„Ungesühnt – Verschwiegen – Ein Heimatbild“ – Ausstellung in der „Kultur Trif(f)t“

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Do., 15.04.2021 - 08:50

CELLE. Die Stadtgesellschaft schwieg 40 Jahre lang über die Ereignisse, die sich unauslöschlich eingebrannt hatten in das Gedächtnis von Peter Barth. Er war am 8. April 1945 sechs Jahre alt, ein strahlend schöner Frühlingstag. Der kleine Junge wohnte in der Itagstraße, unweit des Bahnhofs. Kurz nach 18 Uhr trafen die Bomben der amerikanischen Alliierten den Güterbahnhof, die Eltern schickten den Jungen hinaus. „Das war damals nicht unüblich“, erläutert die Kunsthistorikerin Meggie Hönig, „Kinder wurden geschickt, um alles Mögliche zu erledigen.“ Mit den Bildern, die ihren Sohn draußen erwarteten, werden sie nicht gerechnet haben. Die Gleise waren übersät von Leichen. „Es sitzt tief in ihm“, berichtet Hönig, „man spürt es, wenn man mit ihm spricht. Der Junge ist herumgerannt auf den Gleisen und hat den Tod gesehen.“

Peter Barth ist heute 82 Jahre alt und lebt im Landkreis Reutlingen, geboren und aufgewachsen ist er in Celle. Zur Eröffnung der Ausstellung „Ungesühnt – Verschwiegen – Ein Heimatbild“, die seine gleichnamige Installation in der „Kultur Trif(f)t“ zeigt, ist er Corona-bedingt nicht angereist. Die Celler Kunsthistorikerin Meggie Hönig hat die Aufgabe übernommen, einzuführen in die Thematik.

Es war ein Tabubruch, als die Geschehnisse vom 8./9. April 1945 in den 1980er Jahren öffentlich gemacht wurden. 40 Jahre lag Schweigen über der Menschenjagd auf Überlebende des Bombardements, bei dem auch ein Zug vollbesetzt mit 4000 Häftlingen getroffen worden war. Etwa die Hälfte starb, ein großer Teil der Überlebenden floh in Schrebergärten, Wohnhäuser und ins nahe gelegene Waldgebiet Neustädter Holz. „Verzweifelt baten sie um Wasser und Essbares“, schildert Hönig. Vergeblich. Es wurde bis zum Mittag des folgenden Tages Jagd auf sie gemacht, an der sich auch Mitglieder des Volkssturms, der Hitlerjugend, der Feuerwehr und auch Zivilisten beteiligten. Mindestens 170 Menschen wurden ermordet.

Peter Barth hat ihnen und den anderen Opfern, die er liegen sah auf den Gleisen, mehr als nur ein Gesicht gegeben. Er lässt sie – 170 an der Zahl, angeordnet hinter Birkenstämmen - in den Dialog treten mit ihren Betrachtern. Die Portraits sind keinen realen Personen nachempfunden, Barth hat mittels einer speziellen Druckgraphik Individuen geschaffen, einziges gemeinsames Merkmal ist die gestreifte Kleidung. Als Kind hielt er sie für Schlafanzüge.

Peter Barths Bruder, Jochen, der noch in Celle lebt, hat die Aufgabe übernommen, die Installation aufzubauen, was Zeit und Sorgfalt beanspruchte, denn der studierte Sonderpädagoge und Künstler Peter Barth hat ein aufwändiges Werk erstellt. Die Baumstämme erwachsen aus der „Lethe“, einem der Flüsse der Unterwelt der griechischen Mythologie. „Lethe“ bedeutet „das Vergessen“, diesem wollte und musste er die Opfer entreißen als einen Prozess der Verarbeitung des Erlebten, zu dem das Schweigen der Erwachsenen gehörte. Das Kind spürte, da war etwas Furchtbares geschehen, aber mit ihm wurde nicht darüber gesprochen, auch dieses unmittelbare Schweigen hat ihn innerlich bewegt. Doch er blieb allein mit dem Empfinden. Womöglich hat er etwas von diesen Emotionen hineingelegt in den Ausdruck der Gesichter. Manche Münder sind weit aufgerissen, als wollten sie schreien oder aber erzählen, was ihnen widerfahren ist oder mahnen…

Meggie Hönig hat sich intensiv beschäftigt mit dem Werk und den geschichtlichen Hintergründen, Lucas Rosenbaum vom „Kanal 29“ sprach mit ihr im Rahmen der Zusammenarbeit mit „Kultur Trif(f)t“ und hielt fest auf Video als Spezial der viel geklickten Reihe „Stadtgeschichten“. Es ist abzurufen unter youtube.com/kanal29.de oder www.kulturtrifft.de. Viele prägnante Sätze sind zu hören, einer lautet: „Peter Barths Installation rüttelt wach!“