Das Modehaus Dobberkau sagt Adieu

Wirtschaft Von Anke Schlicht | am Mi., 29.09.2021 - 14:30

LACHENDORF. Passierte man die Ahnsbecker Straße 14 in Lachendorf zu Fuß oder mit dem Auto, fiel der Blick stets auf die schön dekorierten Schaufenster eines mit großen blauen Lettern verzierten weißen Gebäudes. „Modehaus“ war und ist dort zu lesen, ein Begriff ebenso schön wie aus der Zeit gefallen. Es war eine gute und mit langer Tradition behaftete Adresse in Lachendorf – wer das Modehaus Dobberkau ansteuerte, konnte gewiss sein, dass Qualitätsware, persönliche Ansprache und gute Beratung auf sie oder ihn wartete.

„Fast alle Kunden habe ich mit Namen gekannt“, sagt die Inhaberin Sabine Dobberkau-Höntsch. Seit 41 Jahren führt sie den Laden, das aktuelle angenehme Herbstwetter begleitet ihre letzte Geschäftswoche. Am Samstag ist Schluss, der im Jahr 1910 gegründete Textilbetrieb schließt für immer seine Pforten. Damit geht eine Lachendorfer Ära über drei Generationen zu Ende. Otto Dobberkau setzte den damaligen Gegebenheiten angepasst auf Stoffe und fertigte nach Maß. Sein Sohn, Otto Dobberkau junior, übernahm das Geschäft im Jahr 1945. Von nun an reichte die Angebotspalette von Bekleidung und Gardinen bis zu Schuhen und Aussteuer. Seine Frau Anny war das Gesicht des Textil- und Schuhhauses. Sabine Dobberkau-Höntsch trat in dieser Hinsicht 1981 in ihre Fußstapfen, verschmälerte die Produktlinie jedoch wieder.

Die Puppen im Fenster sind abgeplündert, den seit einigen Wochen laufenden Räumungsverkauf anpreisende Werbebanner und einige Restposten Ware zeugen noch von der langen Tradition einer Unternehmerfamilie. „Das Geschäft lief“, betont die Inhaberin. Es fand sich jedoch kein Nachfolger für die Fachfrau der Textilbetriebswirtschaft und gelernte Einzelhandelskauffrau, die ein Alter erreicht hat, das das Ende des Erwerbslebens markiert. Eigentlich wollte sie bis zum 10. Oktober offenhalten. Doch die Veräußerung der Ware gestaltete sich besser als erwartet und stellte einmal mehr das enge Band zwischen Kundinnen, in erster Linie bestand die Kundschaft aus Frauen, und Eigentümerin samt ihrer langjährigen Verkäuferin Heike Haufe unter Beweis.

„Wie können wir Euch denn nun noch helfen“, zitiert Dobberkau-Höntsch einige Vertreter der Stammkundschaft. Sie beantworteten sich die Frage gleich selbst. „Ach, wir nehmen hier mal gleich einen ganzen Packen mit“, berichtet die Lachendorferin. Der Run ist längst vorüber, „jetzt kommen nur noch Schnäppchenjäger“, ergänzt Heike Haufe, 23 Jahre bildeten die großzügigen Räumlichkeiten etwas abseits des neuen Ortsmittelpunktes ihre berufliche Heimat. Alles, was jetzt noch nicht über den Ladentisch ging, wird gespendet.

Zur Hochsaison des Abverkaufs gaben sich die treuen Begleiter über Jahrzehnte die Klinke in die Hand. Sie leerten nicht nur die Regale und Ständer, sie brachten auch Präsente, Blumen, Konfekt und viele warme Worte des Dankes und des Bedauerns mit, die die Bedeutung des Traditionshauses für zahlreiche Menschen in der Region verdeutlichen. Man kannte sich, kaufte nicht nur ein, sondern war als Person willkommen, konnte ein paar Worte loswerden, wie es unter älteren Leuten auf dem Land gerne heißt.

„Manche Kunden hatten Tränen in den Augen“, berichtet Dobberkau-Höntsch. ‚Wo soll ich denn jetzt hin‘ schwang bei manchem Abschiedsbesuch mit. Schwierige Momente für die langjährige Unternehmerin. Auch bei ihr schwingt nach eigener Aussage Wehmut mit, aber unter dem Strich beschreibt sie ihre Gefühlslage während der letzten Woche ihres 111 Jahre alten Modehauses mit den Worten: „Irgendwie erleichtert, dass jetzt eine andere Zeit beginnt.“

111 Jahre Modehaus Dobberkau in Lachendorf

LACHENDORF. Das 100-jährige Bestehen wurde groß gefeiert - elf Jahre später ist daran nicht zu denken. Trotzdem trotzt das Modehaus auch dieser Krise. Heute, am 27.2.2021, besteht das Lachendorfer Geschäft 111 Jahre alt, "heimlich, still und leise", aber nicht untätig.