"Wir sind Zirkusleute" - Ein Besuch bei Circus Brilliant

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Do., 11.02.2021 - 14:33

CELLE. „Als kleine Kinder wollten wir Polizist werden“, berichten Joel und Georgio. Mittlerweile sind sie 14 bzw. zehn Jahre alt und haben ihre Pläne geändert. Die beiden Jungs sind Zirkuskinder und wollen später einmal die Tradition des Circus Brilliant, der sich derzeit im Winterquartier vor den Toren von Garßen befindet, fortführen. „Zu 90 Prozent bleiben die Kinder“, merkt Vater Fernando Frank an. Er lässt seine Söhne erzählen über ihre Erfahrungen mit den stetigen Schulwechseln und die Art, wie die Klassenkameraden auf sie reagieren und was sie am meisten schätzen an einer Kindheit mit Wohnwagen, vielen Tieren, Auftritten, Training und wechselnden Orten. Aber zwischendurch kann das Oberhaupt des reinen Familienunternehmens mit acht Mitgliedern sich nicht zurückhalten, zu sehr erinnert manches, was Joel und Georgio antworten, an sein eigenes Aufwachsen. „Ja, so ging es mir auch. Ich hatte Heimweh nach Lehrte“, kommentiert Fernando Frank die Aussage seines ältesten Sohnes Joel, wonach es ihm manchmal nicht leichtfalle, sich wieder zu trennen, wenn er sich gerade eingewöhnt hat und gut klarkommt mit den Klassenkameraden. Doch diese Nachteile nehmen sie in Kauf für ihr Zirkusleben, als dessen größten Vorzug Joel benennt: „Man reist viel rum und sieht viel“, während sein Bruder Georgio das Publikum im Blick hat: „Dass wir die Leute erfreuen können“, sagt der Zehnjährige. Fernando Frank lässt offen, ob er sich freut, dass die Kinder dabeibleiben wollen. „Sie sollen es machen, wie sie es wollen“, aber eines ist ihm ganz wichtig: „Ein Schulabschluss! Ich habe keinen“, sagt er fast ein bisschen vorwurfsvoll, umso ausgeprägter ist sein Stolz auf das Management seiner Frau Julia.

„Ich bin hineingeboren“, betont Fernando. Julia Hauschild nicht, sie kam mit 15 Jahren dazu. „Heute musst du doch mit dem Laptop umgehen können, meine Eltern sprachen persönlich bei den Gemeindeverwaltungen vor und fragten, ob wir Station machen dürfen. Julia erledigt das alles per Internet, sie kann mit allem umgehen“, hebt der 36-Jährige hervor, während seine Frau voll des Lobes für die hiesigen Verwaltungen ist: „Mit dem Grünflächenamt der Stadt und dem Landkreis haben wir nie Probleme. Da sind wir richtig froh drüber.“ Auch die Garßener und alle anderen Bewohner des Landkreises und der Stadt werden sehr gelobt von Julia Hauschild und Fernando Frank: „Sie bringen Futter, Heu und werfen auch Geldspenden in unsere Box“, berichtet das Ehepaar.  „Strom, Wasser und Diesel“, zählt Fernando als wichtige Güter auf, „und auch die Versicherungen müssen ja weiterlaufen. Wir können die Fahrzeuge nicht abmelden, wir müssen Futter und Späne holen.“ Wobei das Wasser für den eigenen Gebrauch nicht so hoch angesiedelt wird wie das für die Kamele, Zwergziegen, Enten, Alpakas, Kaninchen, Meerschweinchen, Pferde und weitere Vierbeiner, die das Herzstück des kleinen Zirkus bilden. „Für die Tiere ist immer Wasser da“, sagt der Zirkuschef, doch der Hahn in der Küche des Wohnwagens gibt an diesem kalten Morgen nichts her. Bei eisigen Temperaturen rücken das Befüllen der Kaffeemaschine oder eine Dusche nach dem Aufstehen in weite Ferne, es muss abgewartet werden, bis das in den Schläuchen gefrorene Wasser langsam wieder auftaut. „Strom haben wir auch nicht immer“, erwähnt Fernando Frank beiläufig. An derlei Widrigkeiten ist er von Kindesbeinen an gewöhnt. „Wir sind Zirkusleute“, sagt der junge Mann, der eine Dynastie in siebter Generation fortführt, die ihren Ursprung im Jahr 1820 hat. Er ist in Lehrte aufgewachsen, aber viele seiner Vorfahren lebten in Celle. „Sie waren Pferdehändler, Scherenschleifer oder Korbflechter“, erzählt Frank. Sobald die Familien zu groß werden, trennen sie sich und bauen etwas Eigenes auf. Im Umkreis von 150 Kilometer weiß Fernando Frank, wer „da so unterwegs ist.“

Acht Monate im Jahr ist er üblicherweise auf Tournee. „Dann sind wir jede Woche woanders“, berichtet der Leiter des Circus Brilliant, doch durch Corona wurde alles anders. „Wir haben keine Planungssicherheit, bekommen keine Genehmigungen, bis Sommer wird das nichts.“ Schon seit einem Jahr sind die Zelte in Garßen aufgeschlagen. Das Ehepaar freut sich über den sicheren Standort, alle Mitglieder bemühen sich, das zur Verfügung gestellte Areal im guten Zustand zu halten. Und doch spürt Fernando Frank eine gewisse Ungeduld. Die Sonne hat das Gelände mit Zelt und Wohnwagen mittlerweile in helles Licht getaucht, der Schnee verstärkt die Wirkung. Das waschechte Zirkuskind schaut aus dem Fenster und sagt: „Du möchtest losfahren!“

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