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„Ich bin dann mal weg“

*Aktualisiert* Stadtrat Stephan Kassel feierlich verabschiedet

22.05.2017 - 11:44 Uhr     fehlhaber    0

CELLE. „Konnte man Sie denn auch einmal böse erleben?“, fragte Pastor Uwe Schmidt-Seffers den scheidenden Stadtrat Stephan Kassel, um sofort ein „Oh ja“ von ihm und die neben ihm stehende Ratsfrau und Partei-Genossin Inga Marks zu hören. Aber „nach einem klärenden Bier was alles vergessen.“ Nachdem sich der Celler Sozialdezernent vergangene Woche von seinen Mitarbeitern verabschiedet hatte, wurde seine Dienstzeit von Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge, dem Ratsvorsitzenden Joachim Falkenhagen und Dagmar Sachse, der Vorsitzenden des Arbeitskreises der Sozialdezernenten des Nds. Städtetages, offiziell gewürdigt, begleitet von „Weltraumklängen“ von Gunnar Schleipen und Markus Bahr. Rund 70 Vertreter aus Politik und Wirtschaft fanden am Vormittag den Weg in die Alte Exerzierhalle in Celle.

Bewegt, aber auch humorvoll erlebte man Kassel in seiner Abschiedsrede. Würdevoll vermied er jeden Seitenhieb oder gar Nachtreten, was bisher nicht vielen nach Ende einer politischen Laufbahn gelang. „Die Wahlperiode ist jedem Stadtrat bekannt und das Ende der Amtszeit festgeschrieben“, so Kassel ganz nüchtern. Auch wenn er gerne in diesem Amt weiter gearbeitet hätte, zollt der nach dem Wechsel an der Verwaltungsspitze Respekt für die Entscheidung. Und er versprach, in seiner neuen Tätigkeit Celle nicht ganz den Rücken zu kehren. In Kürze folgt die Rede im Original-Wortlaut.

Die Rede des OB ungekürzt und unkommentiert:

Obwohl ich Ihnen dienstlich erst vor drei Monaten begegnet bin, kenne ich Sie eigentlich schon viel länger: Meine Mutter, die lange im Seniorenbeirat aktiv war, hatte als ich noch gar nicht daran dachte nach Celle zurückzukehren, immer wieder von einem jungen, netten Stadtrat erzählt. Auf das jung sollten Sie sich jetzt nichts einbilden, meine Mutter war um einiges älter als Sie, aber das Prädikat nett, dass dürfen Sie durchaus als sehr wertschätzend empfinden, denn meine Mutter war bei aller Freundlichkeit durchaus kritisch mit anderen Menschen. Häufig berichtete sie davon, wie sehr Sie sich für Senioren und Ehrenamtliche einsetzen würden und dass der Seniorenbeirat ohne Sie nie da stünde, wo er jetzt steht.

Gesehen habe ich Sie dann das erste Mal im Fernsehen. Da stand ein Mann und erläuterte, warum der Warmverzehr auf dem Celler Wochenmarkt regulierungswürdig sei. Eine Angelegenheit, die Sie auch heute noch verfolgt, wie die letzte Presseanfrage des NDR deutlich machte. Ich glaube, Sie haben sich damit sogar in einem „Best of…“ des Satire-Magazins „extra 3“ des NDR verewigt…

Den nächsten Kontakt zu Ihnen hatte ich dann aus traurigem Anlass, immer noch ohne zu wissen, dass ich nach Celle zurückkehren werde. Zum plötzlichen Tod meiner Mutter, kondolierten Sie meinen Brüdern und mir mit einen derart warmherzigen Brief, dass uns das, ohne Sie zu kennen, tief beeindruckt und auch bewegt hat.

Und schließlich hatten wir dann unser erstes persönliches Aufeinandertreffen auf dem historischen Altenceller Markt, wo wir gemeinsam die Jury für den schönsten Stand besetzten und wo ich hinterher zu Ihrem Verdruss auf Facebook postete, dass unsere Zusammenarbeit schon ganz gut sei.

Dienstlich haben mich stets Ihr Pragmatismus und Ihre Gelassenheit beeindruckt, manchmal aber auch etwas fuchsig gemacht. Folgendes Zitat aus den letzten Wochen zu einem nicht ganz unbrisanten Thema macht das vielleicht deutlich:

„Es ist gefährlicher, im Bett zu schlafen als in der Dachrinne, denn erwiesenermaßen sterben im Bett mehr Menschen.“

Ebenso pragmatisch und unaufgeregt gingen Sie mit Situationen um, die anderen Menschen einiges an Nerven abverlangt hätten. So begab sich zu einer Zeit vor acht Jahren folgendes, nachzulesen in der Celleschen Zeitung:

Neuer Stadtrat als Pendel-Pechvogel – Erst im falschen Zug, dann Auto geklaut

Eigentlich ist es gar nicht so schwer, von Berlin nach Celle zu gelangen – sollte man meinen. Doch Celles neuer Stadtrat Stephan Kassel ist in dieser Beziehung ein echter Pechvogel.
Zu seinem „Vorstellungsgespräch“ vor dem Stadtrat erschien er Mitte Juni eine Stunde zu spät, weil er, aus Berlin kommend, in Hannover in den falschen Zug Richtung Hamburg gestiegen war – in einen, der durch Celle hindurchrauschte. Derzeit wohnt Herr Kassel bei seinen Eltern in Braunschweig: „Von dort kann ich ganz gut nach Celle pendeln, bis ich hier etwas gefunden habe“, sagt er. „Gut pendeln“ konnte er am Tag seiner Ernennung. Doch schon in der nächsten Nacht stahl man in Braunschweig sein Auto. Kassel schmunzelt: „Wenn’s nicht so traurig wäre, müsste man lachen. Jetzt fahre ich den Wagen meines Vaters – den klaut keiner.“

Das Dezernat II steht für Verwaltung im klassischen Sinne, die Sozialverwaltung mit ihren vielfältigen Bereichen, von der Grundsicherung bis zur Pflege sowie die Bildungsverantwortung. Sie besteht nicht nur in Form der Schulträgerschaft, sondern zunehmend auch als wichtige Säule im Schulalltag von der Ganztagsschule bis zur Schulbegleitung. Nicht zu vergessen auch die Angebote non-formaler Bildung in den Bereichen Jugendarbeit und Integration.

Das Dezernat steht aber auch für Asylverfahren und integrative Aufgaben von Sprachkursen bis hin zu der Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Migranten sowie die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle. Dies sind nur einige Beispiele aus dem Alltag von Herrn Kassel.

Auch die Bürgerdienste zwischen der Dynamik eines Standesamtes bis hin zum leidenschaftslosen ruhenden Verkehr gehören zum Dezernat. Die vielfältigen ordnungsbehördlichen Aufgaben von der Heimaufsicht bis zur Feuerwehr stellen einen Dezernenten vor die große Herausforderung, viele spezialisierte Einzelaufgaben zu einem großen Ganzen zusammenzufassen.

Sie, lieber Herr Kassel, hatten trotz dieser anspruchsvollen Vielfältigkeit immer ein Ohr für die Bürgerinnen und Bürger und es war Ihnen stets ein Anliegen, die Akzeptanz der Öffentlichkeit für Ihre Entscheidungen zu erlangen. Sie haben sich die Zeit genommen, um Sachverhalte darzulegen und Entscheidungen zu begründen.

Ich möchte Ihnen, lieber Herr Kassel, meinen Dank und meine Anerkennung für die geleisteten Dienste für die Stadt Celle, vor allem aber für die Menschen unserer Stadt ausdrücken.
Sie können mit Stolz auf Ihre Dienstzeit in Celle zurückblicken. Ich danke Ihnen für die für mich nur kurze Zeit der Zusammenarbeit und wünsche Ihnen und Ihrer Familie für die Zukunft alles Gute.

Dankesrede Stephan Kassel, ungekürzt und unkommentiert:

Nun ist es soweit. Dankesworte, so ist dieser Teil des heutigen Programms zum Abschied beschrieben. Bis vor ein paar Wochen konnte ich das gar nicht wirklich glauben. Schlugen doch die dienstlichen Mails und sonstigen Anfragen und Termine sich bis zum Schluss in ungebremster Zahl nieder. Ja, fast kam es mir so vor, als ob es mehr gewesen waren als sonst. So als ob mancher noch unbedingt während meiner Amtszeit etwas erledigen oder klären wollte. Als dann aber die Einladungen verschickt waren und auch meine Frau ihre Einladung in der Hand hielt, da war das schon ein merkwürdiges Gefühl.

Höchste Zeit also für ein paar Gedanken über die vergangenen acht Jahre, die Gegenwart und die Zukunft.

Acht Jahre sind eine lange Zeit. Im Mai 2009 fand drüben im Rathaus das erste Gespräch zwischen Dirk-Ulrich Mende, dem drei Monate zuvor gewählten neuen Celler Oberbürgermeister und mir statt. Drei Wochen später dann – hier die Exerzierhalle meine Wahl zum Stadtrat.

In Celle habe ich ein großes breitgefächertes Dezernat geleitet. Es liegt damit auf der Hand, dass den zurückliegenden acht Jahren viele Punkte gegeben hat, die in der Rückschau in meiner besonderen Erinnerung bleiben.

Es würde sicher den Rahmen sprengen, ginge ich jetzt auf alle wichtigen und bedeutenden Ereignisse oder Entscheidungen ein. Meine Auswahl hatte ich daher auf bedeutende und nachhaltige Punkte begrenzt. Ich hoffte dabei, in Ihrem Interesse zu handeln, kann ich doch so meine Abschiedsworte auf wenige Stunden beschränken. Das kann ich aber auch noch mal kürzen, denn Sie Herr Dr. Nigge, Herr Falkenhagen und Sie, Frau Sachse, sind auf sehr viele Dinge bereits eingegangen. Ich danke Ihnen für die sehr persönlichen und wertschätzenden Worte.

Also geht es ganz kurz: Es ist in dieser Stadt viel erreicht worden – es wird auch in Zukunft viel erreicht werden und es ist auch hier mal der Anlass, sich dessen bewusst zu sein.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
es versteht sich von selbst, dass dies alles nicht auf wenigen Schultern gelegen hat. Das ist vielmehr das Werk vieler, die zusammenarbeiten. Deswegen möchte ich hier zum Abschied all denen danken, die in den vergangenen acht Jahren hier mit mir gemeinsam gearbeitet haben.

Mein besonderer und erster Dank gilt daher Dirk-Ulrich Mende. Lieber Dirk-Ulrich, Du warst der erste Entscheidende, denn bekanntlich schlägt der Oberbürgermeister die Stadträte zur Wahl vor – und niemand sonst. Es ist ja in diesem Jahr vielfach bereits angesprochen und ausgesprochen worden, dass die Rahmenbedingungen für erfolgreiche kommunale Gestaltungspolitik in vielfacher Hinsicht schwierig waren und sicher auch noch sind. Dennoch nehme ich für uns in Anspruch, dass viel erreicht wurde, auf dem weiter aufgebaut werden kann.

Mein weiterer Dank gilt Jens Rejmann, Joachim Schulze sowie Gudrun und Harald Jahnke für die Unterstützung in den ersten Tagen hier in Celle.

Mein eigenes Dezernat hat mich in den vergangenen Jahren in ganz besonderer Weise unterstützt und ich habe meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stets als motiviert, loyal und engagiert und professionell erlebt. Ich denke auch, dass die Grundstimmung im Dezernat II trotz der hohen Belastung weit überwiegend gut gewesen ist. Das trägt auch dazu bei, trotz Widrigkeiten gute Ergebnisse zu erzielen, wie es Ihnen und uns gelungen ist. Ihnen allen gilt mein tief empfundener herzlicher Dank für unsere Zusammenarbeit, die immer in meiner Erinnerung bleiben wird.

Besonders eng ist die Zusammenarbeit natürlich mit den eigenen Assistentinnen im Vorzimmer. Sie bekommen hohen Arbeitsdruck, Ärger aber auch Freude und Erfolge immer als erste und fast immer ungefiltert mit. Das erfordert auf diesem Arbeitsplatz ganz besondere Fähigkeiten. In den vergangenen Jahren war dies fast die gesamte Zeit Frau Melanie Hoyer. Aktuell ist es Frau Ewa Müller, die seit einem halben Jahr umsichtig und mit viel Engagement die vielen Termine sortiert und die vielen Dinge so tut, die in einem Vorstandssekretariat anfallen. Mein Dank gilt aber auch Frau Annette Trampnau und Frau Sabine Hagemann, die Urlaubs- bzw. Krankheitsvertretungen zusätzlich zu ihrer eigenen Arbeit übernommen haben, sowie den Kolleginnen aus den anderen Vorzimmersekretariaten.

Danken möchte ich ferner den ehemaligen und aktuellen Mitgliedern des Verwaltungsvorstandes sowie den sogenannten „Stabsbereichen“ – also Ratsbüro, Büro des Oberbürgermeisters, Presse, für die gute Zusammenarbeit und das Ineinanderwirken. In den Medien wurde das übrigens des Öfteren gerne auch mal anders dargestellt. Aber es sei Ihnen versichert: Die Realität sieht anders aus. Denn ohne ein gemeinsames Verständnis über die Ziele und die wesentlichen Wegmarken lassen sich nämlich nun einmal keine guten Ergebnisse erzielen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, etwas ganz anderes soll einleiten in den Bereich der Politik. Das Stichwort „Boni“: In einigen Bereichen der Wirtschaft war und ist es bis heute üblich Prämien zu zahlen, wenn etwas Besonderes geleistet wurde – manchmal auch dann, wenn nicht – so konnte man jedenfalls den Eindruck gewinnen. Ich habe mal im Scherz gesagt, man sollte Stadträten oder den jeweiligen Fachdiensten Prämien zahlen, wenn von Ihnen vorbereitete Ratsbeschlüsse einstimmig erfolgen. Da hätten wir sicher einen guten Schnitt gemacht. Nun könnte man aber daraus den Schluss ziehen, dass die Sache dann wohl keinen wirklichen Spielraum geboten hat oder nicht wichtig genug war, um sich darüber zu streiten. Man kann aber auch daraus folgern, dass es über viele Bereiche der städtischen Bildungs-, Jugend- und Sozialpolitik häufig einen Grundkonsens gegeben hat, der über die Fraktionsgrenzen ging. Dafür und für die gute Zusammenarbeit danke ich Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren Mitglieder des Rates.

Das kommt auch durch Ihre sehr zahlreiche Teilnahme heute Vormittag zum Ausdruck. Ich schätze das sehr – weiß ich doch, dass der Termin um 11.00 Uhr es für viele von Ihnen angesichts bestehender beruflicher Verpflichtungen erschwert.

Für die Zukunft wünsche ich Ihnen, dass die eine oder andere Wunde des letzten Wahlkampfs verheilt und Sie schnell zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit finden – auch in der neuen Zusammensetzung mit nunmehr 10 politischen Gruppen bzw. Fraktionen. Denn wir sind uns sicher darin einig, dass wir in Celle besser und nachhaltiger etwas erreichen, wenn Sie es gemeinsam machen, nicht gegeneinander.
Erweitere ich den Blick und beziehe die Bereiche der Celler Gesellschaft ein, mit denen sich mein Dezernat thematisch besonders verbunden sieht. Hier sind es zunächst die freien Träger der Jugendhilfe und der Wohlfahrtspflege, die bereits auf eine jahrelange gute Zusammenarbeit untereinander und mit der Stadt zurückblicken können. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies Ende 2015 geholfen hat, die Situation der unbegleiteten Minderjährigen zu lösen, als wir zeitweise das „Passau Niedersachsens“ waren.

Die Freiwillige Feuerwehr Celles hat eine besondere Rolle. Das hat mich von Anfang sehr eng beschäftigt. Das muss auch so sein. Es war mir klar, als ich 2009 zu Beginn meiner Amtszeit erfahren habe was es bedeutet, in einer Stadt mit der Größe Celles und der Brandlast durch die Altstadt einen ehrenamtlichen Brandschutz zu haben. Die Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr verdienen sich das aber tagtäglich durch ihren Einsatz, ihre Leistungsbereitschaft und Motivation. Über die gesamten Jahre habe ich die Feuerwehrführung als im hohen Maße engagiert, verlässlich aber auch kritisch erlebt, dort wo es sein muss. Und dass die Cellerinnen und Celler sich auf ihre Wehren verlassen können, wissen wir ohnehin.

Die Leiterinnen und Leiter der Celler Grundschulen fehlen heute leider. Der Grund liegt aber keinesfalls darin, dass hier keine gute Zusammenarbeit stattfindet. Schon länger war eine Klausurtagung in der Heimvolkshochschule Hustedt geplant. Und manchmal führt das eben zu Terminkonflikten, die sich dann nicht mehr auflösen lassen. Die Leiterinnen unserer städtischen Kindertagesstätten sind heute – wenn ich das so sehe – vollzählig da. Darüber freue ich mich sehr.

Ich danke auch für die gute Zusammenarbeit mit der Polizei und der Arbeitsgemeinschaft der Hilfsorganisationen und der Sicherheitspartnerschaft. Auch hier gibt es eine langjährige Übung guter Zusammenarbeit – im Falle der Hilfsorganisationen reicht sie bereits 25 Jahre zurück.
Mein Dank gilt auch den Vertreterinnen und Vertretern unserer städtischen Gesellschaften, den Töchtern – wie man so schön sagt. Hier ist es allen voran die CD-Kaserne als großen städtischen Träger in der Jugendarbeit, also dem Geschäftsführer und dem Aufsichtsrat. Ferner auch der WBG, der CTM den Stadtwerken sowie dem Abfallzweckverband, dem Schlosstheater und der VHS – auch wenn diese nicht „Töchter“ der Stadt sind. Ihre Impulse strahlen auch deutlich aus und immer wieder haben sich Berührungspunkte ergeben.

Seit 2012 bin ich auch Sportdezernent und habe auch hier eine gute Zusammenarbeit der Vereine und mit dem Kreissportbund bzw. einzelnen Fachverbänden des Kreises feststellen können.

Besondere Freude hat mir auch die Mitarbeit im Verwaltungsausschuss der Arbeitsagentur gerade in den letzten zwei Jahren gemacht. Eine regionale und wenn Sie so wollen –lokale- Betrachtung des Arbeitsmarktes ist geboten, da dieser Bereich für die positive Entwicklung der Stadt sehr bedeutsam ist. Gelegentlich habe ich aber damit gehadert, dass unser Einfluss als große selbständige Stadt eher gering ist.
Bereichert hat mich auch die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe, dessen Verwaltungsrat ich angehören durfte, und der Lobetalarbeit. Beide leisten viel in der täglichen engagierten und fürsorglichen Arbeit mit beeinträchtigten Menschen.*

Sehr geehrter Herr Dr. Nigge, wir haben nur sehr kurze Zeit miteinander gearbeitet – auch wenn früher schon eine gewisse Art von Verbindung bestand. Sie haben es erwähnt, Ihre Mutter war als Mitglied des Seniorenbeirats eine kluge Beraterin, deren Rat ich mir gerne angehört habe und dann haben wir gemeinsam über Wege nachgedacht, dies umzusetzen. Ihr plötzlicher Tod hat auch mich damals sehr getroffen. Auch bei Ihnen habe ich diese offene, an Sachfragen orientierte Kommunikation festgestellt und geschätzt. Dafür mein herzlicher Dank.

Als Stadtrat – noch dazu mit meinem Zuständigkeitsbereich als „Bürgerdezernent“ wie er zu Anfang meiner Amtszeit mal bezeichnet wurde – stehe ich sehr in der Öffentlichkeit. Das ist fast immer positiv, hat mich bereichert und war nur gelegentlich eine Belastung. Das verlangt aber auch viel zeitliches Engagement – das dann für die Familie fehlt.

Für die Geduld und Unterstützung und für den Rückhalt, den ich hatte, danke ich vor allem meiner lieben Frau Isabel, die ganz bewusst 2009 gemeinsam mit mir die Entscheidung getroffen hat, nach Celle zu kommen. Auch meinen Eltern danke ich für das Verständnis dafür, dass trotz der überschaubaren Entfernung zwischen Celle und Braunschweig nicht immer so viel Zeit vorhanden war, wie es wünschenswert gewesen wäre.

Die weitere Entwicklung werde ich nun nicht mehr verantwortlich mitgestalten. Gerne hätte ich beispielsweise die Sportentwicklung weiter begleitet. Mit dem Gutachten zur Sportentwicklung haben wir wertvolle Hinweise erhalten, die es in den kommenden Jahren gemeinsam abzuarbeiten gilt. Ich begrüße es, dass dies auch von Ihnen, Herr Dr. Nigge, unterstützt wird und halte es für richtig, diesen Weg anders als sonst üblich, in Projektform weiterzutreiben, so wie Sie es auch beabsichtigen. Eigentlich ist der bisherige Prozess auch so angelegt.

Von hoher Bedeutung sind auch die weitere Integration der Flüchtlinge und deren Betreuung – insbesondere dort, wo eine größere Anzahl eine Wohnung gefunden hat. Es wird nun darauf ankommen, Geflüchtete mit Perspektive in Celle über die Bildung und den Berufseinstieg zu integrieren. Gemeinsam mit Landkreis und Arbeitsagentur sind wir hier schon auf dem Weg. Dauerhafte Perspektiv- und Beschäftigungslosigkeit können wir uns nicht leisten. Das gilt allerdings nicht nur für Flüchtlinge. Es wäre wichtig, die gleichen Instrumente auch im Bereich der übrigen Leistungsbezieher für Langzeitarbeitslose und junge Menschen mit schlechten Berufsausschichten zu nutzen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Kommunale Daseinsvorsorge ist – in einfacher Sprache ausgedrückt – eine Politik und eine Leistungserbringung „für die, die da sind“. Das sind zunächst die Menschen, die seit langem in Celle leben und deren Bedarfe sich im Laufe ihres Lebens ändern. Es sind aber auch die Menschen, die hinzuziehen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ältere Menschen suchen die bessere Infrastruktur des Oberzentrums Celle, sei es in der Nahversorgung, der ärztlichen Versorgung oder im kulturellen Angebot. Menschen mit wenig Einkommen oder sozialen Schwierigkeiten zieht es im Allgemeinen auch stärker in urbane Lebensräume. Junge Erwachsene fragen dies auch nach, wenn es um Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien geht. An dieser Stelle beklagen alle die in Celle darüber öffentlich reden: Es fehlt das Hochschulbildungsangebot. Das tue ich hiermit dann auch. Last not least sind es Menschen, die wir als Fachkräfte für unsere Wirtschaftsbetriebe und Dienstleister brauchen und für die wir deswegen attraktiv sein wollen.

Für sie gilt es Lebens- und Entfaltungsbedingungen zu schaffen bzw. weiterzuentwickeln und zu erhalten. Dabei sollte sich nicht nur an Zahlen orientiert werden. Controlling und Benchmarking sind nämlich nur die Instrumente, die helfen können, strategisch richtige Entscheidungen zu treffen. Sie sind nicht aber Inhalt oder gar Zweck des Handelns.

Es wird aber auch in Zukunft leider so sein, dass der Haushalt alles andere als rosig aussieht. Die ständigen Anstrengungen zur Konsolidierung des Haushalts werden also weitergehen. In den vergangenen Wochen sind wir im Verwaltungsvorstand und mit dem erweiterten Führungskreis der Fachdienst- und Abteilungsleiter bereits „in medias res“ gegangen. Dabei haben wir uns neue Sichtweisen erarbeitet, viele Dinge hinterfragt, geprüft. Dabei wurden viele Dinge für richtig und gut befunden, einiges aber auch kritisch hinterfragt und in Zukunft überprüft. Dieses Change-Management in seinem Anfang noch mitzuerleben empfand ich als eine bereichernde Erfahrung. Ich wünsche Ihnen, Herr Dr. Nigge, aber auch der gesamten Verwaltung und dem Rat, dass dieser Weg im Interesse der Stadt zu einem guten Ergebnis führt.

Allerdings glaube ich, dass das Grundproblem in Folgendem liegt: die kommunale Ebene hat zwar verlässliche Aufgaben (und gerne legen Bund und Länder noch etwas dazu!) – ihr fehlen aber die verlässlichen Einnahmen! Im Bereich meines Dezernats kommt dann noch erschwerend dazu, dass vielfach nicht nur die zu erbringenden Leistungen vorgegeben sind, sondern auch die Art und Weise der Erbringung durch Gesetze und Verordnungen bindend geregelt ist. Damit ergeben sich Spielräume oft gar nicht erst. Nun hören und lesen wir ständig, dass die Steuereinnahmen sprudeln und stellen dann mit einem Blick in die Kasse fest: hier ist das nicht so und auch anderswo im Land gibt es Städte und Gemeinden, an denen der Geldsegen offenbar vorbeifließt. Ich meine, dass diese Disparitäten in der Finanzlage vor allem ein Problem der großen selbständigen Städte sind. Frau Sachse, Sie wissen, dass mir in den Ausschüssen des Städtetags die Sonderrolle der „großen Selbständigen“ immer ein besonderes Anliegen war. Aber solange das finanzwirtschaftlich ein isoliertes Problem einzelner Städte bleibt habe ich Zweifel, dass sich daran etwas ändert. Obwohl der „Systemfehler“ seit der Gebietsreform der 1970er Jahre besteht und bekannt ist.

Mein Herz als Verfassungs- und Verwaltungsrechtler schlägt höher bei dem Gedanken, einen solchen Rechtsstreit einmal als Anwalt vor dem Niedersächsischen Staatsgerichtshof durchzufechten!
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich scheide mit einem weinenden – aber auch mit einem lachenden Auge aus meinem Amt aus. Da ist kein Raum für Bitterkeit. Denn allen Beteiligten sind die Bedingungen und Spielregeln bekannt. Auf der Ernennungsurkunde für Beamte auf Zeit ist ein Enddatum bereits angegeben. Grundsätzlich hätte ich mein Amt auch gerne weitergeführt. Das habe ich von Anfang an auch öffentlich gesagt. Bestärkt worden bin ich durch die vielen freundlichen Worte, die ich in den vergangenen Wochen und Monaten gesagt und geschrieben bekommen habe. Auch Ihre zahlreiche Teilnahme heute Mittag sagt mir das.

Es ist nun aber nachvollziehbar, dass ein neuer Oberbürgermeister Strukturen überprüfen und ggf. verändern will, wenn er dies für die Umsetzung seiner politischen Ziele für geboten hält. Aus diesem Grund hat werden die Spitzenbeamten der kommunalen Verwaltungen auf Zeit gewählt. Wie vieles im Leben hat auch dies zwei Seiten. Denn auf diese Weise hilft es auch den Dezernenten, dass sie sich nicht am Ende in einer Struktur wiederfinden, die ihnen möglicherweise nicht entspricht, die ihren eigenen Vorstellungen nicht gerecht wird. Schließlich stehen auch sie in der öffentlichen Verantwortung. Hier muss und wird es dann auch geeignetere Personen geben.

Nun bleibt also die spannende Frage: Was macht den der Stadtrat a.D. Stephan Kassel ab dem Sommer?
Die Erfahrungen, die ich hier in Celle in den vergangenen acht Jahren sammeln konnte, möchte ich auch künftig in entscheidender und/oder gestaltender Weise einbringen. Möglicherweise könnte das ab dem kommenden Jahr auch auf der Landes- oder wieder auf der Bundesebene sein. Grundsätzlich wird der gemeinsame Lebensmittelpunkt von meiner Frau und mir in jedem Fall auch künftig weiterhin im Raum Hannover-Braunschweig-Lüneburg liegen. Und wer das jetzt geografisch vor Augen hat, der merkt: da gehört Celle mit dazu.

Das waren sie, meine Abschiedsworte. Haben Sie vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Nach den Schlussworten folgen nun die Schlussklänge. Danach können wir uns bei Imbiss und Getränken noch ein wenig austauschen.
Herr Falkenhagen, Sie haben jetzt sicher Filmmusik erwartet – bevorzugt von Hans Zimmer. Nein – wird es nicht, obwohl ich darüber nachgedacht hatte. Dann wäre vermutlich die Wahl auf die „Generalssuite“ von Jerry Goldsmith aus „MacArthurs War“ gefallen. Fröhlich, beschwingt und doch feierlich, militärisch mit viel tschingderassabumm!

Gunnar Schleipen und Markus Bahr spielen jetzt aber ein Stück des britischen Singers/Songwriters Keane „Somewhere only we know“. Ein Hit aus dem Jahr 2004. Dort heißt es „please tell me why don ́t we go – to a place somewhere only we know”. Für diejenigen, die nicht so häufig in englischer Sprache unterwegs sind oder in einfacher Sprache: „Ich bin dann mal weg!“

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