LHTV: „Ich weiß, was Nationalsozialismus bedeutet“

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Sa., 20.06.2020 - 19:01

ESCHEDE. Viel Schatten gibt es nicht an der Kreuzung Hermannsburger Straße/Am Finkenberg, der Beginn der angekündigten Kundgebung vor dem Marsch zum NPD-Hof lässt sich nicht absehen. „Es gibt innerorts einige Schwierigkeiten, die Lage ist unübersichtlich“, informiert die Sprecherin des Netzwerkes Südheide eine Gruppe von mehr als 250 Menschen am Samstagmittag. Paul Kühling ist einer von ihnen, er harrt aus in der prallen Sonne, sein Fahrrad dient ihm zum Abstützen. Er ist 91 Jahre alt. „Ich stehe voll hinter der Demonstration“, sagt er.

Diese ist eine gemeinsame Veranstaltung der im Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus organisierten Gruppen. Für die Demonstranten ist es schon fast so etwas wie Routine, zweimal im Jahr, jeweils zu den Sonnenwendfeiern, die auf dem NPD-Gelände abgehalten werden, präsent zu sein und gegenzuhalten. Doch an diesem Juni-Samstag ist alles anders. Es gibt nicht nur einen Schauplatz, der gesamte Ort Eschede ist in eine Art Ausnahmezustand geraten – abgesperrte Straßen, protestierende Menschen, starke Polizeipräsenz. Die Sonnenwendfeier haben die auf dem früheren Aussiedlerhof ansässigen Neonazis abgesagt, stattdessen eine Demonstration mit eingestreuten Kundgebungen angesagt. Erst spät teilte der Landkreis Uhrzeit und Route mit.

„Wir wollen uns vorstellen, ein kleines Zeichen setzen, wir nehmen die Herausforderung an“, erläutert der Vorsitzende des Landesverbandes der NPD-Jugendorganisation, Sebastian Weigler, Sinn und Zweck der angemeldeten Veranstaltung. Erste Station ist der Wohnmobilstellplatz an der Uelzener Straße. Er spricht von Pseudojournaille, man habe keinen Zugriff auf die Presse, antwortet jedoch brav auf Fragen, z.B. weshalb vor einer Woche der Marsch durchs Dorf nicht stattfand. „Es gab technische Probleme.“ Wie er sich einen vollständigen Zugriff auf die Presse denn vorstelle, wird er gefragt. „Mehr Bericht, weniger Meinung“, sagt er und ergänzt, „so wie die CZ es gemacht hat, sie hat meine Stellungnahme unverfälscht wiedergegeben“.

Die Gruppe Gleichgesinnter ist klein, nicht mehr als sechs Personen, darunter ein mehrfach wegen schwerer Gewaltdelikte verurteilter Braunschweiger, umgeben ihn. „Der hat nichts getan, womit ich nicht leben könnte“, sagt Weigler. Vor einem Transporter mit der Plakataufschrift „Kunst und Kultur fördern. Entartung entgegentreten“, sagt der Jung-Nationalsozialist ein paar Worte, dann geht es weiter unter Polizeibegleitung zur nächsten Station, Bahnhofstraße/Ecke Berger Str. Dort warten laut Polizeiangaben 110 Gegendemonstranten. Auch Escheder sind darunter, aber nicht an vorderster Front. Es wird skandiert, wieder baut Weigler seine Technik auf, spricht, dringt gar nicht durch, die Rufe der gegenüberliegenden Menge übertönen ihn. Zuvor hatte auf dem Bahnhofsvorplatz ein gemeinsames Frühstück der Escheder stattgefunden. „100 Leute waren da, es war ausgesprochen entspannt“, berichtet Teilnehmer Klaus Drögemüller. Den weiteren Verlauf beschreibt er mit den Worten: „Das war für die Sache nicht gut“. Die Lage wurde unübersichtlich. „Wir waren darauf nicht vorbereitet, sonst hätten wir in erster Reihe gestanden“, sagt Drögemüller, „es war nicht mehr steuerbar“.

Laut Polizeisprecherin Birgit Insinger durchbrachen „Angehörige überörtlicher Gruppen“ Polizeiabsperrungen. Pfefferspray kam zum Einsatz, Identitäten mussten festgestellt werden, es werden Strafanzeigen gestellt werden.

Sowohl Bürgermeister Günter Berg als auch Klaus Drögemüller zeigen sich nicht zufrieden mit dem Verlauf des Tages. „Es ist ein Lernprozess“, sagt der Scharnhorster Drögemüller mit Blick auf den weiteren Umgang mit der NPD, deren niedersächsischer Landesverband den früheren Hof Nahtz im vergangenen Jahr gekauft hat und im Begriff ist, ihn zu einem Gemeinschaftszentrum auszubauen. Bürgermeister Günter Berg verweist darauf, dass Escheder sich auch an der Veranstaltung des Netzwerkes Südheide am Finkenberg beteiligt haben. Dort verläuft alles friedlich, es werden einige Reden gehalten, bevor sich die Gruppe in Bewegung setzt zum NPD-Gelände. Paul Kühling schließt sich dem Zug an und sagt kurz vor dem Start: „Ich bin Jahrgang 1929, habe alles von Anfang an miterlebt damals, HJ, alles. Es darf sich nie wiederholen, deshalb bin ich hier. Ich weiß, was Nationalsozialismus bedeutet.“


POLIZEIBERICHT, unzensiert und unkommentiert: 


Eschede-NPD zieht mit acht Teilnehmern durch Ortskern +++200 Gegenprotestler blockieren B 191 und durchbrechen Polizeisperren+++weiterer Gegenaufzug mit friedlichen 350 Teilnehmern störungsfrei

Während die NPD mit insgesamt acht Teilnehmern samt ihrem Lautsprecherfahrzeug heute planmäßig ihren angemeldeten Aufzug unter dem Motto "Eschedes schöne Seite - Heimat und Kultur einen Ort geben" durch den Ortskern vollzog, verliefen die Gegenproteste nicht allesamt friedlich. Der Aufzug der NPD startete gegen 11.45 Uhr an der Bundesstraße 191 und führte über die Poststraße bis zur Bahnhofstraße. Nach einer Zwischenkundgebung zogen die Teilnehmer weiter die Bahnhofstraße hoch in Richtung Bundesstraße 191. Weil ca. 200 Gegendemonstranten, überwiegend Angehörige der überörtlichen Antifa-Szene, die Kreuzung Bundesstraße 191 (Celler Straße/Uelzener Straße/Bahnhofstraße) nicht nur blockierten, sondern hier auch zum Teil Polizeibeamte attackierten, wählten die Teilnehmer des NPD-Aufzuges einen neuen Weg über die Straße "Am Glockenkolk". Auf einem dortigen Parkplatz hielten sie ihre Abschlusskundgebung, die mit lautstarkem Gegenprotest begleitet wurde. Anschließend verließen die NPD-Versammlungsteilnehmer mit ihrem Transporter die Örtlichkeit.

Einsatzkräfte der Polizei mussten gegen einige der unfriedlichen Gegenprotestler unmittelbaren Zwang anwenden, um sie am Durchbrechen von Polizeisperren zu hindern. In diesem Zusammenhang leitete die Polizei mehrere Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruch ein. Parallel startete verspätet gegen 14.00 Uhr die Auftaktkundgebung des angemeldeten Aufzuges des "Netzwerk gegen Rechtsextremismus". Ca. 350 Versammlungsteilnehmer zogen friedlich vom Treffpunkt am Bahnhof zum Hof Nahtz des NDP Landesverbandes. Nach einer Abschlusskundgebung endete diese Versammlung störungsfrei. Insgesamt zieht die Polizei ein positives Fazit des Tages. Wenn auch nicht gänzlich friedlich verlaufend, konnte doch allen Versammlungsteilnehmern die Wahrnehmung ihres Grundrechtes auf Versammlungsfreiheit ermöglicht werden. Verletzt wurde nach vorliegendem Sachstand niemand. Während der Versammlungen kam es zu teils erheblichen Verkehrsbehinderungen.