Wollen Sie eine Stadt kennenlernen, beschäftigen Sie sich mit dem Leben ihrer Menschen! Lissabon ist die Perle Portugals und pulsiert an der Mündung des Tejos! Wir haben uns gefragt, was beschäftigt die Lissaboner, die Jungen und die Alten?

Lissabon ist für Touristen sehr attraktiv. Wenig verwunderlich, bei der Sonne, den großartigen manuelinischen Bauten und den unzähligen Restaurants und Kneipen. Sie ist gegen 20 Uhr „aufgewacht“ und die Hauptstadt Portugals erstrahlt dann in einem neuen Glanz. Hier haben wir das erste Mal Weißen Sangria bei Fado-Musik gekostet und den silbern strahlenden Vollmond über die Hügel Lissabons aufgehen sehen. Eine Stadt, die Romantikpotenzial besitzt. Dass aber die meisten Häuser in einem schlechten Zustand sind, manche gar verfallen, kann das Nachtleben nur befristet vergessen lassen. Wie geht es nun den Menschen, die in diesem Gegensatz leben? Wir, unser Schüler-Dreier-Team, haben uns einfach mal in die Menge gestürzt und über mehrere Tage Einheimische interviewt.

Es ist spät am Abend als wir auf dem Praca da Figueira mit einem jungen Portugiesen, 27 Jahre alt und Tuk-Tuk-Fahrer, ins Gespräch kommen. Er ist sehr freundlich und nimmt sich Zeit für uns. Er hat wohl gemerkt, dass mit uns heute kein Geschäft mehr gemacht werden kann. Er sagt, er mache sowieso bald Feierabend. Das Eis bricht als wir auf unsere gemeinsame Leidenschaft Musik zu sprechen kommen. Es sei sein Traum seine Musik einmal zum Beruf machen zu können. Und dann wird er bedrückter. Gerade Träume wären kompliziert in Lissabon. Er arbeite meist 12 – 14 Stunden am Tag, durch den Euro seien wohl die Preise um das doppelte gestiegen, der Lohn aber gleichgeblieben, und Mieten seien kaum bezahlbar. Er teile sich eine Wohnung. Es sei ein Problem, dass viele Wohnungen von europäischen Immigranten aufgekauft würden, wo Portugiesen preislich nicht mithalten könnten. Auf die Frage, ob man hier alt werden könne, wich er aus. Man solle zumindest besser nicht krank werden. Die medizinische Versorgung sei teuer und eine Krankenversicherung sei zum einen nicht verpflichtend und zum andern für ihn nicht bezahlbar. Er würde sich wohl eher zu Tode arbeiten. Das hat uns tief beeindruckt. Die hohen existenzgefährdenden Unterhaltskosten wurden uns vielfach bestätigt.

Ein besonders interessantes Gespräch hatten wir mit einer Frau, die ebenfalls 27 Jahre alt ist und Reiseangebote an Touristen verkauft. Es sei zwar nicht schwer eine gute Schulbildung zu bekommen, jedoch den Beruf zu finden den man selbst verdiene, meinte sie. Die große Nachfrage der jungen Leute nach Arbeit verleite wohl die Arbeitgeber „mit einem machen zu können was sie wollen“. So müsse sie mit 580€ Mindestlohn im Monat das Leben eines Erwachsenen führen. Sie lebe noch zu Hause bei ihren Eltern, wegen der hohen Mietpreise. Den Job mache sie neben ihrem Tourismusmanagement-Studium. Richtig temperamentvoll wurde sie als wir begannen uns über die politische Situation zu unterhalten. Die Regierung sei korrupt und würde nichts an der derzeitigen schlechten wirtschaftlichen Lage ändern können. Die EU sei an dieser Lage mitverantwortlich und die gestiegenen Preise lägen am Euro. Noch jemand, der das so empfindet. Die Jugendlichen sollten endlich kämpfen und politisch aktiver werden, damit die Regierung sich engagiert ihnen bessere Perspektiven zu geben.

„Wie würden Sie die Rolle der Frau charakterisieren?“ – Nun Portugal sei ein „Male-thinking Country“ und viele wünschten sich die Frau noch am Herd und bei den Kindern. In dem Zusammenhang frage sie sich immer wieder, wann sie denn endlich in einer relativ stabilen wirtschaftlichen Lage sei um Kinder groß zu ziehen. Schwangere würden nicht unterstützt werden
während des Studiums. Sie müsse wohl noch warten. Anders als im deutschen Straßenbild trifft man kaum Rentner an und die wenigen, die wir trafen, konnten kein Englisch. Wir sprachen die Leute darauf an und die allgemeine Antwort lautete, dass die Mietkosten zu hoch seien und viele deshalb ins Umland Lissabons abziehen würden.

Das Gleiche plant auch der 42-jährige Likör-Verkäufer vom Praca da Figueira. Bei ihm kann man die Lissaboner Spezialität „A Ginjinha do Rossio“, ein Kirschlikör, kaufen. Wir konnten deutlich spüren, dass sein Herz für Lissabon schlägt. Er liebe es, dass so viele unterschiedliche Kulturen in Lissabon zusammentreffen. Für ihn stünde seine Familie an erster Stelle. Allerdings sei es schwer genügend Geld zu verdienen um seinen Kindern ein möglichst sorgenfreies Leben zu bieten. Da wird die Problematik deutlich, die die Reiseangeboteverkäuferin zur Familienplanung in Lissabon schon angesprochen hat.

Wir sind neben unserem Reporter-Job aber auch Touristen und haben uns mal das Castello Sao Jorge angeschaut, von wo aus man einen fantastischen Ausblick über die Stadt, ihr Umland und das Meer hat. Da konnten wir zur Ruhe kommen und die vielen Eindrücke auf uns wirken lassen. Dann denkt man darüber nach, was einem die Menschen erzählt haben. Am Torausgang haben wir dann mit einem 55-Jährigen Polizisten gesprochen und dieser meinte zu unserem Erschrecken, dass er selbst, auch als Beamter, die Krankenversicherung tragen müsse. Anders war es jedoch bei unserer Empfangsdame vom Hostel, dort übernimmt der Arbeitgeber die Krankenversicherung. Der Polizist mit dem wir geredet haben meinte auch, dass er acht Tage am Stück arbeite und zwei Tage im Anschluss frei hätte. Er selbst wohnt nicht in Lissabon und fährt täglich 40 Minuten zur Arbeit. Er arbeite offiziell sechs Stunden am Tag, aber er verriet uns, dass es meist mehr seien und sein Beruf ihn auch manch Einmal psychisch belaste. Er werde mit 67 in Pension gehen, wie in Deutschland, könne aber ohne weiteres nicht davon leben.

Er ist der Ansicht, dass die Jugend heutzutage anders geworden ist, da Jugendliche nach seinem Empfinden immer öfter das Gesetz brechen würden. Er selbst vermutet, dass die Eltern mit ihrer Erziehung schuld daran seien, weshalb manche Jugendliche auch die Schule abbrächen. Gerade auf das Elternhaus, insbesondere die finanzielle Lage kommt es in Lissabon an. Diesen Eindruck haben wir gewonnen, als wir mit einer 18-Jährigen Studentin geredet haben. Sie mache sich weniger Gedanken über Geld, da ihre Eltern sie gut unterstützen könnten. Sie müsse zum Glück nicht mit der harten Seite Lissabons in Berührung kommen, der Situation anderer sei ihr aber sehr wohl bewusst. Lissabon sei perfekt zum Studieren, hier sei immer etwas los. Auf die Frage, ob sie danach hier noch bleibe, war sie unentschlossen. Sie könne sich auch vorstellen auszuwandern. Man bekäme hier schwer als junger Mensch einen Beruf und die Vergütung sei im Ausland oft besser. An einem anderen Tag in den Gassen Lissabons wurden wir diesmal selbst angesprochen von einem netten Herrn mit Marihuana in der Jackeninnentasche. In Lissabon sei es nicht schwer schön zu leben, meinte er. Wirkte allerdings durch unsere Fragerei ein wenig irritiert und verabschiedete sich gleich wieder, er müsse halt weiterarbeiten. Dieser Mann war schätzungsweise Ende 30.

Wir sprachen auch mit der 20-jährigen Empfangsdame unseres Hostels, der wir tagtäglich begegneten. Sie war sehr aufgeschlossen und gab uns einen guten Einblick vom Lissaboner Leben. Auf die Frage, was Leute in ihrem Alter für ein besseres Lissabon täten, erwiderte sie: „Viele wollen Veränderung, sehen sich jedoch einer gewaltigen Herausforderung gegenüber, sodass mehr und mehr abwandern und es sich auf die politischen Aktivisten zwischen 40 und 50 Jahren konzentriert, die andere Ziele verfolgen. Unsere Politiker sind korrupt, sie sind verantwortlich für unsere schlechte Lage, und das wissen die Menschen auch, aber die Alternativen sind gering, also werden sie wiedergewählt. Ich würde mir wünschen, wir Portugiesen könnten so viel Leidenschaft wie wir sie im Fußball zeigen auch mal in der Politik ausleben. Was für mich jedoch problematischer ist, ist das so viele in meinem Alter sich nur noch für materielle Dinge interessieren und ein ruhiges Leben suchen.“ Auch in diesem Gespräch war die EU wieder diejenige, die die Regierung einschränkt, aber sie sei auch irgendwie notwendig, schließlich würden wir in einer globalen Welt leben, meinte sie. Dann meinte sie noch: „Es gibt zwar einen Berg voll Kritikpunkte an unseren Lebensumständen, ich mag es nämlich nicht von Rechnung zu Rechnung zu leben und keine Chance der Besserung zu sehen, aber glücklich bin ich dennoch. Viel Geld brauch ich dafür nämlich nicht.“

Unsere Suche auch mal Portugiesen in Rente zu interviewen oder Schüler ausfindig zu machen, gelang uns leider nicht. Beim Versuch ein Gespräch aufzubauen, bekam man meist eine Antwort auf einer fremden Sprache zurück oder Deutsch und fing dann an sich darüber zu unterhalten, was schon alles an Sehenswürdigkeiten bestaunt wurde und aus welchem Bundesland man denn komme. Die Befragten hatten alle eine unterschiedliche Perspektive auf das „Leben in Lissabon“. Ein jeder sah verschieden große Sorgen, die unterschiedliche Ursachen hatten. Vor allem die Wohnkosten stellen die Menschen aller Altersklassen vor große finanzielle Herausforderungen. Deutlich wurde auch, dass der Einstieg ins Berufsleben sehr schwierig ist und viele motiviert zu emigrieren. Das wiederum stelle die Gesellschaft vor ein demografisches Ungleichgewicht. Unmut, vor allem von unseren jungen Portugiesen, gibt es dabei über die in erster Linie älteren Politiker. Sie seien nämlich schuld daran, dass „die Jungen“ keine Perspektive und Arbeit im eigenen Land hätten. „Die Alten“ hingegen, die wir interviewten, sahen sich vor allem mit der Fürsorge ihrer Familien konfrontiert und einer wohl den Anstand verlierenden Jugend. Wir finden es schade, dass Jugendlichen in ihrer Heimat schlechte Bedingungen geboten werden. Lissabon ist eine wunderschöne Stadt und eine Reise wert. Die Lebensumstände sind zwar für die Bürger selbst oft herausfordernd, trotzdem sind sie so lebensfroh! Davon kann man sich mal eine Scheibe abschneiden. Wir können von uns behaupten glücklich über unser „Leben in Deutschland“ zu sein.

Was macht Sie glücklich?

Sie müssen sich registrieren oder anmelden, um diesen Beitrag zu kommentieren.