CELLE. Eine Gedenkfeier anlässlich des 150. Geburtstags von Harry Trüller, dem wohl bedeutendsten Celler Unternehmer seiner Zeit, fand heute auf dem Stadtfriedhof statt. Pastor Peer-Detlev Schladebusch erinnerte an das Celler Urgestein, das am 20.12.1868 geboren wurde und am 13.08.1934 starb:

„Mit der Kombination zweier höchst unterschiedlicher Maschinenteile fing es an: Eine Zwiebackschneidemaschine entstand aus einem Nähmaschinengestell und einem Kreissägenblatt, gedacht als Überraschung zu Weihnachten für seinen Vater: Der Anfang eines weltweit exportierenden Unternehmens aus der beschaulichen Heidestadt war gemacht.

1891, mit 23 Jahren machte sich Trüller selbständig und  heiratete Mathilde Brandes; weitere Maschinen wurden erfunden, gebaut und vertrieben, darunter ein eiserner Röstofen. Trüller hatte elf Kinder; den vier noch lebenden Kindern vermachte er später je 25 Prozent Anteile seiner AG: Elli Kraft, Martha Haller, Ilse Steinberg und Oskar Trüller. Ab 1896 wurde die Fabrik an der Bahnlinie gebaut. Um 1900 startete ein großer Werbefeldzug: Victoria Zwieback (tropenfest in Dosen verpackt für Schiffstransporte, Belieferung international und an „zahlreiche Fürstenhäuser“). Binnen zehn Jahren machte das Unternehmen eine atemberaubende Entwicklung: Über 1.000 Mitarbeiter gehörten zu den weltweit größten Keksfabriken. Celle hatte damals nur ca. 44.000 Einwohner: So wohnte quasi in jeder Straße mindestens einer, der in der Keksfabrik arbeitete!

1904 wechselte Trüller in die Stadtverwaltung, ab 1910 war er Bausenator. 1907 initiierte er die Celler Straßenbahn. Während des ersten Weltkrieges erfand und produziert er die „Eiserne Ration“, ein mit Zwieback gefüllter Nesselbeutel. 1917-1921  wurden aus der Not heraus Nudeln produziert.

Trüller wird Ehrenmitglied der IHK Hannover und Vorstandsmitglied des Reichsverbandes der Deutschen Industrie in Berlin. 1929 wurde er von seiner mittlerweile zweiten Ehefrau geschieden. 1930 erlitt er einen Schlaganfall und starb 1934 an Krebs. 1964 wurde das Werk an Nabisco verkauft, 1977 geschlossen. Heute liegen die Rechte bei Intersnack, Köln.

Otto Haesler wäre ohne Harry Trüller als Bausenator und direkter Auftraggeber in seiner Celler Wirkungsgeschichte vermutlich nur halb so bedeutend gewesen und hätte Celle bereits viele Jahre früher verlassen. Wir hätten da also im nächsten Jahr kaum etwas zu feiern.

Carla Meyer-Rasch zieht zu Harry Trüller folgendes Fazit: ‚Das Gedächtnis an ihn wird in Celle immer wachgehalten werden durch die Arbeit seines Lebens: die Trüllerwerke. Sie bestehen, gedeihen und wachsen weiter. Wie gut fundiert sie durch ihren Gründer waren, beweist die Tatsache, dass sie selbst nach schwersten Verlusten und Zerstörungen im Gefolge des zweiten Weltkrieges wieder aufgebaut werden konnten.‘

Heute stellen wir jedoch fest: Seine vielfältigen Talente und seine Wirkungsgeschichte für Stadt und Region sind völlig unterbelichtet, zum Teil ganz in Vergessenheit geraten. Wenn wir 2019 im Rahmen des 100. Jubiläums des Bauhaus-Bestehens hier in Celle Otto Haesler feiern, können wir das nicht ohne ausdrückliche Würdigung des bedeutendsten Unternehmers und Bausenators der Stadt Celle: Harry Trüller. Der viel umworbene Architekt hätte sich ohne die Aufträge und die Entfaltungsmöglichkeiten in Celle vermutlich nur kurze Zeit gehalten und wir hätten da nicht viel zu feiern. Nun aber können wir uns miteinander freuen, dankbar zurückblicken und jetzt im Advent hoffnungsvoll nach vorne schauen.“

Ortsbürgermeister Jörg Rodenwaldt verdeutlichte die Bedeutung und das Wirken von Harry Trüller für Neuenhäusen: „1896 entstand die Fabrik an der Bahnlinie in Neuenhäusen. Die Straße an der ehemaligen Fabrik trägt heute seinen Namen. Nicht unweit davon befindet sich das Direktoren- und Chauffeurshaus. Die Villa von Harry Trüller wurde leider zerstört.

Von Anfang an fand eine atemberaubende Entwicklung statt. Die Firma gehörte teilweise zu den weltweit größten Keksfabriken und den größten Arbeitgebern in der Stadt. Harry Trüller engagierte sich in der Kommunalpolitik, initiierte viele Bauprojekte und die Celler Straßenbahn. Für sein Engagement wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Celle ernannt.“





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