WOLTHAUSEN. 70.000 Meerforellenbrütlinge haben die Fischereivereine an der Örtze in den vergangenen Wochen in ihre jeweiligen Gewässerabschnitte ausgesetzt. Die Meerforelle benötigt als Wanderfisch, um sich vermehren zu können, durchlässige Gewässer vom Meer bis in die Oberläufe der Flüsse. Die sei an der Örtze nicht gegeben, kritisieren die Vorsitzenden von Angelvereinen an der Örtze. Vielmehr sei Geld in sinnlose Maßnahmen investiert worden, bemängeln Dieter Kreuziger, Vorsitzender der Angelsportgemeinschaft Müden/Örtze und Timo Seiser, Vorsitzender des Fliegenfischer-Clubs Feuerschützenbostel:

„Auf einer Länge von zirka 60 Kilometern behindert nur noch das Wolthäuser Mühlenwehr sowie ein daneben befindliches Tafelwehr, den Auf- und Abstieg von Wanderfischen. Diese Querverbauungen behindern auch den natürlichen Aufwuchs und Austausch von Kleinstlebewesen, dem Makrozoobenthos, in der Örtze. Die derzeitige, vorhandene Artenvielfalt und deren Erhalt, die Verbesserung und die Wiederansiedlung der heidegewässertypischen Fisch-, bzw.  Kleinfischpopulationen in der Örtze, ist seit vielen Jahren nur den ansässigen Fischereivereinen und ihren kosten- und zeitintensiven Bemühungen zu verdanken.

Im Auftrag des NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) und unter Bereitstellung finanzieller Mittel in fünfstelliger Höhe, erstellte ein renommiertes Ingenieurbüro aus Celle eine Machbarkeitsstudie zur Durchgängigkeit, bzw. Umgehung des Mühlengeländes auf vorhandenen und der Örtze an-
grenzendem Landkreisgebiet. Eine Umsetzung erfolgte nicht, obwohl es sich um die machbarste Variante zur Erreichung der Durchgängigkeit handelt. Die für den Landkreis Celle kostengünstigere Version zur geglaubten Erreichung der Durch-
gängigkeit, wurde dem Eigentümer der Mühle überlassen, um in dessen Eigenregie und durch Finanzierung mit Geldern der Bingo-Lotterie, einen Fischpass bauen zu lassen. Vom Landkreis Celle wurde mit der Erteilung der Baugenehmigung des Fischpasses am Wolthäuser Mühlenwehr am Mühlenkanal, kein Nachweis vom Eigentümer und Kraftwerksbetreiber eingefordert, dass der Fischpass nach seiner Fertigstellung von auf bzw. abwandernden Lebensarten und Wanderfischen, wie auch Großsalmoniden überhaupt angenommen wird.

Auch gab es vorab der Erteilung der Baugenehmigung keinerlei Untersuchung bzw. Nachweise, ob überhaupt Kleinstlebewesen und Wanderfische über den Mühlenkanal auf- und abwandern wollen. Von den damaligen Mitgliedern des Umweltausschusswa, gleich welcher Parteimitgliedschaft, gab es keinerlei Forderungen, vorab der Erteilung der Baugenehmigung, Nachweise der Funktionsfähigkeit zu erbringen. Für den Landkreis entstanden für die Baumaßnahme keine Kosten, aber das vom Eigentümer imitierte Projekt sollte vom Landkreis (Protokoll der Kreistagssitzung vom 25.01.2008) “wohlwollend” begleitet werden.

Im benachbarten Landkreis Gifhorn wurden zur Erreichung der Durchgängigkeit von Fließgewässern von den zuständigen Genehmigungsbehörden, einschließlich LAVES (Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit), die für die Erteilung der Baugenehmigung begründeten Nachweise, vorab eingefordert. Für die Abgabe der Wassermenge, als sogenannte Lockströmung, erhalten auch Kleinkraftwerksbetreiber eine Ausgleichzahlung. In der öffentlichen Umweltausschusssitzung des Landkreis Celle errechnete man, dass sich nach zirka sechs Jahren die vermutlich geschätzten Kosten des Kleinkraftwerksbetreibers und Fischpassbauers aufgrund der Ausgleichszahlung
für die Wassermengenabgabe amortisiert haben dürfte. Bekannt war zu diesem Zeitpunkt nicht, in welcher Höhe sich die Bingo-Lotto- Stiftung finanziell beteiligen würde. Bedauerlich ist auch, dass es bis heute keinen Nachweis über die tatsächliche Wassermengenabgabe gibt und zu welchen Zeiten diese erfolgt.

Mit Genehmigung von LAVES- Dezernat Binnenfischerei- Fischereikundlicher Dienst, führte die Aller-Oker- Lachsgemeinschaft (AOLG e.V.), gemeinsam mit den Örtze-Fischereivereinen, nach dem Fischpassbau, Elektro- Kontrollbefischungen im Mühlenkolk und Mühlenkanal durch. Es wurden bei den durchgeführten Kontrollbefischungen keine Fische gesichtet. Aufstiegswillige Meerforellen und Lachse konnten aber unter- und oberhalb der Einmündung/des Auslaufs des Mühlenkanals in die Örtze sowie in dem großen Kolk am Tafelwehr nachgewiesen werden. Die gesichteten und auch gefangenen Großsalmoniden in der Örtze, oberhalb des Wolthäuser Mühlenwehres, sind vermutlich über das gezogene Tafelwehr und bei Hochwasser in den Oberlauf gelangt. Dass die von den Fischereivereinen, nicht nur an der Örtze, ausgesetzten Meerforellen und auch Lachse nach ihrem Aufenthalt im Meer zu ihren Laichplätzen aufsteigen wollen, ist den wissenschaftlichen Untersuchungen der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BFG) zu entnehmen.

Mittels eines automatischen Fischzählers für Großsalmoniden wurden am Langwedeler Wehr und an der Fischtreppe Marklendorf in den letzten Jahren mehrere hundert, aufsteigende Meerforellen und Lachse nachgewiesen. Es gibt noch viel zu tun, um den Lebensraum unserer Heidebäche, gemäß den FFH-Richtlinien zu erhalten, zu verbessern und auch wiederherzustellen und die Durchgängigkeit der Fließgewässer bis zur Einmündung in die Nordsee für alle in den Gewässern auf- und abwandernden Lebensarten, gemäß den zeitlichen EU-Vorgaben, von der Politik auf das
Nachdrücklichste einzufordern. In Bayern wurde mit gerichtlichen Entscheidungen der ökologische Wert der Durchgängigkeit von Fließgewässern an Kleinkraftwerken höher eingestuft als der ökonomische Wert und Strom-Leistungsgewinn.“

Zur Biologie der Meerforelle und zu den Besatzmaßnahmen teilen die Angelsportverbände mit:

„Insgesamt wurden von Poitzen bis Wolthausen, 70.000 Meerforellenbrütlinge in das vom Land Niedersachsen als Referenzgewässer und Gewässer 1. Priorität eingestufte Fließgewässer, eingebracht. Erstmalig beteiligte sich auch der Fischereiverein Früh Auf Celle e.V. mit 10.000 Brütlingen in der Lachte. Sie wurden erstmals eingesetzt, nachdem an einigen Streckenabschnitten die Struktur und damit die ökologische Situation durch das Einbringen von heimischem Kies und wiederhergestellt wurde und so Laichhabitate geschaffen wurden. Die ausgesetzten Brütlinge stammten wieder aus der Luhe, in der sich bereits, aufgrund jahrelanger Bemühungen der dort ansässigen Fischereivereine sowie der vorhandenen Durchgängigkeit des Fließgewässers, eine selbstreproduzierende Population entwickelt hat.

Nach einem, oft auch nach zwei Jahren endet für die jungen Meerforellen das Leben im Süßwasser. Es beginnt dann ein äußerlich erkennbarer Umwandlungsprozess, die sogenannte Smoltifikation. Waren die Fische bis dahin in ihrem farbenfrohen Jugendkleid kaum von Bachforellen zu unterscheiden, nehmen sie zu diesem Stadium allmählich die für den Meeresaufenthalt typische Silberfärbung an. Die Abwanderung ins Meer erfolgt in den Monaten April und Mai, bei Körperlängen zwischen 14 und 20 Zentimeter. Die deutschen Nord-und Ostseezuflüsse gehören zum angestammten Verbreitungsgebiet der Art. Die Meerforelle zählt in Europa zu den größten Salmoniden. Mit Stückgewichten bis 15 kg und Längen bis über einen Meter steht sie dem Lachs mancherorts nicht viel nach. Allerdings sind solche Traummaße eher die Ausnahme. Im Normalfall steigen Meerforellen von 50 bis 80 Zentimeter und Stückgewichten von 1,5 bis 7 kg in unsere mitteleuropäischen Flüsse und Bäche zum Laichen auf.

Nach einem oder mehreren Wintern auf See erfolgt der sogenannte Aufstieg in ihre Laichbäche. Wie die meisten Lachsartigen ist die Meerforelle spindel-oder torpedoförmig. Sie ist damit an ein Leben im fließenden Wasser bestens angepasst. Die Körperform lässt also bereits gute Schwimmleistungen erwarten. Dabei ist jedoch nicht so sehr die Schnelligkeit, sondern vielmehr die Fähigkeit zu ausgedehnten Wanderungen das wirklich Beeindruckende. Sie dringt viel stärker als der Lachs bis in die kleinen Oberläufe und selbst in winzige Nebenbäche vor. Besondere Bedeutung kommt dabei der Beschaffenheit ihrer Laichbäche zu. Das bedeutet, es müssen Kiesbetten als Laichhabitate vorhanden sein, deren kiesiges Lückensystem immer gut durchspült wird und sich keinesfalls mit Sand oder Schlamm zusetzen darf. Das würde die sich darin aufhaltende, nicht schwimmfähige Brut, ersticken. In unseren Breiten erfolgt das Laichgeschäft in der Hauptsache von November bis Januar, bei längeren Frost- und Niedrigwasserperioden aber auch im Februar.

Zirka 1.000 bis 2.000 Eier pro Kilogramm Körpergewicht werden vom Rogner in Laichkuhlen abgelegt. Wie lange es im Einzelfall von der Befruchtung bis zum Schlüpfen dauert, hängt in unseren sogenannten sommerkalten, rasch strömenden, sauerstoffreichen Heidebächen von der Wassertemperatur des jeweiligen Gewässers ab. Nach zirka drei Monaten schlüpfen die jungen Brütlinge. Ist das Laichgeschäft vollendet, sterben manche Elterntiere an Entkräftung.
Die Überlebensrate liegt jedoch sehr viel höher als beim Lachs. Die überlebenden Fische wandern entweder sofort zurück ins Meer oder halten sich zum Teil bis zum Frühjahr hinein noch im Süßwasser auf und beginnen hier auch wieder Nahrung aufzunehmen. In den Folgejahren werden sie dann wiederholt zum Laichen aufsteigen. Voraussetzung für den Aufstieg dieser Großsalmoniden sowie deren Rückkehr ins Meer sind jedoch durchgängige Fließgewässer, gegebenfalls auch Hochwasser, um Querverbauungen umgehen bzw. überwinden zu können.“

Tafelwehr am Wolthausener Mühlenkanal. Für Wanderfische ist hier Endstation. Foto: Dieter Kreuziger

 

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