BREMEN/CELLE. Über 120.000 Bürger haben an der siebten Umfrage des ADFC teilgenommen und die Fahrradfreundlichkeit von mehr als 500 Städten bewertet. Heute wurden im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur die fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands ausgezeichnet. Celle ist nicht darunter, mit Abstand.

Bei den Städten mit 50.000 – 100.000 Einwohner holte Bocholt den ersten Platz mit einer Note von 2,29. Nordhorn erreichte eine Note von 2,59 und Wesel, auf Platz 3, wird mit 3,02 bewertet. Celle erhielt die Note 4,01 und landete auf Platz 65 – von 98. 2014 lag Celle noch auf Platz 51 von 100 und 2012 gar auf Platz 25 von 252 Städten.

Fahrradklima-ADFC-Celle

Der enorme Abstieg ist u.a. den nicht enden wollenden Baustellen und dem nicht erkennbaren Baustellen-Management zuzuschreiben. Dieser berücksichtig, wenn überhaupt, nur den Kraftverkehr – Fahrradfahrer und Fußgänger werden nach Meinung der Tester stiefmütterlich behandelt. Die Celler kritisieren auch ein mangelndes Angebot an Leihfahrrädern und die „wenig attraktive Fahrradmitnahme“ in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur: „Konkurrenz belebt das Geschäft – so ist es auch in der Radverkehrsförderung. Der Fahrradklima-Test kann hier gleichermaßen Ansporn und Bestätigung sein. Mit dem Fahrradklima-Test wollen wir den Städten und Kommunen aber vor allem ein Instrument an die Hand geben, das ihnen hilft, das Fahrradklima vor Ort besser einzuschätzen und Erkenntnisse für ihre Fördermaßnahmen zu gewinnen.“

Die Einzelbewertungen im Überblick:

Gesamtbewertung 4,0
F1 Spaß oder Streß 3,3
F2 Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer 3,9
F3 Alle fahren Fahrrad 2,6
F4 Werbung für das Radfahren 4,3
F5 Zeitungsberichte 4,4
F6 Fahrradförderung in jüngster Zeit 4,2
F7 Falschparkerkontrolle auf Radwegen 4,7
F8 Reinigung der Radwege 4,0
F9 Ampelschaltungen für Radfahrer 4,5
F10 Winterdienst auf Radwegen 4,3
F11 Sicherheitsgefühl 4,0
F12 Konflikte mit Fußgängern 3,7
F13 Konflikte mit Kfz 4,2
F14 Hindernisse auf Radwegen 4,2
F15 Fahrraddiebstahl 4,4
F16 Fahren auf Radwegen und Radfahrstreifen 4,3
F17 Fahren im Mischverkehr mit Kfz 4,4
F18 Breite der Radwege 4,5
F19 Oberfläche der Radwege 4,2
F20 Abstellanlagen 4,2
F21 Führung an Baustellen 5,0
F22 Fahrradmitnahme im ÖV 4,9
F23 Erreichbarkeit Stadtzentrum 2,3
F24 zügiges Radfahren 2,8
F25 geöffnete Einbahnstraßen in Gegenrichtung 2,8
F26 Wegweisung für Radfahrer 3,3
F27 Öffentliche Fahrräder 4,8

HINTERGRÜNDE (Alle Angaben ADFC, ungekürzt und unkommentiert):

Engagierte Rad-Förderung zahlt sich aus

Während Münster nach Einschätzung des ADFC vor großen, ungelösten Problemen durch eine inzwischen unterdimensionierte Infrastruktur sowie steigende Unfallzahlen steht und dadurch kontinuierlich in der Gunst der Radfahrenden verliert (von 1,88 in 2003 auf 3,07), profitieren Städte, die den Radverkehr zur Chefsache gemacht haben. Karlsruhe setzt auf eine gute Mischung aus systematischer Radverkehrsförderung mit messbaren Zielen, einem flächendeckenden Radwegenetz und Kommunikation (Kampagne „Tu’s aus Liebe“ für besseres Verkehrsklima), Göttingen gewinnt durch den „eRadschnellweg“, das niedersächsische Nordhorn behandelt das Fahrrad überall prioritär und legt beispielsweise Neubaugebiete so an, dass man von den Fahrradparkplätzen aus den kürzesten Weg in die Stadt hat.

Sicherheitsgefühl und Radwegequalität entscheidend

Einige Städte können sich durch leicht umzusetzende Maßnahmen – wie Werbung für das Radfahren, Öffnung von Einbahnstraßen, Winterdienst auf Radwegen – leicht verbessern. Diese Maßnahmen werden von den Befragten allerdings als weniger wichtig eingeschätzt. Am wichtigsten sind den Befragten das Sicherheitsgefühl beim Radfahren, die Qualität – also Breite und Oberfläche – der Radwege und die zügige Erreichbarkeit von Zielen. Gerade bei diesen wichtigen Aspekten ist der Gesamttrend negativ.

Verstellte und zu schmale Radwege nerven am meisten

Die meisten Befragten sind zufrieden mit der Erreichbarkeit der Innenstadt per Rad (Note: befriedigend plus). Auch die Kernfrage „Bei uns macht Radfahren Spaß bzw. Stress“ wird relativ gut bewertet (Note: befriedigend). Genervt sind die Radfahrenden vor allem durch Baustellen oder Falschparker auf Radwegen, ungeeignete Ampelschaltungen und zu schmale Radwege (Note: ausreichend bis mangelhaft). Und: Über 60 Prozent der Befragten fühlt sich beim Radfahren nicht sicher (Note: ausreichend). Der massenhafte Fahrraddiebstahl wird ebenfalls in fast allen Städten als schwerwiegendes Problem wahrgenommen (Note: ausreichend).

ADFC fordert Pro-Kopf-Investitionen von 30 Euro

Der ADFC fordert deutlich höhere Investitionen in den Radverkehr. ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork sagt: „Der Flaschenhals in Deutschland ist fast überall eine unterdimensionierte Fahrrad-Infrastruktur. Deutsche Städte brauchen deutlich mehr Platz und Geld für den Radverkehr! Utrecht, Amsterdam oder Kopenhagen geben 30 Euro und mehr pro Kopf und Jahr für den Radverkehr aus und nehmen dem Autoverkehr Stück für Stück Flächen weg. In Deutschland liegen wir fast überall deutlich unter fünf Euro und malen schmale Streifen auf die Straße. Wenn Deutschland ernsthaft Autoverkehr auf das Rad verlagern will, brauchen wir mutige Politiker und Pro-Kopf-Investitionen von 30 Euro pro Jahr – und zwar intelligent verteilt auf die Schultern von Bund, Ländern und Kommunen.“

Was ist eine fahrradfreundliche Stadt?

Nach Überzeugung des ADFC gehört zu einer fahrradfreundlichen Stadt vor allem ein durchgängiges, großzügiges, intuitiv verständliches Radverkehrsnetz quer durch die ganze Stadt. Für Alltagsradler, die mit dem Rad zur Arbeit oder zu Terminen fahren, ist es wichtig, dass es direkt geführte Verbindungen gibt, die ein zügiges Vorankommen ermöglichen. Für den Freizeitverkehr sollte es zusätzlich attraktive Grünrouten geben. In Wohngebieten und verkehrsberuhigten Bereichen kann der Radverkehr auf der Kfz-Fahrbahn geführt werden, an stark und schnell befahrenen Straßen muss es einen physisch getrennten Radweg oder eine geschützte Radspur von mindestens zwei Metern Breite geben.

Radschnellwege als Lösung für Pendler

Als Verbindung zwischen Städten sind breite und kreuzungsfrei geführte Radschnellwege die Lösung der Wahl. Radwege müssen systematisch von Falschparkern, Baustellen und anderen Hindernissen freigehalten werden. Die Oberfläche muss leichtläufig und gut gepflegt sein. An wichtigen ÖPNV-Knotenpunkten sowie an öffentlichen Einrichtungen, Einkaufszentren und in Wohngebieten gibt es ein großzügiges Angebot an sicheren und komfortablen Fahrradabstellplätzen. Für Radfahrer optimierte Ampelschaltungen, klar geregelte Vorfahrt auf Fahrradstraßen und in Kreiseln sowie die Förderung eines rücksichtsvollen Verkehrsklimas schaffen ebenfalls mehr Fahrradfreundlichkeit.

Autofreie Sonntage und andere Aktionen

Nicht zuletzt sind Kommunikation und Sichtbarkeit wichtig: In fahrradfreundlichen Städten fahren auch Bürgermeisterinnen und Verwaltungs-Chefs mit dem Rad, es gibt Aktionstage („autofreier Sonntag“) und Fahrrad-Kampagnen („Mit dem Rad zur Arbeit“, „Stadtradeln“, „Autokorrektur“ o.ä.) sowie fahrradfreundliche Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern Diensträder, Fahrradparkplätze und Duschen zur Verfügung stellen.

Hintergrund zum ADFC-Fahrradklima-Test

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und wurde im Herbst 2016 zum siebten Mal durchgeführt. Er wird durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 2020 mit rund 150.000 Euro gefördert. Über 120.000 Menschen stimmten bei diesem Durchgang ab, das sind 15 Prozent mehr als beim letzten Durchgang. 539 Städte haben die Mindestanzahl an Stimmen erreicht und es damit in die Wertung geschafft, gegenüber 468 in 2014. Die Zunahme führt der ADFC auf das wachsende Interesse am Thema Fahrrad und Radverkehr zurück. Der Test bestand aus 27 Fragen, wie „Macht das Radfahren Ihrer Stadt Spaß oder Stress?“ oder „Sind die Wege für Radfahrende angenehm breit oder zu schmal zum Überholen?“. Die Umfrage wurde größtenteils online durchgeführt. Bewertet wurde nach dem Schulnoten-Prinzip mit Werten zwischen eins und sechs.

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