CELLE. Zwei Jahre Stillstand, dann sollte alles ganz schnell gehen – quasi über Nacht hat der Kreisel am Celler Neumarkt nun doch einen Baum erhalten. Mit themengerecht blumigen Worten, ja schwärmerisch, kündigte die Stadtverwaltung erst gestern in einer Pressemitteilung dieses Ereignis an: „In der Staudenmischpflanzung sorgen warme Farben von Gelb über Orange und Rot für ein leuchtendes Feuerwerk über das gesamte Jahr“, ist da zu lesen. So viel Freude über einen Baum – das weckt natürlich unsere vorfrühlingshafte Recherchelust. Und mancher wird sich erinnern: Neumarkt und Bäume – da war doch was? Doch der Reihe nach – die Pressemitteilung geben wir zunächst wie gewohnt unzensiert und unkommentiert wieder:

„Am morgigen Donnerstag, 1. Februar, wird die Firma Haltern und Kaufmann aus Braunschweig den Baum, auf den Kreisel Neumarkt pflanzen. Am Montag erfolgt die Unterpflanzung mit der Staudenmischung, die bereits in den anderen Beeten am Neumarkt erblüht. Dienstag und Mittwoch werden die Arbeiten auf Grund der Gerichtsverhandlungen im OLG ruhen und spätestens zum Ende der Woche abgeschlossen sein. Mit dem Pflanzen des Baumes und der Stauden wird auf Wunsch des Dezernenten die ursprüngliche Planung zur Gestaltung des Neumarktes abgeschlossen.

Die Stadt Celle verfolgt mit dem Pflanzen von Bäumen im Verkehrsraum eine Verbesserung der Luftqualität durch Feinstaubbindung, Fixierung von CO2 und Erhöhung der Sauerstoffproduktion. Neben der Verkehrsführung und Raumgliederung haben Bäume noch die Eigenschaft Schatten zu spenden und sind wie auch die Stauden Lebensraum für eine Vielzahl von Insekten.

Gepflanzt wird ein Schnurbaum, botanisch Sophora japonica „Regent“. Seine Besonderheit ist die späte Blüte, denn diese erscheint erst ab Juli bis August. Fast kein anderer Baum dieser Größe blüht erst so spät. Zudem sind die Blüten voll wertvollem Nektar und ziehen bestäubende Insekten wie Bienen, Hummeln, Falter und Käfer magisch an.

In der Staudenmischpflanzung sorgen warme Farben von Gelb über Orange und Rot für ein leuchtendes Feuerwerk über das gesamte Jahr. Geophyten verfrühen die Blütezeit der Stauden und bringen im Frühjahr Farbe in die Bepflanzung. Die Blätter einiger Gräser nehmen im Spätsommer eine rote Herbstfärbung an. Die Blütenstände einiger Stauden sind auch nach der Blüte im Herbst attraktiv und verleihen der Pflanzung zusammen mit den Gräsern eine interessante Struktur im Winter.“

So weit so gut – auch der kritischste Journalist wird nichts gegen mehr Grün auf unseren Straßen haben. Doch nach den Wirren um Baumpflanzungen Anfang 2016 für 120.000 Euro und der Berichterstattung auf CelleHeute hatte man zunächst auf die Bepflanzung des Kreisels selbst verzichtet. Warum nun die Nacht-und-Nebel-Aktion? Der persönliche „Wunsch des Dezernenten“ (gemeint ist Stadtbaurat Ulrich Kinder) wird wohl kaum Grundlage von weitreichenden und fragwürdigen Entscheidungen sein. Schließlich hatte er schon 2016 durchgesetzt, dass Bäume ausgerechnet dort gepflanzt werden mussten, wo Baumaßnahmen längst beendet waren und deswegen z. B. Rohre verlegt werden mussten.  Darum fragten wir gestern nach:

– Wie sieht die Stadt die Umsetzung der Richtlinie 2008/96/EG des Europäischen Parlaments, nach der Bäume und andere „Kunstwerke“ auf Kreiseln auf Bundesstraßen nichts zu suchen haben? (Das fragten wir übrigens zum dritten Mal)
– Wie sieht die Stadt diese Richtlinien in Bezug auf alle betroffenen Kreiseln im Stadtgebiet?
– Wie viel wird die Bepflanzung am Neumarkt insgesamt kosten?
– Wie teuer würde ein Rückbau, wenn die Richtlinien nachträglich eingehalten werden?
– Warum sind trotz abgeschlossener Baumaßnahme Hehlentorstraße immer noch die Zebrastreifen gesperrt?
– Was ist hier genau geplant und warum?

Auf unsere gestrige Vorab-Berichterstattung in unserer Facebook-Ausgabe reagierte die Stadt sichtlich pikiert: „An alle, die sich hier Sorgen machen: Die Verwaltung verhält sich nicht rechtswidrig. Im Übrigen kostet der vermeintliche ‚Luxusbaum‘ rund 1.000 €. Wir wünschen in diesem Sinne einen entspannten Abend!“

Heute hieß es dann auf alle o.g. Fragen von offizieller Seite lediglich: „Die Bepflanzung des Kreisels entspricht den rechtlichen Vorschriften. Die Kosten liegen im mittleren vierstelligen Bereich. Das ist der durchschnittliche Kosten-Rahmen, der bei solchen Maßnahmen üblich ist.

Die Sperrungen der Überwege während der Sanierung der Hehlentorstraße haben gezeigt, dass der Verkehr flüssiger läuft und damit die Mühlenstraße und im weiteren Verlauf auch die Hannoversche Straße deutlich entlastet wurden. Bis zur Fertigstellung der Gegenläufigkeit des Nordwalls bleibt der Bereich weiterhin temporär gesperrt.“

Wir von CelleHeute wollten uns so einfach nicht abspeisen lassen und fragten erneut, ob das etwa schon alles gewesen sei. Darauf erhielten wir folgende ergänzende Stellungnahme:

„Die Richtlinie schreibt die Einführung und Durchführung von Folgeabschätzungen für die Straßenverkehrssicherheit für Straßen im transeuropäischen Straßennetz vor. Eine verbindliche Anwendungspflicht für innerörtliche Straßen besteht nicht. Gleichwohl werden im Zuständigkeitsbereich der Stadt Celle Folgeabschätzungen zur Verkehrssicherheit durchgeführt. Im Ergebnis ist festzustellen, dass ein Baum in der Kreisinsel unter den gegebenen Randbedingungen (zulässige Geschwindigkeit, Sichtfelder etc.) zu keinem erhöhten Sicherheitsrisiko führt. Auch an den bestehenden Kreisverkehren mit Kunst oder Bäumen gestalteter Mittelinseln im Stadtgebiet hat es in der Vergangenheit keine Unfälle in diesen Bereichen gegeben. Die Kosten für die Bepflanzung betragen ca. 7.500 Euro.“

Wenn eine solche Summe als „mittlerer vierstelliger Betrag“ ausgelegt wird, ist verständlich, dass EU-Richtlinien auf ähnlicher Basis interpretiert werden. Autofahrer und Steuerzahler müssen auch darauf vertrauen, dass natürlich konkrete Messungen durchgeführt wurden, die belegen, dass der Verkehr durch Sperrung der Zebrastreifen an den genannten Stellen flüssiger laufe – schließlich will niemand unterstellen, dass der Baudezernent am Ende seine Entscheidungen auf gefühlte Werte fasst.

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