„Attraktivstes Areal in Stadtlage“ - Aus Grünflächenamt wird Wohnquartier

Politik Von Anke Schlicht | am So., 12.07.2020 - 16:33

CELLE. Jahre wurde sondiert, debattiert und gerungen. Die Wellen schlugen hoch bei Politik und Verwaltung anlässlich der Frage, wo der völlig marode städtische Bauhof, in den jahrelang nichts mehr investiert worden war, gemeinsam mit dem Grünflächenamt ein neues Domizil bekommen solle.

So turbulent und langwierig die Entscheidungsfindung, so still und leise vollzog sich der Start des Projektes mit einem ursprünglichen Investitionsvolumen von 12,16 Millionen Euro auf dem Areal der Hohen Wende. Ein wenig bizarr mutet die Antwort der Stadt auf die entsprechende CH-Frage an: „Der Baubeginn war im Februar, auf eine Grundsteinlegung musste corona-bedingt verzichtet werden“. Nicht nur, weil derlei Auftaktspatenstiche üblicherweise mit einer überschaubaren Zahl von Personen und naturgemäß auch im Winter im Freien stattfinden, sondern auch weil zu diesem Zeitpunkt von Absagen wegen Virengefahr noch keine Rede war. Bestes Beispiel ist der Besuch des Kultusministers Grant Hendrik Tonne am 6. März in der Ikarus-Grundschule in Lachendorf, dicht an dicht drängten sich die offiziellen Vertreter auf dem Foto – Kinder inklusive. Erst eine Woche später, am 12. März, starteten die corona-bedingten Vorsichtsmaßnahmen. Für die Bauarbeiter auf dem früheren Militärgelände spielten diese anschließend offenbar auch nicht die geringste Rolle, denn am 1. Juli verkündete der Fachbereichsleiter für Verkehr und technische Dienste, Jens Hanssen, im Finanzausschuss: „Der Rohbau ist fast fertig. Wir wären froh, wenn wir das Projekt bis zum Jahreswechsel 2020/21 zum Ende bringen.“ Und eine weitere Nachricht hatte Hanssen im Gepäck: „Die Kosten erhöhen sich um 2,26 Millionen Euro. Der Hochbau schießt derzeit mit den Preisen in die Höhe“, begründete der Fachbereichsleiter die Steigerung der Baukosten, die sich laut Auskunft der Pressestelle mittlerweile auf circa 14 Millionen Euro belaufen.

Auch in der jüngsten Stadtratssitzung wurde diese Ausweitung des Finanzvolumens im Rahmen der Genehmigung des Nachtragshaushaltes von einzelnen Ratsmitgliedern mahnend angeführt. Stadtbaurat Ulrich Kinder wies indes ausdrücklich in Beantwortung einer Einwohnerfrage darauf hin, dass Bestandsbauten des Kasernenareals Wiederverwendung fänden. Dieses ist Teil der 2017 vom Stadtparlament getroffenen Entscheidung, das Grünflächenamt und den Bauhof nicht an seinem bisherigen Standort in der Neuenhäusener Straße, sondern auf dem Kasernengelände an der Hohen Wende unter Einbeziehung der Bestandsbauten zusammenzuführen. Es wurden jedoch mit der nach Stadtangaben stark sanierungsbedürftigen Sporthalle und Werkstatt auch Gebäude bereits im März 2019 abgerissen. Weiterhin genutzt werden die drei Fahrzeughallen, die zukünftig den Fuhrpark des Grün- und Friedhofs- sowie des Straßenbetriebes beherbergen sollen. Mit der Entfernung von Trennwänden sowie der Installation von zehn neuen Toren werden sie der neuen Verwendung angepasst. Der Charakter als einstiges Militärareal wird weiterhin zu erkennen sein, denn die Fahrzeughallen umgeben den Exerzierplatz. „Ein weiteres Gebäude am Rande des Exerzierplatzes wird als Lager bestehen bleiben“, teilt Stadtsprecherin, Myriam Meißner mit. Es dominieren jedoch die Neubauten. Derzeit errichtet werden ein Sozial-, ein Verwaltungs- und ein Werkstattgebäude, zeitnah, nämlich im August, sollen diese fertig sein. Im Anschluss folgen die Arbeiten in und an den Bestandsbauten. Die Gesamtmaßnahme wird sich laut Meißner voraussichtlich noch bis zum Sommer/Herbst 2021 hinziehen.

Der Umzug des derzeit an der Lüneburger Straße beheimateten Grünflächenamt sowie des Bauhofes ist hingegen zum Ende des Jahres 2020 vorgesehen. Für das Areal des Bauhofes ist als Nachnutzung eine Gewerbeansiedlung geplant, die Vermarktung erfolgt noch vor dem Standortwechsel. Das innerstädtische gegenüber vom Landessozialgericht gelegene Grünflächenamt wird jedoch zu einem neuen Wohnquartier und erfüllt damit die Ansprüche, die wiederholt von Stadtratsmitgliedern aller Parteien, vorrangig jedoch der AfD, gefordert werden, in den gewachsenen Quartieren zu verdichten und weniger Neubaugebiete an der Peripherie auszuweisen. Stadtbaurat, Ulrich Kinder, meldete sich auf der jüngsten Ratssitzung als Reaktion auf derlei Anwürfe zu Wort und führte eine lange Reihe von Beispielen innerstädtischer Wohnbauprojekte an, darunter das neue Haus in der Kanzleistraße, damit „diese Legende aufhört“, wie Kinder es in direkter Gegenrede zur Kritik von Daniel Biermann (AfD) formulierte. Sollte diese in den Ratsgremien erneut vorgebracht werden, kann die Verwaltung das Gebiet zwischen Lüneburger Straße und Halkettstraße, wo jetzt noch der Grünbetrieb residiert, als weiteres Beispiel anführen. Ein Mix aus allen Wohnformen ist hier geplant, auch geförderter Wohnungsbau und kostengünstiges Wohnen soll möglich sein. In einer vergangenen Bauausschuss-Sitzung hatte Ulrich Kinder die bald frei werdende Fläche als „attraktivstes Areal in Stadtlage“ bezeichnet.