Studieren bei altgedienten Nazis – Vor 75 Jahren war Celle Hochschulstandort

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Di., 12.01.2021 - 14:50

CELLE. Was heutzutage als Garant für junges Leben in der Stadt gilt und vom Vorgänger des aktuell amtierenden Verwaltungschefs im Neuen Rathaus vor nicht allzu langer Zeit für die Kasernen der Hohen Wende angestrebt wurde, war kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs Realität: Celle war von 1946 bis 1953 Hochschulstandort.

Liest man die Berichte der einstigen Studenten der Ausbildungsstätte für künftige Volksschullehrer, die vor 75 Jahren, am 15. Januar 1946, feierlich eröffnet wurde, hat es den Anschein, als herrschten an der Adolf-Reichwein-Hochschule geradezu ideale Lern- und Lehrbedingungen. „Die geringe Anzahl von Studenten machte es möglich, dass nicht nur jeder jeden kannte, sondern dass auch zwischen Professoren und Studenten ein persönliches Verhältnis entstand“, erinnert sich Adolf Meyer in einem Blog des Universitätsarchivs Osnabrück und führt weiter aus: „Diese Beziehung wurde noch dadurch verstärkt, dass es für jeden Studenten das Angebot gab, sich einem von den Lehrenden geleiteten Tutorenkreis anzuschließen. Neben dem normalen Studierbetrieb fanden sich diese Kreise zumeist im Abstand von wenigen Wochen in der Wohnung eines Hochschullehrers zusammen, wo man las, diskutierte, musizierte. Im Sommer gehörten auch gemeinsame abendliche Paddelfahrten auf der Aller dazu. Anschließend ging es in die Eisdiele Talamini.“ Doch die beschriebene Idylle trügt ebenso wie die Benennung der Hochschule nach dem am 20. Oktober 1944 in Plötzensee hingerichteten Widerstandskämpfer Adolf Reichwein: Die Gastgeber in den Privatwohnungen, die Tutoren, die Organisatoren von Ausflügen und lockeren Runden im Eiscafé – allesamt waren sie, von einer Ausnahme, nämlich die Professorin für Psychologie und Pädagogik Margarete Birkemeier, abgesehen, mehr oder weniger altgediente Nazis.

Hans-Hagen Nolte ist in seinem neu erschienenen Buch „Adolf-Reichwein-Hochschule Celle (1946-1953). Von Kräften, die am Werke blieben“ den Spuren der Einrichtung nachgegangen und auf eine Dozentenschaft gestoßen, die „sich auf den Nationalsozialismus eingelassen hatte“. Dreizehn Hochschullehrer, darunter eine Frau, traten im Sommersemester 1946 an, um 138 Studenten zunächst in einer Baracke in der Bahnhofstraße, einige Monate später im Ostflügel der Altstädter Schule zu unterrichten. Volksschullehrer wurden dringend gesucht, schnell mussten die Alliierten Lösungen finden und waren im Zuge dessen angewiesen auf Personal aus deutschen Reihen. Bereits im Jahr 1945 erteilte das Kultusministerium in Hannover den Auftrag, eine Pädagogische Hochschule zu gründen. Alte Netzwerke wurden wiederbelebt, der Professor für Mathematik und Praktische Erziehungswissenschaften und frühere SA-Obersturmführer, Hans Bohnenkamp, wurde zum Direktor ernannt, der in eigener Regie ein Kollegium zusammenstellen sowie den Standort bestimmen durfte. „Hans Bohnenkamp war im November 1944 militärischer Leiter der Panzertruppenschule Bergen geworden und hatte dort das Ende des Krieges abgewartet. Es lag daher nahe, dass sein Auge schnell auf die gemütliche Kreisstadt Celle fiel“, schreibt Nolte. In erster Linie sprach für Celle als Standort, dass die Stadt den Krieg nahezu unzerstört überstanden hatte. Von 1937 an war Bohnenkamp Mitglied der NSDAP gewesen, bereits 1933 trat er der SA bei und gehörte weiteren sechs nationalsozialistischen Organisationen an. Bei der Rekrutierung des Kollegiums fiel seine Wahl auf Weggefährten aus gemeinsamen Tagen in der Jugendbewegung, einer Vereinigung, die schon vor Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Jahr 1933 auf Strukturen zurückgriff, die sich später bei der Hitlerjugend und anderen braunen Nachwuchsformationen wiederfanden, sowie den preußischen Pädagogischen Akademien. Nahezu geschlossen hätten sich die Reformpädagogen der Jugendbewegung der Weimarer Republik laut Hans-Hagen Nolte den nationalsozialistischen Machthabern zur Verfügung gestellt. „Der Preis für einen sicheren Arbeitsplatz war Anpassung“, schreibt Nolte und führt im Kapitel „NS-Bildungssystem“ aus: „Ihre politischen Gegner unter den Lehrerinnen und Lehrern und Dozenten und Dozentinnen in der Lehrerausbildung freilich entfernten die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten in der Regel umgehend. Da aber die Nazis mit der überwiegenden Mehrheit der Pädagogen und Pädagoginnen kein Problem hatten, wie auch umgekehrt die überwiegende Mehrheit der Pädagogen und Pädagoginnen kein Problem mit den Nazis hatte, kann man mit Fug und Recht auch von einer personellen Kontinuität sprechen.“ Parallel zur Einrichtung der Ausbildungsstätte lief die Entnazifizierung. Die englische Besatzungsmacht wurde der Fülle an Verfahren kaum Herr, stellte die sogenannten „Persilscheine“ aus, ließ die Verwaltungsbeamten und Dozenten gewähren. Umso deutlicher spricht das Eingreifen der britischen Militärregierung für die Verstrickung ins NS-Regime, wenn sie dann doch einmal wie im Fall von Heinrich Pröve und Ernst Nolte aktiv wurde. Beide Männer entfernte sie aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit bereits 1946 aus dem Hochschuldienst. Der aus Wathlingen stammende Pröve bekleidete von 1934 an das Amt des Schulrates in Celle, hatte zuvor, im Jahr 1928, das Celler Stadtarchiv gegründet, und setzte seine Tätigkeit als Schulrat von 1949 bis 1957 in der Herzogstadt fort.

Auch unter den Studenten befanden sich laut Autor Hans-Hagen Nolte solche, die nach den Vorgaben der Militärregierung nicht hätten immatrikuliert werden dürfen. Doch Direktor und Oberstleutnant a.D. Bohnenkamp setzte sich für frühere Stabsoffiziere und Generalstäbler „beherzt ein“. Und so bereiteten sich auch diese an der „Hochschule mit Bibel und Klampfe“, wie das Institut aufgrund seiner theologischen und musischen Ausrichtung auch genannt wurde, auf den Schuldienst vor. „Wir hatten mancherlei Praktika zu absolvieren“, berichtete Adolf Meyer. Und Sigrid Otto schrieb im Blog: „Im dritten Semester hatten wir nur Praktikum an einer Stadt- und einer Landschule, dort musste ich eine Freizeit an der Nordsee mitgestalten.“ Das Studium dauerte bis 1952 vier Semester, in den Anfangsjahren war es aufgrund des „katastrophalen Lehrermangels“ sogar auf eineinviertel Jahr verkürzt worden. Insgesamt absolvierten rund 500 Volksschullehrer ihre Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule in Celle, der Anteil der Studentinnen stieg im Laufe der Jahre 1946 bis 1953 stetig.

Das nur wenige Jahre zurückliegende „Dritte Reich“ dürften die angehenden Pädagogen während ihrer Studienjahre zumindest in den Unterrichtseinheiten nicht aufgearbeitet haben. „Verantwortlich für alle Geschehnisse der Vergangenheit, für alle Verbrechen sowieso, war allein eine kleine NS-Clique, die das Volk getäuscht und ihre Ideale missbraucht hatte. Diese These bildete einen der Grundpfeiler für die Lehre der Adolf-Reichwein-Hochschule Celle“, schreibt Hans-Hagen Nolte, der die Biographien der Dozenten ausführlich schildert und die kurze Geschichte Celles als Hochschulstandort in einen großen Rahmen aus politischen und gesellschaftlichen Hintergründen einbettet. Immer wieder kommt er im Zuge dessen zurück auf die Person des Gründungsdirektors Hans Bohnenkamp, der auch für die Namensgebung der Einrichtung verantwortlich zeichnet. Denn er war trotz seiner frühen Einreihung in die Strukturen des NS-Regimes ein enger Freund des Widerstandskämpfers Adolf Reichwein. 1945 geriet Bohnenkamp in englische Kriegsgefangenschaft, vor seinen Mitgefangenen hielt er im gleichen Jahr einen Vortrag „Verführtes Volk“. Was Adolf Reichweins Sohn, Rudolf, im Blog des Universitätsarchivs Osnabrück als Abkehr und Distanzierung seines Patenonkels Bohnenkamp vom Nationalsozialismus gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs bezeichnet, bewertet Hans-Hagen Nolte anhand der Analysen von Alexander und Margarete Mitscherlich: „Hans Bohnenkamp gehörte zu jenen Zeitgenossen, denen Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrem Buch ‚Die Unfähigkeit zu trauern‘ die Kunstfertigkeit attestierten, ‚schlagartig‘ das ‚soeben noch wirklich gewesene Dritte Reich‘ zu derealisieren. Die ‚Derealisierung‘ hatte einen ‚Identitätswechsel‘ zur Folge, der, wie zu ergänzen ist, notwendig war, um die eigene Haut zu retten und neu durchzustarten. Von einem Tag auf den anderen waren auf diese Weise 7,7 Millionen Parteimitglieder und ein riesiges Unterstützerheer zu einer winzigen NS-Clique zusammengeschrumpft.“ Hans Bohnenkamp setzte seine berufliche Laufbahn an der Pädagogischen Hochschule bis 1958 fort, allerdings ab 1953 nicht mehr als Direktor, sondern nur noch als Professor, und nicht mehr in Celle, sondern in Osnabrück. Denn dahin wurde die Einrichtung verlegt. Es herrschte Platzmangel in der Altstädter Schule, die Bevölkerung der Herzogstadt war aufgrund des Zuzugs der Flüchtlinge stark angewachsen. Es hätte neuer Räumlichkeiten bedurft, diese standen im unzerstörten Celler Schloss zur Verfügung, doch die britische Militärregierung verweigerte die Zustimmung und zeigte sich auch bei der Inanspruchnahme anderer in Frage kommender Räumlichkeiten, z.B. in einer Kaserne an der Hohen Wende, zu keinerlei Entgegenkommen bereit.

Somit endete das Kapitel „Hochschulstandort“ für Celle nach nur sieben Jahren, indes Osnabrück sich ab 1974 Universitätsstadt nennen durfte, da die Pädagogische Hochschule in diesem Jahr in eine Universität umgewandelt wurde.