Celle bekommt seine Straßenbahn "zurück"

Gesellschaft Von Redaktion | am Fr., 30.08.2019 - 11:27

CELLE. 1907 initiierte Harry Trüller, einer der wohl bedeutendsten Celler Unternehmer seiner Zeit, die Straßenbahn in Celle. Dazu habe der Unternehmer die Celler Bürgervorsteher in die Straßenbahn eingeladen, die er sich in seinen Garten gestellt hatte. Zwar ohne Schienen nicht fahrtüchtig habe es dennoch gereicht, die Straßenbahn in Celle einzuführen. Jetzt, mehr als 100 Jahre nach der Einführung, hielt erneut eine Bahn im Garten der Uferstraße 8 Einzug - diesmal auf Schienen und begleitet von einem NDR-Filmteam.
Der Celler Peer Schladebusch hat es ermöglicht. Gestern ging es für die Straßenbahn aus dem Straßenbahnmuseum in Sehnde-Wehmingen auf die Reise nach Celle, um vor wenigen Augeblicken samt Kran und Tieflader in Celle anzukommen. Von der Fuhsestraße aus ging es über die Einfahrt des Landesjustizprüfungsamtes weiter über das Gelände der SVO auf das Grundstück Uferstraße 8. Mit einem Kran wurde der Schwertransport auf die bereits vorhandenen Gleise gesetzt.

Trüller engagierte sich in der Kommunalpolitik, initiierte viele Bauprojekte, darunter die Straßenbahn. Für sein Engagement wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Celle ernannt. Warum sich aber nun eine alte Straßenbahn in den Garten stellen? Peer-Detlev Schladebusch, Pastor für Führungskräfte in der Wirtschaft, sieht darin eine Würdigung Trüllers Leistungen: „Mich interessieren die geschichtlichen und aktuellen Entwicklungen in den Unternehmen. Die Trüller-Werke haben mit ihrer Gründerpersönlichkeit eine äußerst faszinierende Entwicklung hingelegt. Nach seinem frühen Tod und dem späteren Verkauf setzte jedoch auch ein dramatischer Niedergang ein. Mit dem Abriss der Fabrik und anderer Trüller-Gebäude wurden Zeugnisse einer beispiellosen Celler Industriegeschichte gedankenlos beseitigt“.

Mit dem Aufstellen der historischen Straßenbahn gehe es darum, die Ideen und Leistungen dieses bedeutendsten Industriellen Celles zu würdigen, aber auch zusammen mit anderen aus den Ursachen für Aufstieg und Niedergang zu lernen. Die Straßenbahn könne hierbei ein greifbarer Diskussions- und Lernort werden. Nach einer Restaurierung, die sich an alten Vorlagen der Celler Straßenbahn orientiert, sollen hier später eventuell auch Gespräche mit Personen aus Wirtschaft, Kirche und Politik in kleiner Runde stattfinden, die dann im Internet als wirtschaftsethische Filmbeiträge veröffentlicht werden.

Im Jahr 2007 wäre die Celler Straßenbahn einhundert Jahre alt geworden

Am 1. November 1907 begann in Celle die Straßenbahnzeit, und zwar mit zwei meterspurigen und mit 500 V= elektrifizierten Linien von 3,76 km Gesamtlänge. Die Idee eines „Motorwagens ohne Gleis“ war damit vom Tisch. Die Linien trugen keine Nummern, sondern waren farbig markiert:
rot (Neustädter Holz – Hauptbahnhof – Markt – Berggarten) und grün (Hauptbahnhof – Markt – Kreis).

1913 kam der Abschnitt Neustädter Holz – Waldanfang, 1924 das Stück vom Berggarten/Depot zum Stadtfriedhof sowie 1928 die Verlängerung vom Kreis zur Blumläger Kirche hinzu. Die Streckenlänge wuchs damit auf 6,277 km. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den herben Zerstörungen kam die Straßenbahn zwar bald wieder in Gang, doch ihre Tage waren gezählt. Schrittweise wurde sie reduziert. Am 1./2. Juni 1956 nahmen die Celler Abschied von ihrer Straßenbahn.

Fotos: Peter Müller