Otto Haeslers Zeilensiedlungen in Celle (Georgsgarten und Blumläger Feld) gelten als der spezifischste Beitrag seinerseits zum “Internationalen Stil” in Deutschland. Claus Schlaberg fragt sich, was Haesler zu deren Formen und Gestaltungsweisen motivierte? Wir geben seine Antwort ungekürzt und unkommentiert wieder:

“Architektur dieser Art ist immer wieder als „funktionalistisch“ beschrieben worden. Dabei besteht bislang kein Konsens darüber, wie der bekannte Slogan „Form follows function“ (Louis Sullivan) zu interpretieren ist. Zum einen lasse Zweckerfüllung in der Regel einen Spielraum. Zum anderen verraten viele Phänomene des ‚Internationalen Stils’, sowohl der zu ihm gehörenden Werke als auch der Propaganda aus seinem Umfeld, ästhetische Motive. Kostenersparnis war nur ein Faktor, der zum Beispiel für die Siedlung Blumläger Feld in Celle eine große Rolle spielte, für die Vorliebe sehr wohlhabender Auftraggeber für den ‚Internationalen Stil’ jedoch keine plausible Erklärung bietet.

Fotomontage aus Das neue FrankfurtIn einer Fotomontage (Abbildung) setzte eines der wichtigsten Sprachrohre des ‚Internationalen Stils’, die Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“, im Jahre 1926 merkwürdig unvermittelt den Slogan „Zeichen der Zeit. Aufmarsch von Sportlern“ mit einer Abbildung einer Gruppe im Gleichschritt marschierender junger Männer mit nackten Oberkörpern über Bilder, die Stilmöbel und ein ‚gotisches Zimmer’ modernen Möbeln aus Schweden und den USA gegenüberstellen. Dazu heißt es: „Was haben diese Möbelformen mit uns gemeinsam? Nichts! In ihrem Schnitzwerk sitzt der Staub überwundener Jahrhunderte!“ (Abbildung: Fotomontage in Das Neue Frankfurt 5, 1926–1927, aus: Neues Bauen Neues Gestalten – Das Neue Frankfurt/die neue stadt. Eine Zeitschrift zwischen 1926 und 1933. Ausgew. und eingeleitet von Heinz Hirdina, Dresden u. Berlin: Verlag der Kunst. 1984). Derartige Beiträge legen vage programmatische Motive, verbunden mit sehr viel Pathos, nahe.”

Haesler Blumlaeger FeldIn einer neuen Veröffentlichung hebt Claus Schlaberg, der eine Wohnung im zweiten Bauabschnitt (Abbildung) der Siedlung Blumläger Feld bewohnt (Führungen: http://otto-haesler.schlaberg.net/otto_haesler_fuehrungen_faltblatt_online.pdf), ästhetische Motive des Siedlungsarchitekten Haesler hervor. Zudem widerspricht er verbreiteten Handlungszielen eines ‚denkmalgerechten’ Umgangs mit Werken des ‚Internationalen Stils’, denen gemäß (zumindest äußerlich) vor allem ‚Originalzustände’ wiederhergestellt werden sollten. Angesichts der modischen Retromoderne wirkt ‚bauhausstil’ heute ganz anders als vor achtzig Jahren. ‚Villen im Bauhausstil’ gehören zurzeit zum normalen Angebot vieler Einfamilienhausanbieter.

Der Aufsatz diskutiert sowohl Motive von Gestaltungsweisen des ‚Internationalen Stils’ als auch Begründungen einiger denkmalpflegerischer Handlungsweisen. Er trägt den Titel Zum denkmalgerechten Umgang mit der gealterten Rhetorik des Neuseins in Bauwerken der Klassischen Moderne: das Beispiel der Siedlung Blumläger Feld von Otto Haesler in Celle und erscheint in der Zeitschrift für Semiotik (Band 34, Heft 3-4, 2012): http://www.stauffenburg.de/asp/books.asp?id=21

Außerdem ist vorgesehen, dass Sonderdrucke bei Claus Schlaberg (05141 – 2781462) erworben werden können.

Foto: Roland Posner, TU Berlin

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