"Verharmlosung als Strategie": BI nimmt Stellung zu K + S-Vorwürfen

Gesellschaft Von Extern | am Fr., 19.02.2021 - 19:05

WATHLINGEN. Die Bürgerinitiative Umwelt Wathlingen entwerfe hinsichtlich einer Begrünung des Kalibergs "Horrorszenarien abseits aller Fakten" hat das Unternehmen K+S den Bürgern vorgeworfen, die sich vor Ort gegen die geplante Abdeckung des Salzbergs wenden. Die BI nimmt jetzt entsprechend Stellung. Wir veröffentlichen ihr Statement ungekürzt und unkommentiert:

Die BI Umwelt hatte Anfang dieses Jahres die Ergebnisse ihrer gründlichen Recherchen zu den Rüstungsaltlasten, u.a. chemische Kampfstoffe und deren Vorprodukte, im ehemaligen Kalibergwerk Wathlingen in einem ausführlichen Schreiben (vom 03.01.2021) dem Landesbergamt und Wirtschaftsminister Dr. Althusmann als dessen Fachaufsicht zur Kenntnis gegeben. Am 23. Januar haben wir im Wathlingen Boten darüber berichtet. 
Die Firma K+S hat darauf mit einem sogenannten „Faktencheck“ äußerst gereizt und  aggressiv reagiert. Zu diesen angeblichen „Fakten“ (im Folgenden kursiv) nehmen  wir Stellung. Wir fühlen uns seit Gründung der BI uneingeschränkt der Wahrheit  verpflichtet – das ist der Sinn unseres Engagements. So ist es denn auch die Firma  K+S, die vom Landkreis Celle im Erörterungstermin zur geplanten  Kalihaldenabdeckung deutlich dafür kritisiert worden ist, die Wirklichkeit anhand von  Annahmen statt Messungen und genauer Untersuchungen ableiten zu wollen.  

Um allen Interessierten die Möglichkeit zu geben, umfassende  
Hintergrundinformationen zu erhalten und sich selbst ein Bild machen zu können,  haben wir das Schreiben vom 03.01.2021 auf unsere Internetseite www.biuw.de gestellt und nennen hier zu einzelnen Punkten die betreffende Seite in dem  Schreiben. 

„K+S lehnt die Verbringung von Zutrittslösung aus dem Bergwerk Asse nach  Niedersachsen-Riedel ab und wird diese Wässer nicht für die Flutung verwenden.“ 
Aus unserer Sicht ist diese Aussage allenfalls eine unverbindliche Absichtserklärung. Wie glaubwürdig ist sie aber angesichts der Tatsache, dass sich  K+S die Einleitung solcher Wässer in Sehnde hat genehmigen lassen? (Pressemitteilung des LBEG vom 18.07.2018: „Zutrittslösungen aus dem Bergwerk  Asse dürfen zukünftig für die Flutung des stillgelegten Bergwerks Bergmannssegen Hugo genutzt werden“). In Höfer bei Celle hatte K+S solche Wässer in das dortige  Bergwerk auch tatsächlich eingeleitet und noch dazu niedrig strahlenbelastete  Schlämme aus der Rauchgasreinigung (CZ vom 27.05.2016 „Jetzt rauscht der  Schotter in den Schacht“). 

K+S: „Die ehemalige Munitionsanlage befindet sich im Kernbereich des Bergwerkes.  Die Räume haben nachweislich einen Abstand von mindestens 150 Metern zum  Salzstockrand.“ 
In der anliegenden Darstellung ist zu erkennen, dass die Lagerräume einen Abstand  von 150 m zum Salzstockrand haben. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit.  Verschwiegen wird dabei die Erkundungsstrecke bzw. der Tunnel bis fast an den  Rand des Salzstocks. Von der BI genannte - offenkundig offene - Schächte in den Bereich der  Rüstungsaltlasten hinein sind laut K+S „Örtlichkeiten, die im freigegebenen Teil der  Grube – außerhalb der verfüllten Zugänge zur früheren Munitionsanlage – liegen und  die im Rahmen des regulären Bergwerksbetriebes genutzt wurden.“
 
Nach unseren Recherchen gibt es mindestens 3 Schächte, die in den Bereich der  Rüstungsaltlasten führen und die nur mit einem Gitter oder mit einer bloßen  Betonplatte abgedeckt sind. Wir haben beim LBEG einen Antrag auf Zugang zu  Umweltinformationen gestellt, um zu erfahren, was mit den Schächten im Einzelnen  passiert ist. Dasselbe gilt für die angeblich verschlossenen horizontalen Zugänge.  Laut LBEG sind diese mit „Salzhaufwerk“ verschlossen (näheres dazu auf Seite 11 f. unseres Schreibens an das LBEG vom 03.01.2021). In der HAZ vom 02.06.1995 hat ein Bergmann dazu berichtet, dass dies damals „haarsträubend“ gemacht worden  sei. Um sich Arbeit zu sparen, seien die Strecken nur teilweise verfüllt und Abstände  von bis zu 30 Metern gelassen worden. Die Strecken habe man hauptsächlich mit  losem Staub zugeschüttet. 
Zur Feststellung der BI, dass sich bei der Bewertung der möglichen Arsen Konzentration im Bergwerk nach einer Flutung im Verhältnis zu der natürlichen  Belastung von Gewässern gleich mehrere Gutachter um den Faktor 1.000 vertan  haben.

K+S: „Der Verfasser bleibt den Beleg für diese Behauptung schuldig.“  
Wir bleiben dabei. Zuerst hat das Wehrwissenschaftliche Institut für  Schutztechnologien der Bundeswehr diesen Fehler 2006 gemacht und danach ist er  unbemerkt geblieben oder bewusst ignoriert worden. Natürliche Gewässer haben statt der angenommenen bis zu 5.000 µg/l Arsen tatsächlich nur eine Belastung von  bis zu 5 µg/l (näheres dazu auf Seite 13 f. unseres Schreibens an das LBEG vom  03.01.2021). 

K+S: „Die Räume der Munitionsanlage befanden sich nachweislich mindestens 150  Meter vom Salzstockrand entfernt, also nicht in „unmittelbarer Nähe zum  Salzstockrand“ – ein Blick in das offizielle Riß-(Karten-)werk bestätigt dies. Der  Salzstock ist durch die Detonation der eingelagerten Munition definitiv nicht  geschwächt oder im Randbereich durchlässig geworden.“ 

Hier wird der Tunnel bis fast zum Salzstockrand erneut verschwiegen (s.o). Damit  ist die Behauptung von K+S, es gebe keine Schwächung des Salzstocks, ohnehin falsch. Die Druckwelle der Explosion von 11.000 Tonnen Munition kurz nach dem  Krieg konnte durch den Tunnel zudem auf die letzten 25 m des Salzstockrandes  einwirken und Risse erzeugen! Unserer Kenntnis nach ist der Salzstockrand gar nicht  untersucht worden. 

K+S: „Diese Frage (der Folgen einer möglichen Ausbreitung der im Bergwerk  vorhandenen 10.000 kg Arsen und der Kampfstoffgase bei einer Flutung) ist bereits  Gegenstand gleich mehrerer Fachgutachten (u.a. Golder 1998, Wehrtechnisches  Institut für Schutztechnologie/WIS 2006) gewesen und auch Bestandteil einer Stellungnahme der niedersächsischen Landesregierung aus dem Jahr 2006. Fazit:  Das Wehrwissenschaftliche Institut für Werk-, Explosiv- und Betriebsstoffe Munster (WIWEB) sieht keine Gefährdung hinsichtlich einer möglichen Grundwasserkontamination, da sich zwar die arsenhaltigen Produkte unter  Salzlösung in ihre Bestandteile zersetzen, sich allerdings höchstens im Nahbereich  der Ablagerung eine erhöhte Arsenkonzentration ausbilden wird. Eine Mobilisierung  ist aber bei fehlender Konvektion im Grubengebäude (Anm.: die durch die  Abdämmung der Einlagerungsbereiche gegeben ist) nicht möglich. 

Hier zeigt sich eine typische Strategie von K+S zwecks Verharmlosung von Gefahren. Das wehrwissenschaftliche Institut ist von einer (allerdings unwahrscheinlichen) gleichmäßigen Verteilung des Arsens im Bergwerk ausgegangen und kam dadurch auf eine relativ geringe Konzentration. Die lässt K+S  so stehen, geht nun aber davon aus, dass sich das Arsen gar nicht verteilen könne  (dem sprechen die offenkundig unzureichende Abschirmung der Rüstungsaltlasten,  die Schwächung des Salzstocks durch den Tunnel und mögliche Risse aber entgegen (s.o.)). So kommt K+S auf eine geringe Konzentration in einem kleinen  Bereich des Bergwerkes. Zusammen mit einer um den Faktor 1.000 zu hoch  angenommenen natürlichen Konzentration schafft es K+S, das Problem des Arsens  maximal zu verniedlichen!  Eine weitere Strategie besteht in dem Ignorieren kritischer Gutachten. So wird das  frühere (im Auftrag des Landes Niedersachsen erstellte) Gutachten der Firma UBAC  von 1990/92 einfach verschwiegen. Dort ist vor einer Verseuchung des Grundwassers, insbesondere im Fall einer Flutung, ausdrücklich gewarnt worden. 
Fazit: K+S ist offenkundig jedes Mittel recht, um ihre wirtschaftlichen Interessen, hier die Flutung mit Halden- und Produktionsabwässern, u.a. aus Lehrte, sowie vermutlich mit diversen flüssigen Abfällen und Assewasser durchzusetzen – ohne Rücksicht auf die Menschen und die Umwelt. 
 

K + S: "Bürgerinitiative entwirft Horrorszenario abseits aller Fakten"

KASSEL/WATHLINGEN. Am 22. Januar hatte die Bürgerinitiative Umwelt Wathlingen gewarnt, dass K + S möglicherweise auch Flüssigkeit aus der Asse in das stillgelegte Kalibergwerk bei Wathlingen einleiten könnte (CELLEHEUTE berichtete). Außerdem könnten Gifte aus Rüstungsaltlasten, die dort lagerten, bei einer Flutung freigesetzt werden. Die K + S AG als Betreiber stellt sich diesen Aussagen jetzt entschieden entgegen und hat einen "Faktencheck" zusammengestellt.