„Wir müssen den Abriss verhindern!“ – Bürgerinitiative für Erhalt der MTV-Halle gegründet

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Fr., 31.01.2020 - 15:53

CELLE. Abriss-Gegner rüsten auf. Gestern Abend schlossen sich 26 Celler zu einer Bürgerinitiative (BI) zusammen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den von der Stadt beschlossenen Rückbau der MTV-Halle am Nordwall zu verhindern, um sie zunächst zukunftsgerecht zu sanieren und anschließend einer Nutzung für Kultur, Bildung und Sport zuzuführen. 

Dass das Gebäude aus dem Jahr 1913 nicht dem neuen Verkehrskonzept würde weichen müssen, steht fest, seit sich einzelne Eigentümer weigerten, ihre Grundstücke an die Stadt zu veräußern. Nun wird der Verkehr drumherum geführt, und die nicht denkmalgeschützte Sporthalle mit ihrem Vorderhaus hat zumindest auf der Basis des ausgebliebenen Komplettrückbaus eine Chance zu überleben. Eigentümerin ist die Stadt, die den im Februar 2019 beschlossenen Abriss mit einem sehr hohen finanziellen Aufwand der Instandsetzung begründet. Der Komplex sei aufgrund nicht erfolgter Investitionen über Jahrzehnte so marode und heruntergekommen, dass eine Sanierung Millionen verschlingen würde, lautete die Argumentation der Verwaltung. Geplant ist der Verkauf des bereinigten Grundstückes. Für diesen hätte die Verwaltung in ihrer Beschlussvorlage ein Vielfaches des Marktwertes zugrunde gelegt, ein solcher Preis müsse erst einmal erzielt werden, der Bodenrichtwert liege an dieser Stelle laut Auskunft des Katasteramtes bei 240 Euro pro Quadratmeter, sagte eine Teilnehmerin auf der Gründungsversammlung in „Kunst & Bühne“. Insgesamt wurden Zweifel laut an den von der Stadt prognostizierten Kosten. „Die Zahlen haben keine solide Basis“, stellte einer der Initiatoren, Lothar Haas, fest. 

Gemeinsam mit Dietrich Klatt und Elke Haas referierte er Gründe für die Bewahrung und skizzierte die zu ergreifenden Schritte, an deren Ende ein zeitgemäßes Haus mit Zukunft, das etwas Gutes bedeute für alle Celler Bürger, stehen solle. Elke Haas verwies auf eine Veranstaltung der Bundesstiftung Baukultur, die im November 2019 in der Alten Exerzierhalle stattfand. „Alle anwesenden Professoren haben uns zugestimmt, so etwas mache man heute nicht mehr. Das gesellschaftliche Bewusstsein bezüglich des Bestandes historischer Substanz habe sich stark gewandelt“, berichtete die Kulturpreisträgerin. Es gehe vielmehr darum, derartige Objekte für die Zukunft weiterzuentwickeln. Das Identitätsstiftende, Ortsbildprägende und architektonisch Wertvolle stand indes im Mittelpunkt der kurzen Referate, an deren Ende Lothar Haas, ebenfalls Kulturpreisträger, ausführte: „Wir wollen nicht erhalten um des Erhalts willen, sondern um es weiter zu nutzen und dafür den heutigen Bedürfnissen anzupassen. Für diesen Zweck halten wir es für sinnvoll, ein Gutachten einzuholen, um auszuloten, was überhaupt machbar ist.“ Den Weg für diese Vorgehensweise habe die Präsidentin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, Christina Krafczyk, gewiesen, die dem Bauwerk hohe Qualität und stadtgeschichtliche Bedeutung beimisst und sich demzufolge gegen eine Einebnung ausgesprochen hat. 

In erster Linie brauche man Zeit, auch für die Klärung von Fragen wie die der zukünftigen Trägerschaft sowie die Auslotung der Bedürfnisse in der Stadt, erläuterte der neue Vorsitzende der BI, Lothar Haas, und seine Vorstandskollegin, Ute Rodenwaldt-Blank, ergänzte: „Es geht um das gesamte Quartier Nordwall. Wir sind begeistert von der Halle, sie könnte das Herz des Quartiers werden. Kultur, Sport und Bildung ist dort machbar“. Wie der Nordwall gestaltet wird, ist noch nicht entschieden. „Keiner weiß, was da hin soll“, berichtete Stadtratsmitglied, Oliver Müller, der sich für einen Antrag an den Verwaltungsausschuss aussprach, den Beschluss aus dem vergangenen Jahr abzuändern: „Es steht und fällt mit der Politik. Wir müssen den Abriss verhindern.“ Seine Ratskollegin Rodenwaldt-Blank setzt indes auf Überzeugungsarbeit: „Wir müssen Gespräche mit allen Beteiligten führen.“ Der Gutachter für deren Basis, eine Machbarkeitsstudie, ist mit einem Experten aus Nordrhein-Westfalen bereits gefunden. „Wichtig ist, dass wir die Zusage der Stadt bekommen, es wird nicht morgen abgerissen“, warf der Vorsitzende ein. Sollte die Entscheidung des Abrisses zurückgenommen werden, wäre dieses eine Chance für eine modellhafte Sanierung. Die Finanzierung könne auf der Grundlage eines qualifizierten Antrags aus Fördergeldern des Bundes erfolgen, legte der BI-Vorsitzende dar. 

Seit einem dreiviertel Jahr warten Dietrich Klatt und das Ehepaar Haas auf einen Gesprächstermin mit Oberbürgermeister Jörg Nigge. Ein Vertreter des Rates Celle war den Großteil der Gründungsversammlung über anwesend. „Ich bin gekommen, um zuzuhören, wollte gar nichts sagen, aber nun tue ich es doch“, leitete der Vorsitzendes des politischen Gremiums, Joachim Falkenhagen, seine Frage hinsichtlich der Haftung eines nicht eingetragenen Vereins ein. „Wo sehen Sie denn die Unterschiede zu einem eingetragenen Verein? Es gibt keine Unterschiede“, antwortete Lothar Haas, bevor seine Frau alle Bedenken bezüglich anfallender Kosten und damit möglicherweise verbundener Haftungsansprüche aus dem Weg räumte: „Niemand wird behelligt werden oder gar in Gefahr geraten, dass etwas zu bezahlen wäre“, legte sie dar und ergänzte mit großem Nachdruck: „Es geht hier nicht um Haftung. Wir haben aus politischen Kreisen gehört, dass nächste Woche die Bagger vorfahren könnten. Das muss verhindert werden. Das ist unser Anliegen.“ Für dieses haben sich mehr als eintausend Menschen mittels zweier Online-Petitionen stark gemacht. Aufgrund parallel laufender Veranstaltungen am Donnerstagabend konnten nicht alle Interessierten bei der Gründungsversammlung anwesend sein, von daher werde mit einem Anstieg der Mitgliedszahlen in den kommenden Tagen gerechnet. Der Antrag ist im Internet abrufbar unter www.nordwall-halle-celle.de