Kunst, die kein Museum braucht – neues Outdoor-Gemälde in der Heese

Kunst Von Anke Schlicht | am Fr., 07.08.2020 - 08:59

CELLE. Was macht man mit kahlen Mauern im öffentlichen Raum? Brandaktuell stellt sich die Frage an der Westseite des Celler Bahnhofs. Die grüne Stadtratsfraktion und die Verwaltung wollen begrünen, die Deutsche Bahn bevorzugt dem Vernehmen nach Kunst aus der Dose. „Leuchtkraft kriegt man mit Sprayen nicht hin“, sagt der Celler Maler, Udo Strohmeyer.

Das Mitglied des Bundes Bildender Künstler stand kürzlich vor der Herausforderung, eine Wand in der Heese zu gestalten. Er hörte sich bei den Kiezbewohnern um. „Abstraktes haben wir genug“, lautete die einhellige Meinung. „Sie wollten etwas Realistisches, gerne Blumen und Vögel“, berichtet der in der Schweiz ausgebildete Künstler. Er ging ohne Vorlage, sondern „aus der Hand“, wie er es nennt, ans Werk. Zunächst grundierte er das 24 qm umfassende triste Mauerwerk mit der Spraydose. „Ich bin kein Graffiti-Künstler“, betont Strohmeyer. Für sein leuchtendes, farbenfrohes, gleichermaßen maritim wie tropisch anmutendes Wandbild bediente er sich einer Mischtechnik, vermalte und schuf zarte Übergänge.

Viele Jahre gehörte der Maler dem Atelier 22 an und schätzte hier das integrative Element des Leitgedankens. Mittlerweile ist er wie viele Mitglieder der Anfangsjahre ausgetreten. Umso mehr freute er sich darüber, dass der Geist des Stadtteilverbindenden bei seinem spontan und mit Genehmigung des Celler Bau- und Sparvereins (CBS) als Eigentümer gestarteten Projekt wieder zu spüren war. Nahe und fernere Nachbarn fanden sich regelmäßig zur Werkschau ein. Jeden Tag waren sie da, nahmen den Stand der Dinge in Augenschein und fragten, „wieso ich denn noch nicht fertig bin“, erzählt Strohmeyer. Einem konnte es jedoch nicht langsam genug gehen. Siegfried Janz wohnt direkt gegenüber, von seiner Wohnung im dritten Stock aus verfolgte er den zehntägigen Entstehungsprozess hautnah. „Ich hab‘ auch Farbfernsehen“, sagte er zu seiner Frau, „bis 21 Uhr war Udo vor Ort, ging immer mal wieder ein paar Schritte zurück, guckte und malte dann weiter“, erzählt Siegfried Janz.

Das Ergebnis spricht für sich, ein echter Hingucker, dessen Wirkung je nach dem Licht des Tages und der eingenommenen Distanz variiert. „Viele Leute halten an, machen Fotos“, berichtet Strohmeyer, der mit seinem Outdoor-Gemälde Kunst geschaffen hat, die weder Museum noch Galerie braucht. Siegfried Janz ist mit der Arbeit seines Nachbarn überaus zufrieden, nach seinem Urteil befragt, sagt er: „Da kann man gar nicht genug hingucken.“