Celler Netzwerk verhalf Adolf Eichmann zur Flucht

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Mo., 12.04.2021 - 14:05

CELLE. Er ist derzeit wieder sehr präsent in den Medien, denn vor 60 Jahren, am 11. April 1961, begann in Israel der Prozess gegen Adolf Eichmann. Die Fotos des Mannes mit schwarz umrandeter Brille im dunklen Anzug auf der Anklagebank in Jerusalem haben sich ins kollektive Gedächtnis der Nachkriegsgeneration eingeprägt. So lange lag es zu diesem Zeitpunkt noch nicht zurück, dass derselbe Mann wenige Kilometer von Celle entfernt in der Gemeinde Eversen in einem kleinen Dorf gelebt hatte und sich nach vier Jahren in der Lüneburger Heide, Anfang 1950, auf den Weg gemacht hatte nach Argentinien.

Die Person, die ihn als letzte in seinem Unterschlupf sah, weil sie ihn mit dem Auto abholte und nach Bad Reichenhall zur Grenze nach Österreich chauffierte, war häufig zu Gast in Celle. „Ich nannte ihn Onkel Luis“, berichtet der frühere Leiter der Ikarus-Grundschule in Lachendorf Hans-Hagen Nolte über den Fluchthelfer Luis Schintlholzer. Der heute 76-jährige Nolte war als kleiner Junge dabei, wenn sich frühere SS-Angehörige trafen in der kleinen Wohnung seiner Familie im Trüllerhaus in der Westcellertorstraße. Luis Schintlholzer war Mitglied der sogenannten „Bruderschaft“, einem rund 200 Mitglieder zählenden Zusammenschluss ehemaliger überzeugter Nationalsozialisten, die sich überwiegend in Internierungslagern der Alliierten kennengelernt hatten und sich nicht lösen wollten von der NS-Ideologie. Hans-Hagen Noltes Vater, Hans Nolte, war einer von ihnen. Einen Versuch, sich seinen Nazi-Vater von der Seele zu schreiben, betitelt Nolte sein im Jahr 2018 neu aufgelegtes Buch „Messerscharf“. Darin schildert er unter anderem, wie das von 1948 bis Anfang der 1950er Jahre bestehende Netzwerk funktionierte. Eine der selbst definierten Aufgaben war die Hilfe zur Flucht ehemaliger NS-Größen. Und eine solche befand sich von März 1946 bis Anfang 1950 in unmittelbarer Nähe.

Am 30. März hatte sich Adolf Eichmann unter dem Namen Otto Heninger bei den Behörden angemeldet, zog in eine „Die Insel“ genannte Hütte nahe dem heute noch existierenden Forsthaus Kohlenbach in Altensalzkoth. „Dort hielt die ‚Bruderschaft‘ eine Reihe von Vortrags- und Schulungs-Veranstaltungen aus Tarnungsgründen ab“, berichtet Nolte, der sich bereits als Teenager von seinem Nazi-Vater distanzierte. Persönlich begegnet ist er dem NS-Verbrecher nicht. Der während des Dritten Reiches für die operative Umsetzung der sogenannten „Judenfrage“ zuständige Eichmann erhielt in seinem Versteck in der Heide zunächst eine Anstellung als Waldarbeiter. Die Firma ging pleite, Eichmann wurde daraufhin zum Hühnerzüchter auf einem Hof in Altensalzkoth, wo er sich eingemietet hatte. Die Dorfbevölkerung fand im Rückblick nur positive Worte über ihn, er äußerte sich in seinem in der Haft in Israel verfassten Buch weniger freundlich: „Wenn ich die einfachen Leute um mich herum nicht misstrauisch machen wollte, durfte ich nichts lesen, was anspruchsvoller als eine Kindergeschichte war.“ Über die Stationen Eichmanns bis zum Prozess in Israel gibt es gesicherte Erkenntnisse, die Historikerin Bettina Stangneth hat sie in ihrem 2011 erschienenen Buch „Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders“ nachvollzogen. „In der Lüneburger Heide bin ich viel herumgekommen, ich war dauernd auf Achse“, berichtete der auch als „Schreibtischtäter“ bezeichnete NS-Verbrecher über seine Jahre in der Celler Region. Hier war er laut Stangneth als ehemaliger SS-Kamerad nicht isoliert. „Er war keineswegs der Einzige mit einschlägiger Vergangenheit, der sein Versteck in diesem Landstrich wählte“, schreibt die Historikerin.

Anfang 1950 beliefen sich Eichmanns Ersparnisse aus der Hühnerzucht auf 2.500 Mark, 300 davon investierte er in die Information über eine Fluchtroute. Er habe seine Absicht, nach Übersee zu gehen, einem seiner „engeren Bekannten in der Heide“ mitgeteilt und ihn um Auskunft nachgesucht, ob er jemanden vermitteln könne, der Bescheid wisse über einen Fluchtweg. „Auf diese Weise kam ich 1950 mit einem Mann in Hamburg, einem früheren SS-Mann, in Verbindung, der viel zwischen Deutschland und Italien unterwegs war“, schrieb Eichmann. „Bei diesem Mann handelte es sich um einen ‚Bruder‘“, ist sich Hans-Hagen Nolte sicher, die Person sei gemeinsam mit seinem Vater auf einem Familienfoto zu sehen. Im Februar 1950 teilte Eichmann seiner Vermieterin mit, er wolle nach Norwegen auswandern, um dort als Maschinenführer zu arbeiten, er verabschiedete sich von allen Bekannten und verschwand.

„Luis Schintlholzer brüstete sich damit, dass er Eichmann nach Bad Reichenhall gebracht habe“, erzählt der Pädagoge im Ruhestand und Buchautor Nolte. Als Kind hatte er „Onkel Luis“ verehrt, darauf gewartet, dass dieser wieder zu Besuch kam, er ihn auf den Beifahrersitz des Vorkriegs-DKW-Cabrio setzte und sie Runden durch die Herzogstadt drehten. Später musste er schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass es sich „seinem Lieblings-Bruderschafts-Onkel“ um einen gesuchten NS-Verbrecher handelte, der sich schon früh als brutaler Schläger hervorgetan hatte, 1938 war er innerhalb des November-Pogroms führend beteiligt an gewaltsamen Ausschreitungen gegen Innsbrucker Juden, bei denen drei Menschen zu Tode kamen. 1943 leitete SS-Sturmbannführer Schintlholzer auf dem Balkan eine Sondereinheit zur Aufspürung und Deportation von Juden, er war beteiligt an den Massakern im Blois-Tal sowie in Laas in Italien, in den Orten Caviola und Falcade ließ er zur Vergeltung von Partisanenüberfällen 40 Einwohner töten. Wie Eichmann geriet er in amerikanische Gefangenschaft, blieb jedoch aufgrund fehlender Ausweispapiere unerkannt und floh bei einem Massenausbruch Richtung Norden. Wiederum eine Parallele zu Adolf Eichmann, der im Mai 1945 gefangen genommen worden war, er gab sich als SS-Untersturmbannführer Otto Eckmann aus, die Blutgruppentätowierung verriet ihn als SS-Mitglied. Im Februar 1946 floh er aus dem Lager mit einem Empfehlungsschreiben von Hans von Freiesleben an seinen Bruder, Woldemar von Freiesleben, in der Tasche. Dieser arbeitete als Revierförster im Forsthaus Kohlenbach. Auf diesem Weg gelangte Eichmann in die Region Celle. Mithilfe eines Mitglieds der Celler ‚Bruderschaft‘ verließ er sie. „Wie und bei welcher Gelegenheit Schintlholzer und Eichmann sich in Norddeutschland trafen, wissen wir nicht“, schreibt Historikerin Stangneth. Unstrittig sei, dass beide wussten, mit wem sie es zu tun hatten.

Bis Mai 1960 lebte Adolf Eichmann in Argentinien, dort spürte ihn der israelische Geheimdienst auf und brachte ihn nach Israel. Der Prozess dauerte acht Monate und endete mit dem Todesurteil, das 1962 vollstreckt wurde.

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