CELLE. Den kriminalistischen Spürsinn, der notwendig war, um sie zusammenzutragen, sieht man den Objekten nicht an, wirken die Möbel, Lampen und das Porzellan doch so vertraut und unspektakulär. „Es geht nicht immer um die hohe Kunst, es geht auch um Alltägliches“, erläutert Kurator und Historiker Dr. Christopher M. Galler in seinem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Suche nach Herkunft“ gestern Abend im Bomann-Museum. Die Exponate sind sehr unterschiedlich, allen gemeinsam ist jedoch, dass sie ihren jüdischen Eigentümern geraubt wurden bzw. diese gezwungen waren, ihren Besitz erheblich unter Wert zu veräußern.

„Das Vermögen emigrierter und deportierter Juden verfällt dem Reich“, hieß es in der Verordnung vom 25. November 1941 zum Reichsbürgergesetz. Eine Schlüsselrolle bei Kunstgegenständen kam deren Händlern und Auktionatoren zu. Mit welcher Haltung diese ihre Profession betrieben, macht ein Redner der Vernissage, der Leiter des Fachbereichs Provenienzforschung am Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste Dr. Uwe Hartmann, anhand eines Zitates deutlich: „Den Juden ist das in ihrem Besitz befindliche Kunst- und Kulturgut, an dem ihre Rasse schaffend nie beteiligt war, zu entziehen und in arische Hände zu bringen. Die Überleitung in arischen Besitz erfolgt über den Kunsthandel“, habe das Mitglied der zentralen „Arisierungsbehörde“ im besetzten Österreich, Hermann von Trenkwald, im Jahr 1939 geschrieben.

Für das Celler Bomann-Museum nahm diese Position das Auktionshaus Hans W. Lange ein. Von 1940 bis 1944 war es die Bezugsquelle für rund 100 Kunstobjekte. Diese zählen zu den rund 3.000 Objekten, deren Herkunft der Historiker Galler seit März 2016 erforscht. „Dr. Galler nahm eine kleine Stichprobe und schon ergab sich ein Verdacht“, berichtet Museumsdirektor Dr. Jochen Meiners über die Anfänge der Projektarbeit, die für zwei weitere Jahre fortgesetzt wird.

Insgesamt verzeichnete das Celler Museum zwischen 1933 und 1945 6.000 Neuzugänge. Hierbei handelte es sich bei einem erheblichen Teil um lokale Gegenstände aus jüdischem Besitz. „Das Kissen mussten wir runternehmen, das war abgenutzt, denn die Vorgänger von Jochen Meiners haben noch täglich auf diesem Stuhl gesessen“, veranschaulicht Galler die theoretischen Ausführungen in der Ausstellungshalle angesichts eines sehr gut erhaltenen Mahagoni-Sitzmöbels mit Armlehnen und Geflecht, das dem jüdischen Celler Bürger und langjährigen Mitglied des Museumsvereines, Iwan Dawosky, gehört hatte. Seine Frau Lydia war als Erbin seines Vermögens vorgesehen, sie befand sich in einem Konzentrationslager, als sich das Museum im Jahr 1943 des Besitzes bemächtigte. Christopher Galler möchte nicht nur die Exponate präsentieren, sondern auch die dazugehörigen Menschen, das Verfolgungsschicksal, die Bedeutung, die die Gegenstände in ihrem Leben einnahmen, mit welcher Hingabe sie sammelten und bewahrten. „Dieses ist keine Forschung für den Elfenbeinturm“, macht Galler in seinem Vortrag klar.

Es geht um Biografien von Objekten, und diese zu erstellen, ist überaus schwierig, mehr als einmal wird das Wort „Detektivarbeit“ im Laufe des Abends benutzt. Auch diesen Aspekt möchte der Kurator in der Schau nachvollziehbar machen. Ein etwas in die Jahre gekommener Schreibtisch mit allen notwendigen Utensilien für Recherchetätigkeit steht in der Ausstellungshalle zur Verfügung, die Besucher sind eingeladen, selbst aktiv zu werden. Das Geschehen um die zu besichtigenden Kulturgüter ist derweil im Fluss, etliche sind nur „auf der Durchreise“, es wird nach fairen Lösungen für eine Rückgabe an die rechtmäßigen Erben gesucht, teilweise ist bereits restituiert worden

Noch bis vor circa zwei Jahren waren Ausstellungen über NS-Raubkunst eine Seltenheit. „Doch nun verzeichnen wir einen regelrechten Boom“, berichtet Galler. Die öffentliche Präsentation ist nur ein Teil von drei Komponenten. „Zunächst ist geforscht worden, dann bemühte man sich, die Erben ausfindig zu machen“, erläutert die Leiterin des niedersächsischen Netzwerkes Provenienzforschung, Dr. Claudia Andratschke, nun werde die Öffentlichkeit informiert. Und diese hat Gelegenheit, das Thema zu vertiefen, denn zahlreiche Vorträge, ein Film sowie ein Workshop begleiten die Schau mit einer ungewöhnlich langen Laufzeit.

Bis zum 29.3.2020 können sich Interessierte auf die „Suche nach Herkunft“ von Objekten machen, die so viel erzählen über die Menschen, denen sie einst gehörten, und entscheiden, ob sie übereinstimmen mit der Stadträtin für Soziales und Kultur, Susanne McDowell, die in ihrem Grußwort sagt: „Die Ausstellung ist wirklich großartig.“

Text: Anke Schlicht





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