Demokratiekonferenz in Bergen mit Theater und Gesprächen

Gesellschaft Von Redaktion | am Fr., 20.10.2017 - 22:00

BERGEN. Erstmals wurde in Bergen am Donnerstagabend zu einer Demokratiekonferenz eingeladen. Auf dem Programm standen Theater, ein Interview mit dem Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Dr. Jens-Christian Wagner und Bürgermeister Rainer Prokop über ihr Demokratieverständnis und der Austausch mit den Besuchern zum Thema Demokratie. Hintergrund der Veranstaltung: Bergen beteiligt sich am Bundesprogramm „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dazu wurde bereits ein Jugendforum gegründet, ein so genannter „Begleitausschuss“ soll sich am 9. November mit Projekten beschäftigen, die die Demokratie in Bergen stärken könnten. Vom Bund stünden dafür 2017 noch 20.000 Euro zur Verfügung, für 2018 sind bis zu 39.000 Euro abrufbar.

Der Integrationsbeauftragte der Stadt Bergen, Philipp Legrand, führte die knapp 50 Zuhörer ins Thema ein. Das Programm „Demokratie leben“ werde in Bergen organisiert im Rahmen einer Kooperation zwischen der Stadt und der Gedenkstätte Bergen-Belsen. „Die zentralen Akteure sind aber die Menschen, die in der Stadt leben und arbeiten“, betonte Legrand. Zwischen seinem eigenen Aufgabenfeld, der Integration, und dem Hauptthema des Abends, Demokratie, sieht Legrand eine enge Beziehung: „Demokratie funktioniert nicht ohne Integration und Teilhabe“. Dabei hält er Integration nicht nur in Bezug auf Migranten für wichtig. „Es gibt Familien, in denen seit Generationen nicht mehr gewählt wird“, so der Politikwissenschaftler und Soziologe. Die „Akademisierung“ der Parteien führe auch dazu, dass immer weniger Menschen sich im Parteiensystem vertreten fühlten.

Dr. Leyla Fermann, die als externe Koordinatorin und Mitarbeiterin der Gedenkstätte das Programm begleitet, erläuterte Beispiele für Projektideen: Vorstellbar seien Aktionstage, Filmvorführungen oder auch ein die Realisierung eines eigenen Films, Vorträge, Diskussionen, Workshops, Seminare... Ihre Aufgabe besteht darin, Menschen mit Ideen zu beraten und auf dem Weg von der Idee zum Projekt zu unterstützen. Ein lockeres Beisammensein im Anschluss an das „offizielle“ Programm der Demokratiekonferenz sollte dazu dienen, hier erst Kontakte herzustellen.

Mit Demokratie kann man sich auch in Form von Kultur befassen. Das machte an diesem Abend das Hannoveraner Improvisationstheater „Improkokken“ deutlich. Witzig, wortgewandt und kreativ ließen sich die drei Schauspieler von den Vorgaben aus dem Publikum inspirieren und sorgten für originelle Unterhaltung. Aber auch die Schwierigkeiten der Demokratie wurden in diesem Theater deutlich: Wer immer vom „Zuruf“ des Volkes abhängt, muss oft 180 Grad-Wendungen vollziehen und reißt vieles an, ohne in die Tiefe gehen zu können. Der Applaus war den „Improkokken“ Marc Beinsen, Sonja Thöneböhm und Mareike Schlote für ihre professionelle Improvisationskunst am Ende sicher.

Im zweiten Teil des Abends stellten sich Jens-Christian Wagner und Rainer Prokop den Fragen von Leyla Fermann und Philipp Legrand. Die beiden sprachen über ihre familiäre und gesellschaftliche, demokratische Prägung, die Bedeutung der Demokratie und darüber, ob und wie man Demokratie „lernen“ kann.



Das Erleben eines diktatorischen Staates – Wagner lebte etliche Jahre während der Pinochet-Diktatur in Chile – habe ihn ebenso geprägt wie die Mitarbeit in einem demokratisch organisierten Unternehmen, der Puk Minicar GmbH, während seiner Studienzeit in Göttingen, berichtete der Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Der Historiker möchte in der Gedenkstättenarbeit keine vorgegebene Lehrmeinung vermitteln, sondern die Möglichkeit bieten, sich selbst eine Meinung zu erarbeiten. „Ich bin kein Freund einer Pädagogik, die sagt, früher war alles ganz schrecklich und jetzt sind wir in der leuchtenden Zeit der Demokratie angekommen“, stellt er fest. Wichtig ist ihm, zu zeigen, wie fragil die Demokratie ist. Schließlich sei sie 1933 einen „Sekundentod“ gestorben.

Rainer Prokop berichtete von seinen Erfahrungen in der Schülermitverwaltung und in der Familie, in der er aufgewachsen ist. Hier habe eher eine „Demokratur“ geherrscht. Demokratie gelernt habe er nicht zuletzt als Bürgermeister von Bergen. Für ihn sei diese Form des Zusammenlebens die „schwierigste und komplizierteste“, weil man in jeder Situation von Anfang an die Menschen von seinen Ideen überzeugen, mit Gegenwind und als Unterlegener mit der Entscheidung der Mehrheit leben müsse. Dennoch wisse er keine bessere Form des Zusammenlebens.

Davon, wie es ist, mit Gegenwind zu leben, kann der Bürgermeister derzeit ein Lied singen. So wurde in der anschließenden Diskussion auch über das Thema gesprochen, das die Bergener Politik aktuell beschäftigt und bei dem sich die demokratischen Mehrheiten gewandelt haben: die Internationale Begegnungsstätte. Etliche Beiträge aus dem Publikum griffen das Thema auf. „Ich bin erschrocken, was passiert. Viele Menschen haben sich auf eine Zukunft mit der IBB gefreut“, erklärte Edith Kappelmann. SPD-Ratsherr Rüdiger von Borcke erklärte, dass allerdings auch die Befürworter sich mehr Informationen gewünscht hätten. Die Zusage von Seiten Wagners, dass „die Wirtschaftlichkeit allein schon durch die Kooperation mit der Gedenkstätte gesichert“ sei, reiche nicht aus. „Da muss mehr Butter bei die Fische“, mahnte von Borcke verlässliche Planungsgrundlagen an.