HERMANNSBURG. Ivan Lefkovitz hat den Holocaust als Kind knapp überlebt und engagiert sich seit einigen Jahren gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen. Kürzlich besuchte der heute in der Schweiz lebende Zeitzeuge das Auditorium des evangelischen Bildungswerkes in Hermannsburg, um mit den Schülern der Geschichtskurse des Christian-Gymnasiums zu sprechen. Dabei ging es nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft.

Zunächst schilderte Lefkovitz seinen Leidensweg, der mit der Flucht aus der Ostslowakei nach Beginn der dortigen Judenverfolgungen seinen Anfang nahm und ihn und seine Familie nach Ungarn und schließlich in die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen führte. Nur seine Mutter und er überlebten die Zeit bis zur Befreiung im April 1945. „Dass wir überlebt haben, war purer Zufall“, so Lefkovitz. Besonders gelitten habe er an dem ständigen Mangel an Nahrung und an dem allmählichen Wegfall der Solidarität der Inhaftierten untereinander: „Es blieben nur noch die Familienmitglieder als Vertraute, ansonsten war sich jeder selbst der Nächste.“ Hinzu sei die unmenschliche Behandlung durch das SS-Personal gekommen. Auch wenn er als sechs- bis achtjähriges Kind die Hintergründe des Terrors nicht verstanden habe, so habe dieser ihn so stark geprägt, dass er noch heute Angst verspüre, wenn er Stiefel sehe, die denen der Wachmannschaften ähneln.

Dieser Bericht mündete in ein Gespräch mit den Schülern, die zahlreiche Fragen an Ivan Lefkovitz hatten. Immer wieder ging es dabei auch um die heutige Zeit, zum Beispiel wollten die Jugendlichen wissen, wie er die gegenwärtige Zunahme von Fremden- und Flüchtlingsfeindlichkeit in Deutschland beurteile, die sich auch in den Wahlergebnissen der AfD niederschlage. „Diese Tendenzen gibt es nicht nur in Deutschland“, so Lefkovitz, „und es ist nicht leicht, solche Menschen zu überzeugen, denen es nicht um die Wahrheit geht, sondern um ihre Dogmen.“ Um so wichtiger sei es, die Erinnerung daran, wohin solches Denken führen kann, wach zu halten, damit diese Kräfte in der Gesellschaft nicht noch stärker werden. Allerdings zeigte sich Lefkovitz skeptisch hinsichtlich der Zukunft. Er selbst habe den Holocaust als Kind erlebt und sei nun auch schon über 80 Jahre alt. Wenn es bald überhaupt keine Zeitzeugen mehr gebe, dafür aber immer mehr Menschen, die das Thema am liebsten aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängt sehen möchten, dann sei es um die Nachhaltigkeit der Erinnerungskultur schlecht bestellt.

Text: Sebastian Salie

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