CELLE. „Celle von Möller bis heute – Leben in der Provinz nach 1968“ – der Titel des angekündigten Vortrages sorgte dafür, dass der Kinosaal des Bomann-Museums bis auf den letzten Platz gefüllt war. Nicht nur „Alt 68er“, sondern auch einige Jugendliche hatten den Weg zu der Vortragsveranstaltung gefunden. Kunsthistorikerin Jasmin-Bianca Hartmann, Kuratorin der aktuellen Ausstellung im Bomann-Museum (RWLE Möller, Künstler 1952 – 2001), hieß die Anwesenden im Namen der RWLE Möller Stiftung herzlich willkommen und wies auf das nachhaltige Wirken Möllers hin, der nach einem dreijährigen Aufenthalt in Berlin 1976 in seine Heimatstadt Celle zurückkehrte und sich hier
als Maler und Publizist besonders für die Aufarbeitung der Geschichte eingesetzt habe. Aber auch die jeweilige aktuelle kulturelle und gesellschaftliche Landschaft Celles lag ihm am Herzen. Hartmann wies auf die Bedeutung hin, die Möller für die Jugendbewegungen gehabt habe bis hin zur Eröffnung des ‚Bunten Hauses‘ auf dem CD-Kasernengelände.

Politikwissenschaftler und Autor Reinhard Rohde begann seinem Vortrag mit einem Videoausschnitt der Band „The Who“, die 1968 mit ihrem Song „My Generation“ den Jugendlichen aus der Seele sprach. „Geht es nicht etwas leiser?“, das hätten nahezu alle Jugendlichen damals von ihren Eltern zu hören bekommen, so Rohde. Mit dem Fernsehen sei die ‚weite Welt‘ in die Wohnzimmer gezogen, führt Rohde weiter aus. Das habe mit dazu beigetragen, dass sich auch in der ‚Provinz‘ das Leben veränderte. Äußeres Zeichen seien unter anderem die langen Haare bei den jungen Männern gewesen. Ebenso seien die politischen Themen wie alte und neue Nazis, der Vietnamkrieg und der Bildungsnotstand unter den Jugendlichen lebhaft diskutiert worden.

Als 1969 eine Panzerparade durch die Celler Innenstadt stattfand, habe ein Jugendlicher eine brennende Uniformjacke auf einen Panzer geworfen, was zu einer Anklage wegen „versuchter Wehrmittelbeschädigung“ geführt habe, erläuterte Rohde die damalige Situation. Die gemeinsame Schüler-Zeitung von Schülern des KAV und des HBG, „bi“, habe 1970 die Auszeichnung „beste des Landes Niedersachsen“ erhalten. Aber bereits bei der 3. Ausgabe sei sie u.a. durch den
damaligen Schulelternratsvorsitzenden skandalisiert worden, indem die Inhalte als „Pornographie als Schülerzeitung getarnt“ bezeichnet worden seien.

1971 seien die ersten Forderungen nach einem unabhängigen Jugendzentrum laut geworden. Leider habe sich eine Realisierung viel zu lange hingezogen, denn für Jugendliche entspreche ein Zeitraum von drei Jahren nahezu 30 Jahren, meinte Rohde. Drei Jahre später seien die aktiven Schüler zum Studium oder zur Ausbildung weggezogen, damit sei eine Jugendbewegung in der Provinz immer als instabil anzusehen. Etwa in dem Zeitraum 1987 bis 1992 habe sich eine Kulturhausinitiative mit der Forderung, das ehemalige NAAFI – Gebäude am Neumarkt als selbst verwaltetes Kulturzentrum nutzen zu wollen, zusammengefunden. Mit der Gruppe ‚Amalgam‘ habe man diesen Wunsch in der Schildenstraße und anschließend in der alten Berkefeldfabrik realisieren können. Durch den Abriss der Halle sei diese Initiative jedoch abrupt wieder beendet worden.

1993 sei dann das leerstehende NAAFI-Gebäude besetzt worden, verbunden mit der Forderung nach einem selbst verwalteten Zentrum. 1996 hätten diese Forderungen mit der Eröffnung des Bunten Hauses dann endlich Realität angenommen. Zu diesem Erfolg habe Möller mit seinem reichen Erfahrungsschatz in erheblichem Maße beigetragen, so der Referent. In der sich anschließenden Diskussionsrunde brachte vor allem auch der Celler Dietrich Höper,
Vorstandsmitglied des Verbandes Entwicklungspolitik Niedersachsen e. V. (VEN), seine persönlichen Erfahrungen aus diesem Zeitraum mit ein. Die Historikerin Hilke Langhammer, die die Veranstaltung moderierte, dankte den Referenten für ihre Vorträge und den Zuhörerinnen und Zuhörern für ihr Interesse.

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