Arbeitgeberforum 2020 in der Leuphana Universität: „Denken Sie die Welt komplett neu“

Wirtschaft Von Extern | am Di., 25.02.2020 - 20:01

LÜNEBURG. "Schon in 20 Jahren haben Neugeborene eine Lebenserwartung von 200 Jahren, den Menschen wird ein Chip implantiert, der mit Hilfe künstlicher Intelligenz die ärztliche Diagnose ersetzt und Erkrankungen schon im Vorfeld erkennt, Führerscheine sind angesichts autonom fahrender Autos überflüssig..." Das Szenario, das Professor Dr. Nick Lin-Hi am Montagnachmittag im großen Hörsaal der Lüneburger Leuphana-Universität entwickelt, mag für manchen Zuhörer eine revolutionäre Vorstellung sein, für den Unternehmensethiker und Strategieforscher Lin-Hi ist es ein eher konservatives Szenario. Denn nach seiner Überzeugung steht der Mensch vor dem größten Technologiesprung aller Zeiten. Und wer das nicht erkenne, werde abgehängt. 

Rund 500 Arbeitgeber und Unternehmensvertreter aus der gesamten Region waren der Einladung des Arbeitgeberverbandes (AGV) Lüneburg-Nordostniedersachsen in den Libeskindbau der Universität gefolgt, um sich beim Arbeitgeberforum 2020 über drängende Zukunftsthemen wie digitale Zukunft, Mitarbeitergewinnung, neue Arbeitsweisen sowie neue Entwicklungen und deren Praxistauglichkeit zu informieren und auszutauschen. „Und mit diesem Thema haben wir offenbar einen Nerv getroffen“, stellte AGV-Hauptgeschäftsführer Bernd Wiechel angesichts der großen Resonanz fest.

Das Interesse sei mehr als berechtigt, betonte Professor Dr. Nick Lin-Hi, „denn was wir in den nächsten Jahren erleben werden, ist jenseits dessen, was wir uns vorstellen können“. Für viele Unternehmer bedeute das konkret: „Wenn Sie glauben, dass die Welt von morgen so aussieht wie die heutige, könnte es sein, dass Sie morgen keine Firma mehr haben.“ Ein Beispiel dafür sei der Nokia-Konzern, im Jahr 2007 noch Weltmarktführer für Handys, der sich von Apple überholen ließ und acht Jahre später nicht mehr existierte. Die Manager hätten den Fehler gemacht und in den Rückspiegel geschaut, so Lin-Hi, „aber in dem Moment, wo die neuen Technologien die alten überholen, gibt es keine Chance mehr, sie einzuholen“. Seine Ermunterung ans Publikum: „Denken Sie die Welt komplett neu!“

Informative Workshops, vielseitige Aussteller und hochkarätige Referenten – diese Mischung hatte der Arbeitgeberverband zusammengestellt und so dem Publikum auch viele neue Ansätze gegeben. So ist Digitalisierung die eine große Herausforderung für Unternehmen in der heutigen Zeit, Mitarbeitergewinnung eine andere. Auch da sind angesichts von Nachwuchsmangel neue Denkweisen gefragt – Sara-Kim Pellmann und Felix Twick von der Enercity AG stellten ihre neuen Wege vor. Der Energieversorger aus Hannover hatte sich vergeblich um Digitalspezialisten bemüht, Headhunter hatten mit Hinweis auf einen leergefegten Arbeitsmarkt abgewunken. Eine Task Force wurde eingerichtet, die völlig neu dachte: Als Bewerbung reichte zum Beispiel kurz der Link auf das Profil bei einem sozialen Kontaktnetzwerk. „Niemand hätte sich die Mühe gemacht und Anschreiben, Lebensläufe und Qualifikationen herunterzuladen“, weiß Pellmann. 

Zuvor hatte sich die Task Force informiert, auf welchen Plattformen sich Digitalexperten austauschen und diese dann gezielt nach Bewerbern durchstöbert. „Wir führen auch nicht die klassischen Bewerbungsgespräche, auf denen die Kandidaten zeigen müssen, wie hoch sie springen können, sondern ganz im Gegenteil: Wir demonstrieren, was für ein tolles Unternehmen wir sind“, erläutert Twick. Das Umdenken zeige Erfolg: In sieben Monaten generierte Enercity 350 Bewerbungen. 

Die Voraussetzung, um zu bestehen, ist für Professor Dr. Nick Lin-Hi klar: „Wir müssen raus aus der Komfortzone. Wenn wir es nicht machen, werden es andere tun und sie werden uns dann links und rechts überholen“. Der Weg ist steinig und weit, doch mit vielen Denkanstößen traten die Unternehmer aus der Region nach einem Tag voller Informationsfülle den Heimweg an.