„Wenn die Weltgeschichte um die Ecke kommt“

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Di., 13.04.2021 - 21:12

CELLE. Die wäre wohl im Keller des Stadtarchivs verstaubt, mutmaßt die Vorsitzende des Vereins „Kultur Trif(f)“, Sabine Schöllchen. Eine verpasste Chance hätte man dieses nennen können, fügt sich die Ausstellung „Jüdisches Leben in Celle nach 1945“ doch mehr als passend ein in das aktuelle Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, am 15. April 2005, konzipierte eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitgliedern der Gedenkstätte Bergen-Belsen, des Kreisarchivs, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sowie der jüdischen Gemeinde, unter Leitung des Celler Stadtarchivs eine Schau, die einen bis zu diesem Zeitpunkt weißen Fleck in der Geschichtsschreibung der Stadt füllte. „Wir haben auch Zeitzeugen aufgerufen, uns zu erzählen, wie sie sich an diese Jahre erinnern“, berichtet die damalige Chefin des Stadtarchivs, Sabine Maehnert.

Die Neuauflage geht zurück auf die Initiative der noch sehr jungen „Kultur Trif(f)t“ und bietet sogar noch mehr als damals, denn sie ist ergänzt worden um die Errungenschaften der digitalen Technik. In diesem Fall ist es nicht so, dass die Corona-Regeln einschränken, weil sie einen Live-Besuch vereiteln, vielmehr erweitern sie den Erkenntnisgewinn und konservieren für die Ewigkeit. „Kultur Trif(f)t“ gewann als Partner das Celler Medium, das seine Entstehung der Pandemie verdankt. Lucas Rosenbaum und Maximilian Mund riefen im Frühjahr des vergangenen Jahres den Streaming-„Kanal 29“ ins Leben, und dieser zeichnet sich seither auch durch seine Beiträge zur „Stadtgeschichte“ aus, in denen Experten zu unterschiedlichen Ereignissen der lokalen Vergangenheit Rede und Antwort stehen. Kaum einer ist für das Thema „Jüdisches Leben nach 1945“ geeigneter als der stellvertretende Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Dr. Thomas Rahe, verfasste er doch den Katalog zur Ausstellung und ist mit den Geschehnissen so vertraut wie kein Zweiter. Lucas Rosenbaum lud ihn ein in die Räume der „Kultur Trif(f)t“, bat ihn um Erläuterungen zu jeder einzelnen Tafel mit Fotos und Schrift und hakte ggf. nach. So entstand ein Panorama, das diese außergewöhnliche Episode in der Historie der Stadt ebenso lebendig wie informativ vor Augen führt. Rahe umreißt diese Nachkriegsjahre im Vorfeld der Aufzeichnung mit den Worten: „Wenn die Weltgeschichte um die Ecke kommt“. Die Herzogstadt beherbergte die größte jüdische Gemeinde im Nachkriegsdeutschland, die ausschließlich von jüdischen Displaced Persons (DPs) gegründet und organisiert wurde.

Mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen war Celle durch die Befreiung Bergen-Belsens zu einem Schmelztiegel unterschiedlicher Nationen geworden. Seinen ersten Stadtrundgang nach der Haft beschreibt Paul Trepmann mit den Worten: „…es gibt jede Menge Leben in der Stadt. Die Straßen sind voll mit ehemaligen KZ-Häftlingen. Es herrscht ein wahrhaft babylonisches Sprachgewirr. Hitler hat Menschen aus ganz Europa in seine Konzentrationslager gebracht. Nun sind die Lager geöffnet worden und die deutschen Städte werden mit Fremden überflutet. Die Gefangenen gehen erhobenen Hauptes, besonders die Juden…“ Nicht alle ehemaligen Häftlinge wollten in dem von den Briten eingerichteten „Displaced Persons Camp“ unweit des früheren Lagers auf dem Truppenübungsplatz Bergen bleiben. Manche begaben sich sehr schnell zurück in ihr Heimatland. Andere, vorzugsweise Menschen aus Osteuropa, waren zur Überraschung der Alliierten nicht bereit, zurückzugehen in ihre Herkunftsländer. Es mussten Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden, und als solche boten sich die 25 Kasernenbauten in der Herzogstadt an. Doch auch mit einer Kaserne als Quartier wollten sich manche Überlebende des Grauens der nationalsozialistischen Herrschaft nicht abfinden. Sie suchten sich auf eigene Faust Unterkünfte. Angesichts der Ereignisse des 8./9. April 1945, des „Massakers von Celle“, in dessen Verlauf auch Zivilisten Jagd auf KZ-Häftlinge gemacht hatten, klingt es fast unglaublich, wenn Thomas Rahe berichtet: „Sie klingelten an der Tür und sagten ‚wir brauchen ein Zimmer‘“. Häufig erhielten sie auch eines. Der Wohnraum wurde damals bereits bewirtschaftet, wer über mehr verfügte, als ihm zustand, musste etwas abgeben. Lange blieben die ehemaligen Gefangenen noch erkennbar an ihrer gestreiften Kleidung, es brauchte Zeit, bis alle neu ausgestattet waren. Die Deutschen hatten Angst vor den befreiten Menschen, die nun DPs waren, berichtet Paul Trepmann in seinem Tagebuch. An den Schlangen vor den Bäckereien konnten sie vorbeigehen, ihnen wurde Brot ausgehändigt. Es gab drei koschere Restaurants in der City, regelmäßig fuhr als Verkehrslinie ein Lastwagen vom Vorplatz der Synagoge aus Richtung DP-Camp in Bergen. Schnell entwickelte sich eine neue jüdische Gemeinde, die in keiner Kontinuität zu derjenigen vor dem Zweiten Weltkrieg stand. Mit 500 Mitgliedern war sie die größte, die es je in Celle gab. Unerwähnt lässt die Schau die frühere Gemeinde jedoch nicht, die Pogromnacht wird ebenso geschildert wie ehemalige jüdische Celler zu Wort kommen, die zurückkehrten, entweder zu Besuch oder für immer. „Biographien“ sind diese Tafeln überschrieben, eine andere zeigt Hochzeiten und Feste nach Kriegsende. „Es gab viele Überlebende, die damals in der Synagoge geheiratet haben. Sie wollten schnell das Geschehene vergessen. Viele hatten all ihre Angehörigen verloren, sie sehnten sich nach Familie“, berichtet Sabine Maehnert. Manche Autoren sprechen von existierenden Parallelwelten - auf der einen Seite die Einheimischen, auf der anderen die Displaced Persons. Doch die Befragung der Zeitzeugen vor 15 Jahren ergab: „Es entstanden auch Freundschaften“, erzählt Projektleiterin Maehnert. Der Begegnung dieser beiden so unterschiedlichen Gruppen ist ein Themenblock von insgesamt rund 30 weiteren gewidmet mit Überschriften wie „Bergen-Belsen Trial“, „Medizinische Versorgung der jüd. DPs“, „Auswanderung war das Ziel“ oder „Kantoren und Schächter“. Alle Häuser, in denen Juden und Nichtjuden gemeinsam wohnten, sind abgebildet, etliche Zitate aufgelistet.

Die Ausstellung gewährt mit dieser facettenreicher Darstellung Einblick in ein einzigartiges Kapitel der lokalen Historie, das mit der Emigration des größten Teils der DPs nach Israel, in die USA oder andere Länder Anfang der 1950er Jahre zu Ende ging.

Die Ergebnisse der damaligen Arbeitsgruppe sind unter dem Motto „Kultur Trif(f)t“ „Kanal 29“ und dank der Förderung des „Vereins 321-2021: 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ sowie des Bundesinnenministeriums zu einem lebendigen Stück Stadtgeschichte geworden - abzurufen vom offiziellen Eröffnungstag, dem 15. April 2021, an unter www.youtube.com/kanal29.de oder www.kulturtrifft.de.