CELLE. Die Lebenshilfe Celle hat das erklärte Ziel, die Barrieren im Alltag weiter abzubauen. In einer Erklärung heißt es dazu, ungekürzt und unkommentiert:

An Bushaltestellen, in Schulen oder im Straßenverkehr: Häufig schallt uns der Ausruf „Bist du behindert?!“ entgegen, wenn sich jemand über das Verhalten einer anderen Person aufregt. „Behindert“ geht vielen schnell über die Lippen, wenn sie eigentlich „ungewöhnlich“ oder auch „nicht ins Schema passend“ meinen. So wird das Wort „behindert“ zum Synonym für das, was wir an Menschen nicht verstehen – und mit was sich viele nicht weiter auseinandersetzen wollen. Es scheint auch keinen Wert zu haben, sich damit zu befassen. Nicht nur mit der ungewöhnlichen Eigenschaft, am besten gleich mit dem Menschen dahinter nicht mehr, dem dann selbst kein Wert mehr zugemessen wird.

Dieser weitverbreitete Missbrauch des Wortes hält sich hartnäckig und die Folge davon wundert nicht: Behinderung ist keine neutrale Beschreibung mehr, sie ist zum Schimpfwort geworden.

Was unter Behinderung zu verstehen ist und wie man Menschen mit Behinderung nennt, das verändert sich durch den inklusionspolitischen Diskurs immer mal wieder. Heutzutage finden sich unterschiedliche Formulierungen, von „Behinderte“ über „behinderte Menschen“, „Menschen mit Behinderung(en)“ bis hin zu „Menschen mit Beeinträchtigung(en)“.

In der Präambel der UN-Behindertenrechtskonvention wird Behinderung definiert als etwas, das „aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigung und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern.“

Es ist also nicht die (körperliche, geistige oder Sinnes-) Beeinträchtigung, die die Behinderung ausmacht, es sind die gesellschaftlichen, baulichen, einstellungs- und umweltbedingten Barrieren, die diesen Menschen im Alltag begegnen und sie behindern. Gäbe es diese Barrieren nicht mehr, wäre auch der Begriff der Behinderung überflüssig. Denn die Beeinträchtigung würde keinen Nachteil mehr darstellen, also den Menschen nicht mehr an der vollen Teilnahme behindern.

Wir sprechen demnach über Menschen mit Beeinträchtigung, die von der Gesellschaft und durch Umweltfaktoren behindert werden.

Deshalb wird in Veröffentlichungen der Lebenshilfe Celle gGmbH die Formulierung „behinderte Menschen“ verwendet, wann immer sie in gesellschaftlichen Kontexten stehen. Denn solange sie durch die benannten Barrieren behindert werden, sind sie es dadurch auch. Dieses alltägliche Behindert-Werden der Menschen soll kritisch hervorgehoben werden. Dabei wird nicht geleugnet, dass sie eine Beeinträchtigung haben – wie übrigens die meisten Menschen. Aber je mehr es gelingt, Barrieren abzubauen, umso weniger fällt die Beeinträchtigung auf oder ins Gewicht. Die Lebenshilfe Celle hat das erklärte Ziel, die Barrieren im Alltag immer weiter abzubauen. Dafür ist es wichtig, diese Barrieren in den Fokus zu rücken und so auch den Diskurs darüber weiter voranzutreiben.

Wenn wir also auf einen Menschen zeigen und rufen: „Du bist behindert!“, dann sagen wir damit eigentlich: „Ich behindere dich.““

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