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Celle

Frauen als Opfer des Islamischen Staats – Frauenring zeigt Ausstellungen im Neuen Rathaus

17.01.2019 - 13:15 Uhr     CELLEHEUTE    0
Fotos: Peter Müller

CELLE. „Über Leben –  Vom Islamischen Staat verschleppte Ezidinnen sprechen“ und „Alte Heimat, Neue Heimat – Vom Islamischen Staat Geflohene in Celle sprechen“. Unter diesen Überschriften sind seit gestern zwei Ausstellungen im Foyer des Neuen Rathauses zu sehen. Sie wurden organisiert vom Deutschen Frauenring, Ortsring Celle, und unterstützt durch den Kirchenkreis Celle, Hêvî e.V., die Gleichstellungsbeauftragten von Stadt und Landkreis Celle, den Freundschaftsverein Celle, die Concordia Gemeinde, Atelier 22 e.V., das Ezidische Kulturzentrum in Celle und Umgebung, die Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Celle, Wome und SV Dicle e.V. Beide Ausstellungen werden bis zum 13. Februar 2019 zu den üblichen Öffnungszeiten des Neuen Rathauses zu sehen sein.



Zur Eröffnung sprachen unter anderem Hannelore Fudeus als Vorsitzende des Deutschen Frauenringes, Ortsring Celle, Bürgermeisterin Iris Fiss, Karsten Willemer, 2. Stellvertreter der Superintendentin im Kirchenkreis Celle und Georgia Langhans als Präsidiumsmitglied des Bundesverband des Deutschen Frauenrings ein Grußwort.

Grußwort von Hannelore Fudeus:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des Deutschen Frauenrings, Ortsring Celle, begrüße ich Sie ganz herzlich zur Eröffnung der Wanderausstellung Über Leben und der Ausstellung Alte Heimat – Neue Heimat. Ich danke Frau Bürgermeisterin Fiss, Herrn stellvertretendem Superintendenten Willemer vom Kirchenkreis, Georgia Langhans vom Präsidium des DFR, Sevda Ediz von Women of Justice sowie als Vertreterin der Opfer Nedja, die anschließend noch Grußworte sprechen werden, sowie den Unterstützerinnen und Unterstützer unserer Ausstellung aus den verschiedenen Organisationen. Von der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Celle überbringe ich Ihnen herzliche Grüße, aus privaten Gründen kann sie leider nicht hier sein. Weiterhin begrüße ich die Damen und Herren der Presse. Ich danke ganz herzlich dem Team, welches die Ausstellungen hier vor Ort vorbereitet und heute aufgebaut hat.

Die Ursache unserer Ausstellungen ist wieder, leider wieder einmal, eine kriegerische Auseinandersetzung, in der Frauen nur als Sache und menschliche Verfügungsmasse gesehen werden und nicht als gleichberechtigte Bürger. Seit der Frühzeit der Menschen bis ins späte 20. Jahrhundert wurde immer wieder im Nachhinein diese Vorgehensweise beklagt. Auch jetzt im 21. Jahrhunderts ist dies vor viereinhalb Jahren in gewaltigem Umfang im Sinjar-Gebirge im Nordirak geschehen – dieses Mal verübt durch die Terrormilizen des sogenannten IS, überwiegend an an ezidischen Frauen und Mädchen, die verschleppt, misshandelt, missbraucht und versklavt wurden im Wesentlichen aus dem Grund, dass sie Frauen und das sie ezidischen Glaubens waren. Diese Handlungsweise verstößt gegen die Menschenrechte und gegen jedes menschliche Gefühl. Aber diese Frauen sind heute selbstbewusster als nach früheren Kriegen. Und sie wollen, dass die Männer, die so furchtbare Taten begangen haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Frauen wollen nicht Rache; aber sie wollen Gerechtigkeit und das Recht, in Zukunft selbstbestimmt ihre Menschenrechte zu leben. Nadja Murat, die 2018 den Friedensnobelpreis erhalten hat, ist eine dieser Frauen. Auch wir werden heute Abend eine Überlebende hier hören. Diese Frauen, die ihre Geschiche veröffentlichen, begeben sich durchaus in Gefahr und es ist auch an uns, sie zu schützen.

Die Wanderausstellung „Über Leben“ des Bundesverbandes des Deutschen Frauenrings und der Plattform für verschleppte Frauen wurde unterstützt durch Un Women und beinhaltet Interviews mit ezidischen Frauen im Nordirak, Nordsyrien und innerhalb Deutschlands in Baden-Württemberg. Die Ausstellung Alte Heimat – Neue Heimat hat mit Unterstützung des Bundesprogrammes ‚Demokratie leben‘ dieses Thema auf den Raum Celle heruntergebrochen und Frauen im hiesigen Raum zu ihren Erfahrungen befragt.

Lassen Sie die Berichte der Frauen auf sich wirken. Nehmen Sie sich Zeit. Leichte Kost servieren wir Ihnen heute definitiv nicht. Aber wir freuen uns, wenn Sie zu Multiplikatoren werden, um Selbstbestimmung, Glaubensfreiheit und damit Menschenrechte  zu unterstützen. Sie beginnen mit der Stellwand vorne links, arbeiten sich die linke Seite beidseitig entlang und enden dann an der Stellwand vorne rechts. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit“

 

Grußwort von Iris Fiss:

„Sehr geehrte Hannelore Fudeus, liebe Susanne McDowell als zuständige Dezernentin, liebe Mitglieder des Deutschen Frauenrings, sehr geehrte Gäste, aber auch ganz besonders liebe betroffene Frauen die heute hier auch mit dabei sind.
Es ist mir eine große Ehre, heute unseren Oberbürgermeister Dr. Nigge vertreten zu dürfen und als Bürgermeisterin der Stadt Celle die Grüße, aber vor allen Dingen auch die besten Wünsche von Rat und Verwaltung zu überbringen. Wir eröffnen heute Abend ja zwei Ausstellungen. Einmal die Wanderausstellung „Über Leben“ und die Ausstellung „Alte Heimat – Neue Heimat“.

Die Wanderausstellung „Über Leben“ wurde seit November 2018 im Deutschen Frauenmuseum in Bonn erstmals gezeigt. Celle ist nun der erste Standort nach Bonn der diese Ausstellung von heute bis zum 14.02.2019 der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Dokumentationen von Interviews, Berichte und Fotos von Frauen, die der Terrororganisation IS ausgeliefert waren und von ihr verschleppt, misshandelt, verkauft und versklavt wurden. Die meisten dieser Frauen waren Ezidinnen. Manche von ihnen konnten fliehen oder sich befreien, wie z.B. die aktuelle Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murat. Viele von ihnen mussten aber auch qualvoll sterben.

Der Bundesverband des Deutschen Frauenrings und die Plattform für verschleppte Frauen haben mit der Unterstützung von UN Women einige dieser überlebenden Frauen aus dem Irak und aus Syrien hier in Deutschland interviewt und Sie alle können in dieser Ausstellung sehen, wie die Frauen es geschafft haben zu überleben, bzw. über das Leben, dass sie zu diesem Zeitpunkt gelebt haben.

Wichtig ist, dass die Öffentlichkeit informiert wird, was seit ca. fünf Jahren alles an Grausamkeiten dort passiert und dass die Täter bestraft und gestoppt werden müssen. Deshalb nochmal mein Dank an die Frauen, die sich zur Wehr setzen und durch ihre Berichte und Schilderungen dazu beitragen diesen Wahnsinn und diese Grausamkeiten hoffentlich zu beenden.

Die zweite Ausstellung „Alte Heimat-neue Heimat“ bricht das Thema direkt auf den Raum Celle herunter. Mit Unterstützung von „Demokratie leben“ entstanden hier Berichte und Fotos von Frauen die über ihre alte Heimat und die Zustände dort erzählen und wie sie hier in Celle hoffentlich eine neue friedlichere Heimat gefunden haben. Ich hoffe, dass viele Menschen diese beiden Ausstellungen besuchen werden und dass diese dazu beitragen werden, mehr Verständnis für das Trauma vieler Flüchtlinge zu haben.

Nochmal ein Dankeschön an den Deutschen Frauenring, dass sie die Ausstellung „Über Leben“ nach Celle geholt haben und an alle die, die diese beiden Ausstellungen unterstützen und sei es „nur“ durch Solidarität oder einfach Mut machen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

 

Grußwort von Karsten Willemer:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich spreche hier im Namen des ev.-luth. Kirchenkreises Celle und grüße Sie zu Beginn ganz herzlich von unserer Superintendentin Dr. Andrea Burgk-Lempart. Sie befindet sich zurzeit auf einer ökumenischen Tagung und hat mich gebeten, an ihrer Stelle ein Grußwort zu sprechen. Wir sind als Kirchenkreis den Initiatorinnen der Ausstellung sehr dankbar, dass Sie uns eingeladen haben, die beiden Ausstellungen zu unterstützen. Gerne sind wir der Einladung gefolgt.

Die Arbeit mit geflüchteten Menschen ist uns seit vielen Jahren wichtig. Es gibt zahlreiche Initiativen in den Kirchengemeinden, die eine Begegnung fördern. Es gibt Beratungs- und Unterstützungsangebote auf der Ebene des Kirchenkreises. Das alles ist kein Zufall. Die Erfahrung von Flucht und die Hoffnung auf Befreiung aus Strukturen von Gewalt sind uns als Teil der Geburtsgeschichte unseres christlichen Glaubens überliefert. Und so ist die Arbeit mit und für Geflüchtete von Anfang an Teil unseres kirchlichen Auftrages – gerade auch hier in Celle mit den Erfahrungen, die die Menschen in der Folge des zweiten Weltkriegs gemacht haben.

Heute geht es um Frauen, die Gewalt erfahren haben, weil sie Frauen sind. Weil sie Ezidinnen sind. Es ist schrecklich, dass es das heute noch gibt! Die Ausstellungen sind, soweit ich das nach der Lektüre des Katalogs sagen kann, keine leichte Kost. Sie zeigen erschreckend deutlich die Unmenschlichkeit, zu der Menschen leider fähig sind.

Sie zeigen aber auch die Menschlichkeit, die sich die Frauen und Mädchen bewahrt haben, die unter der unmenschlichen Gewalt zu leiden hatten – und auch heute noch leiden. Denn die Spuren der Gewalterfahrungen verschwinden ja nicht so leicht. Es bleiben Narben auf der Seele zurück.

Aus der Notfallseelsorge wissen wir: Es kann helfen, über traumatische Erfahrungen zu sprechen. Insofern hoffe ich, dass das Aussprechen des Erlebten für die betroffenen Frauen selbst hilfreich ist. Uns hier in Celle bieten die Erfahrungen, Hoffnungen und Sehnsüchte, die hier dokumentiert sind, die Möglichkeit zur menschlichen Begegnung. Und darum geht es: Dass wir uns als Menschen wahrnehmen und begegnen. Dass wir uns einander zuhören und uns erzählen, von dem, was uns bewegt. Nur wer sich kennt, kann sich verstehen.

Ich wünsche den beiden Ausstellungen viele interessierte Besucherinnen und Besucher, hier in Celle und auch an den nachfolgenden Ausstellungsorten. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

 

Grußwort von Georgia Langhans:

„Guten Abend meine Damen und Herren, ich darf Sie ganz herzlich zur Eröffnung der beiden Ausstellungen ‚Über Leben‘ und  ‚Alte Heimat- Neue Heimat‘ begrüßen. Mein Name ist Georgia Langhans und ich vertrete hier als Präsidiumsmitglied den Bundesverband des Deutschen Frauenrings

Der DFR hat zusammen mit Women for Justice und UN–Women nationales Komitee Deutschland das ‚Über Leben‘ von Ezidinnen dokumentiert und die Ausstellung finanziert. Da auch Leyla Ferman sich in dieser Arbeit engagiert hat, entstand in Celle folgerichtig die Ausstellung ‚Alte Heimat- Neue Heimat‘. Folgerichtig deshalb, weil hier nicht nur der Blick in die Vergangenheit gerichtet ist, sondern auch die Gegenwart wahrgenommen wird. Alte Heimat- Neue Heimat wurde unterstützt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „ Demokratie Leben“ und organisiert vom Frauenring, Ortsring Celle, und den ezidischen Frauen.

Im August 2014 begann der anhaltende Genozid des sogenannten IS in Sinjar im Irak gegen die Eziden. 400000 Menschen mussten in kürzester Zeit alles zurücklassen, zehntausende bangten tagelang in glühender Hitze um ihr Leben, bis sie von kurdischen Einheiten der YPG aus Rojava über einen Korridor nach Rojava gerettet werden konnten. 6000 Eziden, vor allem Frauen und Kinder, wurden verschleppt, vergewaltigt, verkauft und versklavt. Einige konnten fliehen. Stellvertretend für ezidischen Frauen möchte ich an dieser Stelle die Friedensnobelpreisträgerin Nadja Murad Basee Taha aus ihrer Rede bei der Eröffnung der UN – Generalversammlung im September 2018 zitieren: ‚Wir müssen dem Krieg ein Ende bereiten. Wir müssen all diese Täter von Genozidverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht stellen..  und weiter, Die Welt hat nur eine Grenze: Menschlichkeit. Stellen sie die Menschlichkeit an erste Stelle‘ Zitat Ende.

Ca. 100 000 Menschen sind inzwischen nach Sinjar zurückgekehrt. Der größte Teil lebt heute noch als Flüchtling in unterschiedlichen Ländern. Unter anderem hier in Deutschland, in Baden-Württemberg und in Niedersachsen. Auch Celle hat einige Frauen mit ihren Kindern aufgenommen.

Für das „Über Leben“ der Ezidinnen in Sinjar will diese Ausstellung eintreten. Zwölf Frauen haben den Mut aufgebracht, über ihre Demütigungen, ihr Leid, zugefügt durch die menschenverachtende Gewalt des sogenannten IS , zu berichten. Mit dem Willen, nicht zu schweigen, haben Sie eine unglaubliche Stärke bewiesen. Sie sind voller Hoffnung auf Gerechtigkeit, denn für Gewalt gegen Frauen im Kontext bewaffneter Konflikte darf es keine Straffreiheit geben. Der Femizid soll nach dem Römischen Statut des internationalen Gerichtshof geahndet werden. Die internationale Gemeinschaft muss die Garantie der ungeteilten Frauen- und Menschenrechte  Und den Erhalt des Friedens für Eziden endlich geltend machen. Auch hierfür steht diese Ausstellung. Sie soll aufklären und informieren. Sie soll Verständnis wecken, gegen das Vergessen angehen und Mitstreiterinnen gewinnen, diese Verbrechen zu ahnden. Welche Auswirkungen das erfahrene Leid der Ezidinnen in ihrem heutigen Leben, fernab ihrer Heimat haben, wird in der Ausstellung „Alte Heimat- Neue Heimat“ deutlich.

Bevor ich jetzt zum Schluss komme, möchte ich noch stellvertretend für alle Frauen, die sich um die Realisierung beider Ausstellungen verdient gemacht haben, Leyla Ferman und Hannelore Fudeus danken , denen es gelungen ist, trotz zahlreicher widriger Umstände heute hier beide Ausstellungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Nicht zu vergessen den Dank an die Stadt Celle, die uns das Foyer des Rathauses zu Verfügung gestellt hat.  Ich wünsche dieser Ausstellung viele BesucherInnen , neue Erkenntnisse, Solidarität für die Forderung nach Gerechtigkeit und offene Herzen für die Stärke ezidischer Frauen.“





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