CELLE. „Wegen der Hitze öffnen wir erst um 17 Uhr – Mittags bleibt die Küche kalt.“ Klare Ansage eines Restaurants in Ehlershausen. Im Landkreis Celle scheinen nicht alle so lösungsorientiert. „Im Moment zeigt das Thermometer 36 Grad. Wir müssen die vorgeschriebene Kleidung tragen, das heißt synthetische Blusen, lange Hose, feste Schuhe und schwere, dicke Baumwollschürzen. Wir haben oft um eine Markise oder Rollläden gebeten. Antwort: zu teuer. Einen Ventilator bekommen wir auch nicht“, so ein Hilferuf von Bäckereifachverkäuferinnen eines großen Celler Filialunternehmens aufgrund unserer Recherchen zum Thema Hitze am Arbeitsplatz. Auch an vielen anderen Orten scheint es zu hapern, aber es gibt auch viel Lob.

„Vorbildlich möchte ich den Arbeitgeber Rossmann hervorheben. Die Verkaufsstellen sind klimatisiert und die Mitarbeiter dürfen gekühltes Eigenmarken-Wasser für sich abschreiben“, weiß Patrick Lahn zu berichten. In der Zentrale in Burgwedel seien zwar nur Meeting-Räume und die Chefetage klimatisiert, jedoch würden dort neben gelegentlichem gratis Eis und Wasser auch die klimatisierten, nicht besetzten Räume angeboten. „Sogar Raoul Rossmann hat sein Büro den Mitarbeitern in einer Rundmail angeboten. In den nicht klimatisierten Räumen stehen Ventilatoren zur Verfügung“, lobt Lahn den Arbeitgeber.

Eine Anfrage – unterschiedlichste Reaktionen

Die Gesetzeslage ist eindeutig – in Kürze: Ab 35° C gilt ein Arbeitsplatz nicht mehr als Arbeitsplatz. Bäcker Gaues z. B. hat das Problem erkannt und bemüht sich, ihm entgegenzuwirken. Über 40° C in seiner Celler Filiale lassen MitarbeiterInnen und Kunden stöhnen. Auf unsere Nachfrage reagiert Sprecherin Ira Doering schnell und lösungsorientiert: „Leider sind uns in Bezug auf die Erfüllung der rechtlichen Vorgaben die Hände ein wenig gebunden, da es sich bei dem Objekt in Celle um ein denkmalgeschütztes Gebäude handelt. Hier können weder Außenjalousien noch eine Klimaanlage verbaut werden. Wir haben uns allerdings für einige andere Filialen Angebote für Klimaanlagen erstellen lassen, ein Einbau kann allerdings nicht mehr im Sommer vorgenommen werden. Da wurden wir auf den Herbst vertröstet.“

Das will die Stadt so nicht auf sich sitzen lassen und erklärt: „In unseren dort vorliegenden Akten der vergangenen 20 Jahre sind bislang keine Anfrage zu Außenjalousien oder Klimaanlagen für das Gebäude Kanzleistraße 7 gestellt worden. Unsere Denkmalpflege schließt keine Art von Maßnahmen grundsätzlich aus und prüft jeden Einzelfall wohlwollend. Dies gilt auch für Außenjalousien und Klimaanlagen. In jedem Fall beraten wir als Untere Denkmalschutzbehörde die Antragsteller/innen und machen ggf. Vorschläge zur Realisierung der Wünsche und Ziele.“

Das gesteht Gaues, machte sich aber aufgrund der Erfahrungswerte mit der Stadt wenig Hoffnung: „Das klingt gut, aber wir hatten bereits vor der Eröffnung erhebliche Schwierigkeiten mit der Genehmigung unserer Außenwerbung gehabt und sind deshalb skeptisch an die Sache herangegangen.“ Trotzdem ist das Unternehmen an Lösungen interessiert:

„Die Mitarbeiter haben bereits zwei Ventilatoren aufgestellt, zwei weitere sind bereits angeschafft worden. Die von uns bestellte wärme ableitende Folie für die Fenster ist nun geliefert und wird zeitnah angebracht werden. Die MitarbeiterInnen haben Anweisung erhalten, die Schürzen abzulegen und sich auf Firmenkosten mit ausreichend Getränken auszustatten. Um nicht noch mehr Wärme im Geschäftsraum zu erzeugen, wurden die Mitarbeiter angehalten, die Lichtstrahler nicht mehr anzuschalten“, so Doering.

Viele Beschwerden von Einrichtungen, die sich das Wohl der Menschen auf die Fahnen schreiben

Auf die Lebensmittel hätten die Temperaturen dort keine Auswirkungen, „denn bei diesen Produkten handelt es um ausgebackene Brotlaibe. Unsere Kuchen befinden sich in einer Umluftkühlwanne, die den Kuchen ausreichend kühlt. Hier wird die zulässige Temperatur nicht überschritten“, heißt es aus dem Unternehmen.

Davon kann in einem Lebensmittelmarkt in der Celler Altstadt keine Rede sein. Obst, Gemüse und Backwaren werden dort ohne jede Kühlung angeboten, Personal und Kunden schwitzen. Eine Stellungnahme war von dem Betreiber trotz mehrmaliger Nachfrage nicht zu erhalten. Auch nicht von den Verantwortlichen eines Seniorenheims. Voller Frust und ohne Sorge vor Konsequenzen postet eine Pflegekraft öffentlich auf Facebook: „Bei uns im Seniorenheim wird nix für uns gemacht. Trinken müssen wir weiterhin mitbringen, Arbeitskleidung kann man nicht ändern (lange Hose, geschlossene Schuhe etc.). Hab vom Hausmeister einen Ventilator erbettelt, damit wir wenigstens den Schreibkram mit angenehmer Luft tätigen können.“

Nach Redaktionsschluss erreichte uns noch eine Reaktion vom WASA-Werk in Celle. Nach unserer Anfrage haben die Verantwortlichen folgende Maßnahmen veranlasst: Die MitarbeiterInnen können spontan Urlaub einreichen. Zusätzlich zu den bereits vorhandenen Wasserspendern werde kostenfrei Mineralwasser zur Verfügung gestellt. In der Nähe jedes Arbeitsplatzes befänden sich Ventilatoren. Die Arbeitsintervalle seien reduziert worden und darüber hinaus würden entsprechende Fenster mit einer Sonnenschutzfolie ausgestattet.

Elektronik-Fachmarkt „rettet“ schwitzende Kinder

Auffällig viele Beschwerden erreichen uns von Einrichtungen, die sich ausgerechnet das Wohl der Menschen auf die Fahnen schreiben. „Ich arbeite in einer evangelischen stationären Jugendhilfe. Das Büro/Bereitschaftszimmer sowie der größte Teil der Kinderzimmer weisen mittlerweile Temperaturen jenseits der 40° C-Marke. Von der Führungsetage kam nicht ansatzweise mal eine Anfrage und/oder Reaktion“, so ein Mitarbeiter. Spontane Hilfe erhielt er in einem Hambührener Fachmarkt: „Obwohl eigentlich im gesamten Landkreis Ventilatoren vergriffen sind, gab es bei Euronics einen sehr netten verständnisvollen Mitarbeiter, der sich nach dem Vortragen meines Problems sehr schnell um Abhilfe bemühte und irgendwoher noch Ventilatoren auftrieb. Ein kurzer Anruf von ihm und ich konnte noch am selben Tag alle Kinderzimmer und das Büro mit diesen Geräten ausstatten. Die Kids waren überglücklich. Diesem Mann gebührt mein ganz persönlicher Dank.“

Fazit: Das Problem und die Gesetzeslage ist allen bekannt, der Umgang damit jedoch sehr unterschiedlich. Einige Unternehmer geben ihren MitarbeiterInnen auch mal frei, so z. B. eine Versicherungsagentur in Celle oder das Schuhgeschäft Nothnagel, das um 17 Uhr schließt. Andere suchen kreative Lösungen und wenigen scheint das alles egal zu sein. Auf die Klage der oben genannten Verkäuferinnen folgte lediglich die lapidare Antwort „Wir können hier das ganze Jahr kalte Getränke kostenlos zu uns nehmen. Verstöße gegen die Kleiderordnung werden momentan auch keinem Übel genommen.“ Offenbar weiß das dort nur niemand: „Kürzlich wurden wir noch von der Chefin angezählt, wo denn die Schürze ist, die wir nicht anhatten. Was nun wirklich unangenehm ist, wenn man sich im Laden beim Bedienen den Schweiß auf der Stirn abwischen muss. Würde mir persönlich als Kunde auch nicht gefallen.

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