HANNOVER/CELLE. Sind deutsch-französische Partnerstädte 55 Jahre nach der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags noch zeitgemäß und sinnvoll? Diese Frage wurde gestern intensiv in zwei Diskussionsrunden beim deutsch-französischen Abend zwischen Politikern, Partnerschaftsbetreuern, Vorsitzenden von Deutsch-Französischen-Gesellschaften und Partnerschaftsvereinen erörtert. Einig war man sich darin, dass die Beziehungen im Laufe der vielen Jahre, wie jede andere Partnerschaft auch, einem Auf und Ab unterworfen seien. Derzeit gestalten sich die Beziehungen – nicht zuletzt durch die Globalisierung – wesentlich schwieriger. Das Interesse an dem jeweils anderen Land lasse spürbar nach. In den Schulen hat das Erlernen der spanischen oder chinesischen Sprache sowohl in Deutschland als auch in Frankreich die Fächer Deutsch bzw. Französisch auf hintere Plätze verdrängt.

Um aber die deutsch-französische Partnerschaft als Fundament Europas zu festigen, bedürfe es der persönlichen Bekanntschaften und Freundschaften, die am ehesten über Kontakte zwischen Vereinen und Verbänden aber auch zwischen Kommunal- und Landespolitikern geknüpft und gefestigt werden können. Für die norddeutschen Städte komme erschwerend hinzu, dass für Franzosen Süddeutschland wesentlich attraktiver erscheine, als der „kühle“ Norden. Letztendlich stimmten die Diskussionsteilnehmer darin überein, dass sich gerade auch bei immer knapper werdenden finanziellen Mitteln in den Kommunen die Anstrengungen um eine lebendige Städtpartnerschaft auszahlen werden: „Denn wer glaubt, dass man die Dinge einfach so laufen lassen kann, ohne sich darum zu kümmern, der tötet sie.“

Der Celler Raum war durch Vertreter aus Celle, Lachendorf und Wathlingen in Hannover u.a. auch durch die Vorsitzende der Partnerschaft Villeparisis-Wathlingen e.V., Monika Wille, auf dem Podium gut vertreten. Der 1. Bürgermeister aus Celles Partnerstadt Meudon, Georges Koch, hatte es sich nehmen lassen, ein Statement anlässlich des Deutsch-Französischen Tages zu übersenden:

„Meudon, eine französische Stadt ein paar Schritte von Paris entfernt, und Celle, eine deutsche Stadt ein paar Kilometer von Hannover, wo Sie sich heute Abend treffen, unterzeichneten am 18. Dezember 1953 ihren Eid der Partnerschaft. Acht Jahre nach dem Ende eines Krieges dessen Gräueltaten unauslöschliche Spuren hinterlassen hatte, ohne eine Hoffnung auf Versöhnung. Der damalige Bürgermeister von Meudon, René Leduc, überlebte auf wundersame Weise das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Er hatte eine andere Vorstellung von unserer Zukunft, wandte sich bereits dieser Versöhnung zu, um die in ihm gereifte europäische Idee zu nähren. Und er hatte sich entschieden, dass es Celle sein sollte, die erste Stadt wie Meudon, die er nach seiner Entlassung gesehen hatte. Diese Idee wurde von Celles Bürgermeister Dr. Heinichen mitgetragen und unterstützt.

Schwierige Anfänge in Meudon und erst nach und nach die Idee, die ihren Weg nimmt … Heute, da wir im Dezember bereits das 65 jährige Bestehen unserer Partnerschaft feiern können, ist diese in Bezug auf die rund 2200 deutsch-französische Partnerschaften, die nachfolgten, vorbildlich. Beispielhaft in Bezug auf die Beziehungen zwischen den Räten unserer beiden Städte, aber vorbildlich vor allem, weil sie die gesamte Bevölkerung unserer beiden Städte einbezieht, sowohl im Netzwerk von Institutionen, wie Polizei und Feuerwehr aber viel breiter berührt sie Vereine und Verbände, Schulen, kulturelle, künstlerische und sportliche Austausche und mehr und mehr auch Firmen und Kunsthandwerker.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, das ist das Europa der Völker, das Europa der Herzen, das allen politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Hindernissen widersteht. Es ist das Engagement von Freiwilligen und Bürgern, das es wertvoll und unumkehrbar macht. Es ist mehr als 55 Jahren her, dass die Vorläufer Europas – Jean Monnet, de Gasperi, Paul-Henri Spaak – und andere wie Robert Schuman, Pierre Pflimlin, Joseph Rovan auch, die Grundlagen gelegt haben von einer ersten Europäischen Union. Noch schüchtern und fragil, aber bereits absolut sicher unterzeichneten der Kanzler Konrad Adenauer und der Präsident Charles de Gaulle im Elysee Palast den Vertrag, der all seine Konstanz einem Europa geben würde, das auf der Basis des deutsch-französischen Paares verwurzelt ist. Dieses Bild des deutsch-französischen Paares wird oft verschrien ist aber so wahr, so grundlegend, so wesentlich. Dieser Text, der zwischen Frankreich und Deutschland eine enge Zusammenarbeit in allen grundlegenden Bereichen geschaffen hat, wird zu einem wesentlichen Zahnrad der europäischen Mechanik. Unsere zwei Nationen teilen eine Vergangenheit von gemeinsam überwundenen Torturen, eine Gegenwart gemeinsamer Interessen, eine Zukunft gemeinsamer Ambitionen, die wir mit unseren europäischen Partnern teilen müssen, mit der offensichtlichen Notwendigkeit, den Stolz der Nation aufzugeben.

Heute, während ich die Fortschritte und Erfolge, die durch diesen Eid der Zusammenarbeit und Liebe entstanden sind bemerke , während ich mir der Krisen bewusst bin, die das Paar erlebt hat – wie jedes Paar, dessen Stärke nicht in Frage gestellt wird – und während Europa Schwierigkeiten hat, die nicht ignoriert werden dürfen, ist es an der Zeit, diesen Text zu überprüfen, den Staub abzuwischen, ihn zu aktualisieren, ihn in eine Zukunft zu führen, die wir alle hoffen, und vor allem unsere Jugend. Vor diesem Hintergrund müssen wir den Entschließungsantrag für einen neuen Elysée-Vertrag begrüßen, der vom Präsidenten der Nationalversammlung vorgelegt wurde und der von mehreren Abgeordneten unterstützt wird. In diesem Text ist alles gesagt. Es ist jetzt notwendig entschlossen und engagiert für die Zukunft zu agieren. Wir brauchen Frauen und Männer, politische und institutionelle Entscheidungsträger, die sich der Notwendigkeit bewusst sind, dem deutsch-französischen Paar neue Impulse zu geben, damit sie ihre Hauptaufgabe im Streben nach dem unverzichtbaren Aufbau erfüllen können. Ein freies, geeintes, prosperierendes und brüderliches Europa.“

 

 

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