Dirk Weißenborn von den Wietzer Grünen und der BI Wietze hat sich ausführlich mit der Wasserversorgung rund um den künftigen Geflügelschlachtbetrieb beschäftigt. Aufgrund der Brisanz uns eine Titelstory wert – dennoch weisen wir darauf hin, dass wir seine Aufbereitung wie gewohnt ungekürzt und unkommentiert wiedergeben. Auch haben wir die im Beitrag genannten Protagonisten (mit Ausnahme von Fa. Rothkötter, die alle Anfragen ignoriert) zu einer Stellungnahme eingeladen, die Sie am Ende des Artikels lesen können.

„Seit dem 1. Juni 2009 ist der Wietzer Bürgermeister Klußmann Geschäftsführer des Wasserversorgungsverbandes im Landkreis Celle. Etwa drei Monate später entschied sich die Geschäftsleitung des Rothkötter-Konzerns eindeutig für Wietze als Standort ihres neuen Hähnchenschlachthofes.

Zwar sind die technischen und geschäftlichen Entscheidungsbefugnisse des Wasserversorgungsverbandes schon vor Jahren auf die SVO übergegangen, jedoch dürfte Bürgermeister Klußmann in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer über alle wichtigen Vorgänge bei der SVO umfassend informiert sein. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass seine Stimme als Vertreter der Gemeinden über Gewicht innerhalb der SVO verfügt.

Wasserversorger und Geflügelkonzern vereinbarten 2010 vertraglich eine maximale jährliche Lieferung von sehr
wahrscheinlich mehr als einer Million Kubikmetern Wasser. Nach Angaben der SVO, zuletzt bestätigt im Juli 2011, soll die Wasserversorgung ab Aufnahme des Schlachtbetriebes im Jahr 2011 zunächst unter besserer Ausnutzung bestehender Wasserrechte durch die Wasserwerke Winsen und Wietze erfolgen. Eine Erhöhung der stündlichen Entnahmemenge im Wasserwerk Wietze ist nicht vorgesehen.

Somit stellt sich die Frage: Wie schafft es die SVO, dem Geflügelschlachtbetrieb grob geschätzte 250.000 m3 Wasser jährlich zusätzlich zur Verfügung zu stellen, ohne dass die Brunnen des Wasserwerks Wietze pro Stunde größere Wassermengen
fördern sollen? Dafür ist nur eine plausible Erklärung möglich: Bisher lief die dortige rundwassergewinnung nicht kontinuierlich 24 Stunden am Tag – und das aus gutem Grund (Versalzungsgefahr).

Das Wasserwerk Winsen hat über die bestehende Versorgungsleitung Wietze während dieser Zeiten beliefert. Will die SVO mehr Wasser gewinnen, so verlängert sie einfach die tägliche Laufzeit der Pumpen. Während der bisherigen „Stillstandzeiten“, wahrscheinlich in den Nachtstunden, stellte sich die Grenzschicht zwischen leichterem Süßwasser und schwererem Salzwasser wieder zumindest halbwegs ein. Das könnte sich ab Anfang September 2011 für eine unbestimmte Zeit bis zu einer Umstellung auf eine Versorgung aus anderen Wasserwerken der SVO (Garßen?) ändern.

2009 haben Haushalte und Gewerbe in Wietze ca. 350.000m3 Trinkwasser erhalten. Aus dem Wietzer Wasserwerk kamen dabei jedoch nur ca. 230.000m3. Die Differenz stammte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Wasserwerk Winsen. Dieses kann jährlich nur noch ca. 80.000m3 abgeben, ohne die genehmigte Höchstmenge zu überschreiten. Damit läge die Hauptlast der Versorgung des Schlachthofes zunächst auf dem Wasserwerk Wietze (ca. 170.000m3). Dieses hat in der Vergangenheit seine maximal genehmigte Jahresförderung von 600.000m3 in auffälliger Weise nur zu knapp 40% ausgenutzt.

Es handelt sich ausgerechnet um jenes Wasserwerk im Landkreis, das die mit Abstand höchsten Gehalte an Chlorid (146 mg/l) und Natrium (80,2 mg/l) aller öffentlichen Wasserwerke im gesamten Landkreis Celle aufweist (veröffentlichte Analyse der SVO aus der Probe vom 8.Juni 2011). Der Salzstock Wietze-Hambühren – natürlichen Ablaugungsvorgängen unterworfen – ist hauptsächlicher „Lieferant“ des gelösten Salzes. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) stuft den tieferen Teil des Grundwasserleiters auf einer  Fläche von ca. 7 Quadratkilometern rund um das Wasserwerk Wietze als versalzt ein. Einschränkungen der Trinkwassergewinnung sind nach Einschätzung der Behörde möglich.

Seit Jahren wird das Wasserwerk Wietze offensichtlich nur eingeschränkt betrieben. Dort wurden bei früheren Pumpversuchen Werte von 1700 bis 3400mg/l Chlorid recht schnell erreicht. Die Trinkwasserverordnung (TVO) setzt als Chloridgrenzwert 250mg/l und als Natriumgrenzwert 200mg/l fest. Letztere entsprechen ungefähr der menschlichen Geschmacksschwelle, d.h. ab diesen Werten kann der Mensch „salzigen“ Geschmack wahrnehmen.

Der Natriumgehalt des Trinkwassers in Wietze könnte steigen Bluthochdruckpatienten wird eine natriumarme Ernährung und Mineralwasser mit nicht mehr als 20mg/l Natriumgehalt empfohlen! Dagegen weist das Wietzer Trinkwasser schon jetzt grob gerechnet die 4-fache Konzentration dieses gelösten Inhaltsstoffes  auf. Auch höhere Sulfatgehalte im Trinkwasser belasten den Organismusempfindlicher Menschen. Und der Schlachthof hat seinen Produktionsbetrieb noch nicht einmal aufgenommen.

Laut SVO kommen zusätzlich auch externe Vorlieferanten in Frage. Welche Unternehmen könnten diese Aufgabe wohl übernehmen? Die Beantwortung dieser Frage lehnt die SVO unter Verweis auf das Geschäftsgeheimnis ab.  Lieferungen durch die Harzwasserwerke, deren Netz bis nach Ehlershausen reicht, wurden im Februar 2011 durch die Landesregierung für Vergangenheit und Gegenwart klar verneint. Die Zukunft ist offen. Bürgermeister Klußmann scheint die Gefahr steigender Salzgehalte im Trinkwasser zu ignorieren.

Die Bürger in Wietze können von ihren Kommunalpolitikern erwarten, dass sie sich für den Schutz des äußerst wichtigen Gutes Trinkwasser einsetzen. Transparenz ist auch in dieser Angelegenheit einzufordern. Trinkwasserqualität muss über den Interessen der Fa. Celler Land Frischgeflügel GmbH, dem Geschäftsergebnis der SVO und eigenen Karrieren stehen. Die GRÜNEN im Landkreis sind weiter auf der Suche nach der umfänglichen Wahrheit. Analysenaufträge an unabhängige Labore können umgehend erteilt werden.“

Stellungnahme Wolfgang Klußmann:
„Ich weise darauf hin, dass die Wasserbeschaffung und -versorgung zum 01.01.1994 vom Wasserversorgungsverband im Landkreis Celle vollständig auf die SVO übertragen worden ist. Diese ist aufgrund der gesetzlichen und vertraglichen Regelungen verpflichtet, unabhängig von politischen Interessenlagen, jeden Antragsteller mit Wasser zu versorgen. Sowohl die Beschaffung als auch die Versorgung hat dabei im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften zu erfolgen. Daran, dass die SVO ihre gesetzlichen Verpflichtungen zu jederzeit vollumfänglich erfüllt, bestehen weder von mir noch von den Mitgliedern des Wasserversorungsverbandes Zweifel.“

Stellungnahme SVO:

„Grundsätzlich ist die SVO seit 1994 über bestehende Verträge verpflichtet, die Wasserbeschaffung und -versorgung im Verbandsgebiet des Wasserversorgungs-verbandes im Landkreis Celle (WVC) umfassend durchzuführen und jedermann im Verbandsgebiet mit Wasser zu beliefern. Diese Verpflichtung ist unabhängig vom Verwendungszweck.

Die Informationen von Herrn Weißenborn zur Wasserbeschaffenheit in Wietze sind seit Jahren bekannt und werden in den vielfältigsten Stellungsnahmen der SVO bereits erläutert. Die im Schreiben von Herrn Weißenborn genannten Chloridwerte von früheren Pumpversuchen können wir nicht bestätigen.

Die erhöhten Salzgehalte im Wietzer Wasser sind seit je her grundsätzlich geologisch bedingt. Durch die langjährige Erfahrung der SVO-Mitarbeiter und die Begrenzung der Förderrechte auf 600.000 Kubikmeter pro Jahr wird diesem Sachverhalt Rechnung getragen und die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben sicher gestellt. Trinkwasser ist in Deutschland das am besten und strengsten untersuchte Lebensmittel. Dafür sorgt die Trinkwasserverordnung mit Ihren strengen Vorgaben hinsichtlich Grenzwerten und Analyseuntersuchungen. Die bisher gemessenen Werte im Wietzer Trinkwasser liegen deutlich unter den Grenzwerten der Trinkwasserverordnung. Diese Werte werden kontinuierlich nach Maßgabe der Trinkwasserverordnung durch das Gesundheitsamt Celle überwacht.“

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