BERGEN. Daan Heerma van Voss ist seit vergangenem Jahr Bergens Stadtschreiber. Schon einige Male ist er bei öffentlichen Veranstaltungen oder in Schulen in Erscheinung getreten. Doch bisher war – mit Ausnahme einiger Passagen aus seinem neuesten Kriminalroman – kaum etwas von ihm zu lesen. Die Stadt Bergen hat jetzt zwei Texte von Daan Heerma von Voss öffentlich gemacht. Den einen schrieb er anlässlich der Veranstaltung zum Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen. Er ist die in „De Morgen“, der niederländischsprachigen belgischen Tageszeitung in Brüssel erschienen, der zweite ist die Rede, die er am am 4. Mai in der Niewe Kerk in Amsterdam gehalten hat.

Eine Kranzniederlegung

Von Daan Heerma van Voss, Übersetzung Ottfried Franke

„Schauen wir mal“, sagt Bergens Bürgermeister, während er unter einem Zeltdach steht und seinen Regenschirm ausschüttelt, „richtiges Bergen-Belsen-Wetter.“ Heute erinnert  Niedersachsen an die Befreiung des Lagers vor genau dreiundsiebzig Jahren durch die Engländer. Als Bergens Stadtschreiber – das ist eine lange Geschichte, über die ich ein andermal erzähle – werde ich gemeinsam mit dem Niederländischen Botschafter, der am Vormittag aus Berlin anreiste, einen Kranz niederlegen. Damit wir nicht vergessen, nicht einmal das, woran wir überhaupt keine Erinnerung mehr haben.

Schleierregen, ein grauer Nebel. Auf dem Parkplatz neben der Gedenkstätte stehen zwei Polizeiautos und vier inzwischen leere Reisebusse. Besuchergruppen stehen dicht beieinander und suchen – vergeblich – Wärme. Am Eingang gibt es aus einem Plastikeimer Steinchen, wer möchte, kann einen Stein nach altjüdischem Brauch auf ein Grab legen. Ein paar Schritte weiter kriegt jeder Besucher eine Blume in die Hand gedrückt, eine Tulpe, ich bekomme eine gelbe. Einige Blätter scheinen an den Rändern etwas schwarz, beinahe wie abgestorben.

Bevor der Botschafter – ein großer, schlanker Mann mit festem Händedruck – und ich an der Reihe sind, unseren Kranz für Volk und Vaterland niederzulegen, werden wir gebeten, uns auf zwei der zweihundert Plastikstühle zu setzen. Der Nieselregen hat endlich aufgehört, aber wer wollte sich über Regen beschweren, das wäre so ein Ding an diesem Ort. Etwas unbestimmt bittet mich der Botschafter, meinen Regenschirm für uns beide hochzuhalten, was ich natürlich tue. Auf dem Stuhl neben mir liegt ein Namensschild: Marx. Marx ist nirgendwo zu sehen, und doch wagt es niemand, den Platz von Marx für sich selbst zu beanspruchen. Ein angemessenes historisches Credo für die letzten dreißig Jahre, finde ich.

Plötzlich tönen aus Lautsprechern, die ich nicht sehen kann, knisternde Kinderstimmen, die „Hoch soll’n sie – die Engländer – leben” singen. Eine alte, sehr zarte Aufnahme, entstanden weniger als eine Woche nach der Befreiung des Lagers. Es folgen Reden, in denen wieder und wieder gesagt wird, dass wir nie vergessen dürfen. Dabei sind wir doch längst dabei, gerade das zu tun. Zwischendurch Babygeschrei aus der Menge. Es hört plötzlich auf, als hätte jemand einen Soundtrack an- und wieder abgeschaltet. Ein Schulchor betritt die Bühne. Einige Mädchen, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, lachen leicht nervös und singen dann makellose Arien. Eine von ihnen trägt eine fröhliche Hose mit schwarzen und weißen Karos. Unter seinem hellblauen Regenschirm nimmt ein bärtiger Zwerg alles mit seiner Kamera auf; eine seltsame Traumfigur in diesem grimmigen Szenario.

Dann wird Marx nach vorn gerufen. Marx entpuppt sich als eine Dame, eine sehr schöne französische Dame im Kamelmantel: Prof. Dr. Janine Marx-Moyse, Vertreterin des französischen Verbandes Amicale des Anciens Déportés de Bergen-Belsen, eine ehemalige Gefangene, die sich in sehr klarem und entwaffnend gutem Deutsch an die inzwischen vergangene Kälte und den Hunger, aber auch an die Freundschaft erinnert. Nach der Rede geht sie auf ihren Mann zu, einen französischen Bauern mit Tränen in den Augen, der sie fest umarmt. Eine Liste mit Namen wird verlesen von ehemaligen Häftlingen, die letztes Jahr verstorben sind. Geboren in Frankreich, in den Niederlanden, in Deutschland, Polen, Österreich – gestorben sind sie alle in Israel.

Beifall. Vorsichtig bricht die Sonne durch. Der Botschafter und ich gehen zu unserem Kranz, der schon an seinem Platz liegt. Was wir noch tun können ist, die Kranzschleifen zu richten, eine Ehre, die seiner Exzellenz gebührt.

Wir gehen zum (symbolischen) Grab von Anne Frank, umgeben von Blumen, die Erde drumherum ist plattgetreten; um die anderen Gräber – kaum Blumen, nur dichtes und langes Gras. Danach gibt es für jeden Hochzeitsuppe mit Fleischbällchen und Spargelstücken. Ein Saal voller ehemaliger Häftlinge, mit ihren Kindern und Enkelkindern. So sieht das Überleben aus. Ich werde von einer schwarz gekleideten Dame mit strengem Blick angesprochen. Sie ist Polizistin. Sie hatte ein Interview mit mir in der Regionalzeitung gelesen. Ich hatte dort als einzigen noch verbliebenen Unterschied zwischen Deutschen und Holländern angemerkt, dass wir keinen Fahrradhelm aufsetzen. Die Polizistin ist unglücklich. Was ich da sagte! Ob ich nicht wüsste, wie gefährlich es ist, ohne Helm Fahrrad zu fahren, ob ich nicht wüsste, was alles so passieren kann?

Rede zur nationalen Gedenkfeier für die niederländischen Zivilpersonen und Soldaten, die seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Kriegen oder bei Friedensmissionen umgekommen sind:

PI_20180505_Verlorene Toene_ewige Frequenzen

 

 

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