„Stören mit Stil“: Aktionsgruppe Lebenslaute protestiert in Orchesterformation gegen Rheinmetall

Gesellschaft Von Susanne Zaulick | am Di., 18.08.2020 - 09:34

UNTERLÜSS. „Sie wollen mit Stil stören“ beschrieb 2014 die Journalistin, Russland-Korrespondentin und promovierte Historikerin Gabriele Krone-Schmalz die Aktionen von „Lebenslaute“. Der Anlass war damals die Verleihung des Aachener Friedenspreises an die Gruppe, die in weitestgehend klassischer Orchester- und Chorformation vor militärischen Einrichtungen, atomaren Anlagen und Flüchtlingsunterkünften ihren politischen Protest gegen Rüstung und Atomkraft zum Ausdruck bringt. Gestern kamen rund 80 Zuhörer in den Genuss eines Konzertes der Gruppe direkt vor dem Haupteingang des Rheinmetall-Werks in Unterlüß. 

„Wir spielen an lebensbedrohlichen Orten“, erklärt Cornelia Weigel von der Lebenslaute-Pressegruppe. Sie hat sich 2014 nach der Friedenspreisverleihung der Aktionsgruppe angeschlossen weil sie von deren Positionen überzeugt ist: „Waffen sind ein todbringendes Geschäft und Krieg bringt uns nicht weiter“, lauten die. Dass man bei Rheinmetall von der ganzen Aktion nicht erfreut ist, kann sie nachvollziehen. Bereits am frühen Morgen haben die Musiker – spielend – die Zufahrten zum Werk blockiert, so dass die Mitarbeiter über einen Feldweg von der Polizei an ihren Arbeitsplatz gelotst werden mussten. „Wir haben Handzettel für die Mitarbeiter dabei. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Das finde ich menschlich nachvollziehbar. Unser Protest richtet sich auch nicht gegen die Menschen hier, sondern gegen Munitions- und Waffenproduktion“, stellt Weigel klar. 

Im Publikum sieht man das ähnlich. „Wir wollen nicht, dass hier alle arbeitslos werden. Wir wollen, dass sich Rheinmetall anders entwickelt“, sagt Marie-Luise Löchelt, eine ältere Dame aus Hermannsburg, die sich das Konzert und die teils flammend-pazifistischen, teils gründlich recherchierten und informativen Redebeiträge auf einer der Bierbänke anhört. Einige Meter weiter sitzt Jürgen Eggers, ebenfalls aus Hermannsburg. Er lobt die Auswahl der Stücke, die von Beethoven, Brahms oder Händel bis hin zu Bob Dylan reichen und allesamt einen Bezug zu Krieg und Frieden haben. Auch zur Geschäftspolitik von Rheinmetall habe er hier Neues erfahren.

Interessiert, aber mit einiger Distanz von der Straße aus, hört sich auch ein ehemaliger „Rheinmetaller“ das Konzert und die Redebeiträge an. „Wenn diese Menschen glauben, dass man das alles abschaffen kann – ich glaube das nicht“, sagt er. Auch Deutschland werde bedroht. Und wenn Rheinmetall keine Waffen und Rüstungsgüter produziere, täten es eben andere. 

Von der Friedensaktion Lüneburger Heide sind Charly Braun und Hans-Dietrich Springhorn vor Ort. Sie haben die Veranstaltung angemeldet und wollen das Thema weiter verfolgen. Man wünsche sich einen Runden Tisch mit den Bundestagsabgeordneten zum Thema Konversion, d.h. Ausstieg aus der Rüstungsproduktion und Umstieg auf Produkte zur zivilen Nutzung. Bereits jetzt produziert Rheinmetall in der Sparte Automotive Teile für die Automobilindustrie. „Hier arbeiten kompetente und erfahrene Leute. Die kriegen auch was anderes gebaut“, ist Springhorn überzeugt.

Auf Facebook: https://www.facebook.com/CELLEHEUTE/videos/313188883459741/

In einer Pressemitteilung fasst "Lebenslaute" ihre Aktion in Unterlüß so zusammen:


Am Montag, 17.08.2020, wurden ab 5:40 Uhr die Zufahrten der Rheinmetall Landsysteme GmbH von 98 Musiker*innen des Aktionsnetzwerks Lebenslaute blockiert. Kein Fahrzeug konnte das Gelände verlassen oder auf das Gelände fahren. Während der Blockade erklang auf allen Zufahrten klassische und populäre Chor- und Instrumentalmusik. Gegen 7:00 Uhr wurden die Arbeitenden über einen Feldweg durch den Wald zu einem der vielen Nebentore geschleust. Wiederholte , sponatane Musikblockaden der Feldwegzufahrt wurden von Polizeikräften geräumt.

Um 10:30 Uhr fanden sich alle Musiker*innen in der Nähe des Haupteingangs ein, wo Lebenslaute ab 11:00 Uhr seine diesjährige Protestaktion mit einem zweistündigen Aktionskonzert beendete. Aufgeführt wurde u.a. das anklagende Lied Bob Dylans „ Masters of War“ und der tief berührende „Darthul as Grabgesang“ von Johannes Brahms, das die Mu sizierenden den während der Nazizeit inhaftierten 900 jüdischen Frauen im Außenlager Tannenberg des KZ Bergen Belsen widmeten Die Zwangsarbeierinnen bei Rheinmetall wurden mißhandelt und getötet. Wir unterstützen Initiativen, die eine ungeschminkte Erinnerungsku ltur erschaffen wollen“, so Markus Beyer von Lebenslaute.

Zum Abschluss des Konzerts vor einem der Tore von Rheinmetall spielte Lebenslaute auch Versöhnliches Georg Friedrich Händels Friedensode sowie einen Walzer von Aram Chatschaturjan, der in einem Theater in Moskau uraufgeführt wurde, welches von den Nazis später zerbombt In sorgfältig auf die Musik abgestimmten Redebeiträgen erfuhren die rund 100 Zuhörer*innen, was die Musikaktivist*innen dazu bewogen hatte, sich gegen Rheinmetall in Unterlüß zu wenden: „In Unterlüß liegt die Hauptproduktionsstätte der Militärsparte Rheinmetall Defence. Hier produziert der Rüstungsriese Waffen und Munition sowie Komponenten für Panzer. Hier betreibt er Europas größtes privates Waffentestgelände und macht Milliardengeschäfte mit dem Tod“, erklärte Cornelia Weigel von der Pressegruppe Lebenslaute.

Bereits am Samstag 15.08. hatte Lebenslaute eine Variante seines diesjährigen Programms als Vorkonzert im Unterlüßer Bürgerpark gespielt. Dort erfuhren die 80 Zuhörer*innen, dass ein in der Heide aufgehängtes Veranstaltungsplakat der Musikaktivist*innen mit folgendem Spruch überklebt worden war: „Es kann der Bravste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Deshalb: Willst du in Frieden leben, sei bestmöglich auf einen Krieg vorbereitet. Und dafür brauchen wir Rheinmetall.“ Lebenslaute hofft, sein diesjähriges Publikum vom Gegenteil überzeugt zu haben. Rheinmetall dient NICHT unserer Verteidigung.

Lebenslaute ist ein bundesweites Netzwerk von Musikaktivist*innen, Laien und Profis, die klassische Musik an Orten aufführen, von denen Bedrohung ausgeht. Seit 1986 finden Besetzungen und Blockaden u.a. von Militärstützpunkten, Atomanlagen, Abschiebeflughäfen oder Kohlegruben statt.

Rede von DGB-Kreisvorsitzenden Charly Braun:

"Liebe Beschäftigte bei Rheinmetall und Bundeswehr, liebe Friedensfreunde und Kriegsgegnerinnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, Ich bin hier in der Region DGB-Kreisvorsitzender und habe mit Kolleginnen die „Gewerkschaftliche Initiative für aktive Friedenspolitik und Militär- und Rüstungskonversion“ gegründet. Es macht Sinn, dass hier direkt vor der Rüstungsfabrik zu betonen.
Bei uns in der Heide dreht sich schon immer alles um Panzer:

Bei Rheinmetall in Unterlüß werden die Mordfahrzeuge gebaut, die Panzertruppenschule Munster ist die Fahrschule, der Truppenübungsplatz zwischen Bad Fallingbostel und Bergen ist der Trainingsplatz, an der Rampe Bergen werden die Panzer für Kriegseinsätze und Defender- Grossmanöver verladen und nach erfolgtem Einsatz sind ausgediente Exemplare im Panzermuseum Munster zu bewundern. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass auf dem Gelände des Panzermuseums – ganz entgegen den Tarnungsvorschriften – ein Kettenfahrzeug in freundlichem Pink angemalt wird.

Ich aber frage euch: Was sind ein paar Eimer Farbe gegen die Ketten und Schüsse eines Panzers ? Seit 120 Jahren wird von der Heide aus eine mörderische Blutspur durch Kontinente gezogen. Damit haben sich Generäle gute Pensionen verdient und die Aktionäre wurden mit raketengleich steigenden Rheinmetall-Profiten beglückt. „Krieg macht Flucht!“ – dazu leistet auch Rheinmetall seinen Beitrag. Ihre Manager geben sich gern sozial. 2015 bot der Konzern Geflüchteten Ausbildungs- und Praktikumsplätze an (siehe CZ 25.9.2015). Besser wäre, diese Heuchler würden ihre Waffenexporte einstellen!
Wer Waffenexporte verdoppelt hat, sollte in der Flüchtlingsdebatte besser das Maul halten !! Ja, kann Rheinmetall denn nur Kriegsware herstellen? Nein, Rheinmetall hat auch eine profitable Automobilsparte. Bereits nach den beiden Weltkriegen hat Rheinmetall mit ökonomischem Erfolg zivile Produkte hergestellt. Es geht also.

Die meist hochqualifizierten Rheinmetall-Beschäftigten können heute High-Tech-Geräte fürs Gesundheitswesen und erneuerbare Energien produzieren. Ob Kriegsübungsplätze in der Heide oder profitable Kriegsproduktion – zu beiden passt Bert Brecht's Lied gegen den Krieg: 'Der Prolet baut ihnen die Kriegsmaschinen, damit sie ums Leben bringen mit ihnen, mancher Proletenmutter Sohn. Der Prolet wird in den Krieg verladen, dass er tapfer und selbstlos ficht. Warum und für wen wird ihm nicht verraten. Für ihn selber, für ihn selber ist es nicht'."