Abschiebung einer Roma-Frau und ihrer sechs Jahre alten Tochter aus Celle  :

"Sehr geehrte Alle* in der Stadt Celle.
 
Auf Ihre website geschaut, sehen wir eine ganz normale Stadt in Deutschland, im Jahr 2021. Das Foto zeigt junge blonde Menschen im Hintergrund, ein älterer Mann im Vordergrund, der vom Alter her zu schätzen ist, dass er den II. Weltkrieg noch persönlich miterlebt hat. Und den Nazi-Terror. War er Mittäter? Mitläufer? Spricht er darüber? Was spricht er? Worüber spricht er nicht? Dieser alte Herr könnte ein Miterlebender und Zeitzeuge der Nazi-Diktatur sein...
 
Es wird so freundlich-zugewandt zusammengesessen auf diesem Bild. Man hört einander zu. Ist freundlich, sozial, fürsorglich gar? Celle eben. Es gibt Tourismus - Menschen sollen hierher kommen und sich wohlfühlen. "Celle entdecken", "Gesellschaft und Soziales", "Kunst und Kultur", Das wird noch getoppt: https://www.celle.de/Leben-in-Celle/Gesellschaft-und-Soziales/Ausländische Bürger
Hier werden friedlich verschränkte Hände gezeigt, mehrere Paarungen, die nach vorn gehen. Ausländische. Bürger. Ausländische werden Bürger genannt, so, als hätten sie die gleichen Rechte....
Es gibt auch noch eine "Ausländerstelle", also "Die Ausländerstelle des städtischen Fachdienstes Bürgerservice erteilt aufenthaltsrechtliche Erlaubnisse, berät Sie zu ausländerrechtlichen Fragen und vermittelt Integrationsangebote. Aktuelles" weiterlesen
 
Es wird integriert in Celle. Super!
 
Auch das wird noch getoppt durch die "Celler Zuwanderungsagentur". Wir erfahren: "Im Mai 2016 wurde die Celler Zuwanderungsagentur gegründet mit der Idee, alle Aufgaben rund um die Unterbringung und Versorgung der geflüchteten Menschen in einer Organisation zu bündeln. Kernaufgaben der Zuwanderungsagentur sind: (1) Betreiben einer zentralen Unterkunft für Geflüchtete an der Hohen Wende, (2) die Unterbringung, Versorgung und Beratung von Geflüchteten in der Stadt und (3) die Integration durch Bildung und Arbeitsmarktintegration. Ausgenommen hiervon sind die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die vom Landkreis Celle betreut werden. Die Zuwanderungsagentur arbeitet in Netzwerken mit allen Haupt- und Ehrenamtlichen in der Stadt zusammen, die als Zielgruppe Geflüchtete haben.

mehr Informationen 
 
Geflüchtete Menschen werden versorgt. Das fühlt sich wirklich gut an. So menschlich. So Leben ohne Angst. So Zukunft. So friedlich und human.
 
Sogar Kinder haben eine eigene Rubrik: "Die Residenzstadt Celle ist familienfreundlich! Die Stadtverwaltung hat seit langem erkannt, dass die Familie eine tragende Säule einer zukunftsfähigen Gesellschaft ist. Kinder sollen sich in Celle wohlfühlen. Für jedes Alter gibt es in Celle neben Kindergarten und Schule vielfältige Möglichkeiten der kreativen, musikalischen, sportlichen, technischen, handwerklichen oder sozialen Betätigung.

Informiert Euch / informieren Sie sich hier über die Angebote in Celle..."

Wer möchte nicht gerne Kind sein in so einem Celle?

Doch es geht immer noch weiter:

Das Integrationsleitbild der Stadt Celle ist so umfangreich, dass es nur als pdf heruntergeladen werden kann! Wir sehen im weiteren, dass Celle nicht nur ein Ort ist, sondern sogar ein "Ort der Vielfalt": "Die Residenzstadt Celle darf sich seit dem 21. Oktober 2010 „Ort der Vielfalt“ nennen. Die erfolgreiche Teilnahme am gleichnamigen Programm der Bundesregierung macht´s möglich. Der damalige Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende nahm die entsprechende Urkunde im Rahmen der Ergebniskonferenz „Demokratie aktiv gestalten!“ der beiden Bundesprogramme „Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ und „kompetent. für Demokratie – Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus“ in Berlin entgegen. weiterlesen"
 
Das finden wir großartig! Das passt ins Jahr 2021. Man ist tolerant, für Vielfalt, natürlich für Demokratie, und na klar gegen Rechtsextremismus.
 
Da denken wir tatsächlich darüber nach, unbedingt mal in dieses Celle zu fahren und all diese freundlichen, zugewandten, sich wie Menschen verhaltenden Menschen und Strukturen kennenzulernen an diesem guten Ort und sich zu entspannen von all den täglichen Widerwärtigkeiten, die Menschen anderen Menschen jeden Tag antun.
 
Celle! Celle! Mein Ort des Wohls! Die Urkunde "Ort der Vielfalt" mal in echt zu sehen und zu erleben: Ja! Es ist möglich! Den Vertreterinnen und Vertretern dieses Geistes leibhaftig zu begegnen....

Und nun ein schwerer Rückfall in den Geist der Jahre 1933 - 1945?
Was ist los in Celle??!
 
dazu die Pressemitteilung des Niedersächsischen Flüchtlingsrates und anderer:
19. Juli 2021
Celler Behörden schieben schwerbehindertes 6-jähriges Celler Mädchen nach Serbien ab, obwohl das Jugendamt seit Jahren für die Gesundheitsfürsorge des Kindes verantwortlich ist

Flüchtlingsrat Niedersachsen, Roma Center e.V. und der AK Asyl und Migration Celle kritisieren die Abschiebung einer alleinerziehenden Romni mit ihrer schwer behinderten sechsjährigen Tochter nach Serbien scharf. Die Stadt Celle und die Abschiebebeamt:innen rückten für die Abschiebung Ende Juni nachts gegen 1.30 Uhr in der Wohnung von Mutter und Tochter an. Das 2015 in Celle geborene Mädchen leidet unter einer schweren Hörminderung mit verbundener Spracherwerbsstörung, einer Mikrozephalie und einer Hüftdysplasie. Das Landessozialamt hatte deswegen bei ihr einen Grad der Behinderung von 90 Prozent festgestellt. Das Celler Jugendamt war für das Mädchen seit mehren Jahren zur Unterstützung der Mutter als Ergänzungspflegerin für den Bereich der Gesundheitsfürsorge eingesetzt. Erst kürzlich waren dem Jugendamt vom Amtsgericht Celle weitere Aufgabenbereiche für das Kind übertragen worden."

Hier nun unsere Fragen, als vorerst nicht mehr interessierte potentielle Touristinnen und Touristen, mal nach Celle zu kommen:
 
1.) Wie konnte diese ungeheuerliche Entgleisung passieren?
2.) Was werden Sie tun, um das Geschehene rückgängig zu machen und Mutter und Tochter zurückzuholen?
3.) Was werden Sie tun, um dann den entstandenen massiven traumatisierenden zusätzlichen psychischen Schaden an diesen beiden Seelen wieder gutzumachen?
4.) Was sagen Sie dem offenbar zahlreich vorhandenen bezahlten und unbezahlten Unterstützernetzwerk der beiden Betroffenen zu Ihrem Handeln? Wird geschwiegen? Unter den Teppich gekehrt? Aneinander vorbeigeschaut?
5.) Was werden Sie tun, um all das, was Sie offenbar Gutes in Celle aufgebaut haben, nicht nochmals durch derart widerliches Verhalten zu beschädigen und in sich komplett in Frage zu stellen?
 
Wie können Sie überhaupt noch in den Spiegel schauen?
Wie können Sie nachts schlafen?
 
Wir fordern die sofortige Rückholung von Mutter und Tochter und die Erteilung eines sicheren Aufenthaltstitels.
Wir fordern, dass der Tag der Abschiebung und der Tag der Wiederankunft von Mutter und Tochter in Celle ein Gedenktag wird: "Nie wieder" mit einem Gedenkort und einer erklärenden Beschriftung.
Zur Mahnung! Für Alle*! Kein Rückfall mehr in den Sadismus der Nazis!
 
So viele waren mit diesen beiden abgeschobenen Wesen befasst: Wo seid ihr??
 
Fundierte und konsequente Glaubwürdigkeit für menschliches Zusammenleben in Celle?
 
Wir werden das mit großem Interesse beobachten!
 
Mit freundlichen Grüßen
frauen- und menschenrEchte-aktiv
marita blessing, zeugin, mit verantwortungsvordergrund
 
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"Ein nahezu gänzliches Fehlen tieferer Verstörungen im Seelenleben
der deutschen Nation lassen darauf schließen, daß die neue
bundesrepublikanische Gesellschaft die in ihrer Vorgeschichte
gemachten Erfahrungen einem perfekt funktionierenden
Mechanismus der Verdrängung überantwortet hat.
W. G. Sebald 1999"