CELLE. Die Ernst-Schulze-Gesellschaft hatte aus Anlass des 125. Geburtstags des Dichters Hans Fallada ins Kanzleicafé eingeladen. Günther Goldammer las und zahlreiche Zuhörer waren gekommen. Kein Stuhl blieb unbesetzt. Ein Zitat Falladas an der Wand im dortigen „Dichterraum Celle“ lautet: „Ich hätte nie gedacht, dass Romane so sein könnten! Stücke aus dem Leben nämlich, wirkliches Leben (…)“ Und genau so erlebte das Publikum den Vortrag von vier sehr gut ausgewählten Texten: Zuerst „Der Gänsemord von Tütz“, eine Erzählung aus den 30er Jahren, die die Zwänge der feudalen Gesellschaft auf dem Lande aufs Korn nimmt.

Es folgte ein Auszug aus dem berühmten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ (1946), der die Ohnmacht, aber auch moralische Größe des Einzelnen in Hitlers Krieg konkretisiert, und schließlich die wunderbar vielschichtigen Beschreibungen zu Celle und zur eigenen Familie, dargestellt aus der Perspektive von Kindern: „Kaffeetrinken an der Aller“ (1941) und „Lieschens Sieg“ (aus einem Brief).

Günther Goldammer rezitierte nicht nur, in einem großen Rahmen charakterisierte er das höchst problematische Leben des Dichters, indem er die wichtigsten Stationen aufzeigte: Der Sehnsucht nach Liebe, nach einem erfüllten Leben auf dem Land, nach einer Idylle, standen Drogensucht, Kriminalität, Selbstmordabsicht, Tötung des Schulfreunds im abgesprochenen Duell mit aufeinander folgenden Aufenthalten in der Psychiatrie und im Zuchthaus gegenüber.

Dem großen Erzähler gelang aber auch der Welterfolg mit dem Roman „Kleiner Mann – was nun?“, der ihm ein goldenes Jahrzehnt mit seiner Frau Suse auf dem eigenen Gut Carwitz ermöglichte. Goldammer unterstrich: „Falladas Abstürze sind denen des Ikarus vergleichbar. Er war ein Autor der Maßlosigkeit. Das Weiterlesen lohnt auf jeden Fall!“ Und dem stimmte sein Publikum zu, dankbar für diese Wiederbegegnung. Ein Tipp: „Der Trinker“.



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