In die Straßennamen-Diskussion will und kann offenbar keine Ruhe einkehren. Nachdem das Strebel-Gutachten von mehreren Historikern kritisiert und stellenweise regelrecht zerpflückt wurde (CelleHeute berichtete mehrfach), hat sich nun auch das renommierte und unabhängige Institut für Zeitgeschichte in München jenes genauer angeschaut. Es hat sich dabei auf die Person des ehemaligen Celler Oberbürgermeisters Wilhelm Heinichen konzentriert, Namensgeber des Wilhelm-Heinichen-Ringes.

In Auftrag gegeben hat es die Familie des hinterfragten Oberbürgermeisters a.D.. Obwohl Kommission und Gutachten selbst zu dem Ergebnis kommen, dass Heinichen vorerst „nichts zu befürchten habe“, eine Straßenumbenennung also nicht bevorstehe, möchte die Familie das Gutachten so nicht stehen lassen. Die Tochter Dorothee Heinichen erklärt: „Wir wollen auf keinen Fall diese unsägliche Diskussion wieder aufleben lassen – aber uns ist es wichtig, gewisse Dinge richtig zu stellen. Es sind auch über die Tageszeitung so viel Unwahrheiten verbreitet worden, seitdem die Geschichte bereits 2006 anfing. Doch bis heute warten wir auf eine Klarstellung seitens des Rates.“

Um hier Klarheit zu erlangen, so ihr Bruder und ehemaliger Botschafter Otto-Raban Heinichen, hat die Familie bewusst nicht irgendeinen Historiker mit einer Gegendarstellung beauftragt, sondern das international anerkannte Institut für Zeitgeschichte, quasi die „höchste Instanz“ in diesem Bereich, um ein Gutachten gebeten. .

Auszüge: „Er (Strebel) bezeichnet seinen Eindruck von Heinichens Amtsführung als in hohem Maße pedantisch (S. 61), ohne dies weiter zu belegen, und zählt ihn zu den „schwer Belasteten“ (S. 63). Gerade das letztere Urteil gibt noch nicht einmal die durchaus nicht unvoreingenommen Auswertung und Auslegung des Quellenmaterials her, auf das sich der Autor bezieht…

Diese Akzentverschiebungen sind typisch für eine durchgehende Tendenz im Gutachten, das offensichtlich nicht von der Unschulds-, sondern der Schuldvermutung ausgeht. Fast alle darin vorgenommenen Wertungen lösen bei näherer Betrachtung Widerspruch aus.“

Das Fazit: „Wilhelm Heinichen war weder ein Widerständler noch ein Nationalsozialist. Seine Amtsführung zwischen 1933 und 1945 bietet keine Hinweise auf innere Nähe zum Nationalsozialismus, vielmehr spricht aus den Akten eine Distanz, wie sie das „sachliche“, also vermeintlich unpolitische Ideal preußischer Verwaltungstradition kennzeichnet. Ein ausführendes Organ eines verbrecherischen Staates macht sich in Ausübung von Dienstpflichten notwenig zum Handlanger des Regimes. Heinichen hat sich dem NS-Regime nicht angebiedert, sondern unauffällig sein Amt versehen.“

Wir veröffentlichen das Gutachten im Original, wie gewohnt ungekürzt und unkommentiert:

Gutachten-Heinichen-IFZ

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