Modisches und Philosophisches aus feinstem Holz – Kunstverein lädt virtuell in Gotische Halle

Kunst Von Anke Schlicht | am So., 07.03.2021 - 21:34

CELLE. „Schlicht und ergreifend – stark!“ Auf diese kurze, aber sehr aussagekräftige Formel bringt der Vorsitzende des Celler Kunstvereins, Dr. Uwe Kerstan, die Ausstrahlung der Exponate von Christoph Platz. „Phantastisches Handwerk“, fügt er noch hinzu. In der Tat fragt sich der Besucher der Gotischen Halle, „Ist das wirklich Holz?“ Wie eine zweite Haut umschmeichelt das Oberhemd, das Jackett, die Schürze oder das Kleid die Körper aus demselben Material. Ja, sie sind wirklich aus aufs Feinste gearbeitetem Holz und alle laden sie zum Assoziieren ein.

Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte – das sind die großen Themen, aus denen der Bildhauer und Zeichner Christoph Platz schöpft. Er stammt aus dem Ruhrpott, hat in Karlsruhe und Münster studiert, in New York und Tokio gelebt, aber sein Atelier in seiner Heimatstadt Bochum nie aufgegeben. Ein klares „Nein“ entfährt seinem Mund auf die Frage, ob ihn der Pott denn in seiner Kunst beeinflusst habe. „Mich interessiert alles, was mit geistiger Kraft zu tun hat, alles, was irgendwie eine Haltung ausstrahlt“, sagt er und fügt in Bezug auf die Rezeption seiner Werke hinzu: „Einen kunsthistorischen Horizont braucht man.“ „Piet und Yves“ heißt eine Skulptur, die wohl über den höchsten Wiederkennungswerk verfügt. Wer die strengen, mittels einer schwarzen Linie miteinander verbundenen geometrischen Formen nicht gleich dem Künstler zuordnen kann, dem fallen die modischen Finessen der revolutionären Sixties ein. Modeschöpfer Yves Saint Laurent hatte sich 1966 bedient bei einem Star der klassischen Moderne. Er schuf ein Kleid nach dem Vorbild eines Bildes von Piet Mondrian. „Ich führe das wieder zurück zur Kunst“, erläutert Christoph Platz. Das „kleine Schwarze“ für die Dame spart er aus, das klassisch Weiße für den Herrn hat er jedoch im Programm. „Wo das weiße Oberhemd gesellschaftlich eine Rolle spielt“, sagt der Künstler über sein löchriges Werk. Er spielt mit der Täuschung, garniert mit einer Prise Humor. „Die einzige Möglichkeit, das Leben auszuhalten“, merkt er lachend an. Etliche Exponate bestehen aus zwei Komponenten, da sitzt ein kleiner Mann, umgeben vom Nierentisch-Look der 50er, in Meditationshaltung auf einem Hocker einer großen Büste, die nichts anderes als ein Dekolleté darstellt, gegenüber. Wird er sich ablenken lassen oder konzentriert sein Ansinnen in die Tat umsetzen?

Neun Jahre hat Platz in Tokio gelebt, die japanische Kultur hat ihn nach eigenem Bekunden mehr geprägt als der Ruhrpott. Unerlässlich drehen sich die Rotorblätter des Hubschraubers und der Turner mit der Startnummer 7 mit ihnen. „Der Moment, wo Buddha endgültig aus dem Kreislauf des Lebens aussteigt“, liefert Platz den Hintergrund zur Skulptur „Gelöscht“. Hier hat er geknausert mit Farbe, aber an anderer Stelle nutzt er sie umso ausdrucksstärker. Die Nähe zur Popart war ein zweites Moment, das den Vorstand des Celler Kunstvereins veranlasste, die Frühjahrsausstellung von diesem Künstler gestalten zu lassen. Dieser zeigte sich angetan von der Räumlichkeit, die er hier in Celle zur Verfügung gestellt bekam. Die Gotische Halle setzt die Farbigkeit der Skulpturen ebenso in Szene wie die 38 Tuschezeichnungen in schwarz-weiß, die die Schau „Eintausend Ideen“ abrunden. Zu erleben als virtueller Rundgang auf der Website des Celler Kunstvereins e.V. www.kunstverein-celle.de bis zum 17. April 2021.

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